Der Tagesspiegel : Zeit der Zuschläge

Trotz steigender Treibstoffkosten: Aufs Reisen wollen viele nicht verzichten

Christian Röwekamp

Frust an der Tankstelle gehört für viele Autofahrer inzwischen zur Gewohnheit. Und auch die Kerosinzuschläge auf Flugtickets klettern bei einigen Anbietern immer weiter, weil der Ölpreis so stark gestiegen ist. Selbst Anbieter von Busreisen kassieren jetzt Treibstoffaufschläge. Mobilität wird immer teurer, das spüren die Deutschen ganz unmittelbar in ihren Geldbeuteln. Auf das Urlaubsreiseverhalten in diesem Sommer wird sich die Entwicklung nach Ansicht von Experten aber noch nicht auswirken. Langfristige Effekte, etwa für die Urlaubsplanung 2009, sind aber durchaus vorstellbar.

Viele Bundesbürger ärgerten sich zwar über die gestiegenen Preise, sagt Martin Lohmann, Tourismusforscher aus Kiel. Dass deswegen kurzfristig auf Urlaub verzichtet wird, sei aber nicht der Fall. Für den Sommer 2008 seien Planung und Buchung bei den meisten Reisenden schließlich schon abgeschlossen. Auch Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband (DRV) in Berlin stellt fest: „Die Verteuerung der Mobilität hat sich nicht auf die Buchungszahlen ausgewirkt.“ Bei den Veranstaltern zeige die Entwicklung in diesem Sommer klar nach oben.

Lohmann erwartet allerdings, dass viele Menschen schon jetzt ihre Urlaubsplanung für 2009 unter neuen Voraussetzungen betrachten: „Mancher wird sicher nachdenklicher und überlegt sich künftig, ob er eine 2000 Kilometer lange Strecke tatsächlich mit dem Auto fahren will – oder ob er nicht doch lieber die Bahn nimmt.“ Vor allem für den Klimaschutz wäre das „eine gar nicht so schlechte Entwicklung“.

Dass mehr Urlauber auf andere Verkehrsmittel umsteigen, hofft auch Dieter Gauf, Hauptgeschäftsführer des Bustouristik-Verbandes RDA in Köln. Zwar sei einerseits durch die hohen Dieselpreise „die Existenz vieler Busunternehmen infrage gestellt“. Andererseits könnten aber immer mehr Menschen mit Blick auf ihre Tankrechnungen dazu übergehen, die Autokosten mit denen einer günstigeren Bustour zu vergleichen.

Doch auch das Busfahren wird teurer, vorangetrieben vor allem durch die Preisentwicklung bei Diesel. Der Anbieter Schmetterling Reisen in Geschwand (Bayern) zum Beispiel hat nach eigenen Angaben seit dem Jahresanfang beim Kraftstoffeinkauf 23 Prozent drauflegen müssen. Meist werden solche Kostensteigerungen von der Branche – zum Beispiel beim Mieten eines Busses für Vereins- oder Schulausflüge – an die Kunden weitergegeben, sagt RDA- Manager Gauf, der allerdings auch beobachtet, „dass die Verbraucher dafür Verständnis aufbringen“.

Doch auch bei Bus-Ferienreisen steigen die Kosten. Für Neubuchungen zum Beispiel nach Spanien, Kroatien oder Frankreich erhebt Schmetterling vom 15. Juni an einen Treibstoffzuschlag von fünf Euro pro Person und Strecke. Damit gehört das Unternehmen zwar zu einer Minderheit innerhalb der Branche. Die Zahl der Anbieter, die Zuschläge erheben, könnte in Zukunft aber steigen, schätzt Martin Becker, Geschäftsführer der Gütegemeinschaft Buskomfort in Böblingen.

In anderen Zweigen der Tourismusbranche sind Kraftstoffzuschläge längst zur Normalität geworden. Es gibt sie als Bunkerzuschlag für Schiffsdiesel bei Kreuzfahrtschiffen sowie als Kerosinzuschlag in der Fliegerei. Erst am Mittwoch haben mit der Lufthansa und Air Berlin die größten deutschen Fluggesellschaften ihre Zuschläge erhöht, und zwar jeweils für Neubuchungen ab dem 16. Juni. Bei beiden war es die zweite Erhöhung binnen vier Wochen.

Je nach Länge des Fluges müssen bei Air Berlin jetzt zusätzlich 25 bis 95 Euro pro Person und Strecke gezahlt werden, vor der jüngsten Erhöhung waren es 22 bis 85 Euro. Bei Lufthansa stieg die Spanne von zuvor 21 bis 82 Euro auf nun 24 bis 92 Euro pro Person und Strecke.

Diese Zuschlagserhöhungen können auch Reiseveranstalter an ihre Kunden für alle Neubuchungen weitergeben. Bei bereits abgeschlossenen Reiseverträgen gilt dies hingegen nur sehr eingeschränkt: Während der vier Monate, die zwischen Buchung und Reiseantritt liegen, ist der Veranstalter an seine Preiszusage gebunden, erklärt DRV- Sprecher Schäfer. Für Touren, die erst später beginnen sollen, kann sich das Unternehmen aber eine nachträgliche Erhöhung durch eine Klausel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) offenhalten.

Noch etwas anders ist die Situation bei Last-Minute-Anbietern wie L’tur in Baden-Baden. „Wir bekommen die Preise der Airlines bereits mit allen Zuschlägen inklusive“, sagt Sprecherin Tanja Dauth. Auch aus diesem Grund sei es schwierig, abzuschätzen, ob die höheren Kerosinkosten jetzt Last- Minute-Reisen verteuern werden oder nicht. „Insgesamt haben wir nicht das Gefühl, dass das Preisniveau derzeit ansteigt“, sagt Dauth.

Zum Teil könne das mit zurückhaltenden Buchungen während der Fußball- EM zu tun haben: „Auch bei der WM vor zwei Jahren gab es den großen Ansturm auf unsere Reisen erst nach dem letzten Abpfiff.“ Der Preisdruck an den Tankstellen führt inzwischen aber auch zu bislang ungeahnten Angeboten an Reisende. So erstattet ein Hotel in Hermannsburg bei Celle jetzt Gästen die Benzinkosten für die Anreise, wenn sie zwischen dem 20. Juni und dem 31. August mindestens sieben Nächte bleiben. Dadurch, so der Tourismusverband Lüneburger Heide in Lüneburg, ließen sich je nach Wohnort bis zu 240 Euro sparen.

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