Der Tagesspiegel : Zeitmaschine an der Seepromenade

Das Loch läuft voll: Am Rande des ehemaligen Tagebaus Meuro wurde ein neues Ausstellungszentrum eröffnet

Gerd Conradt

Großräschen. Heiß brannte die Sonne auf die verlassenen Abraumhalden, feiner Sand wehte durch die Luft, und ein Saxophonspieler stimmte zur Feier des Tages die Hymne aller Bergleute: „Glück auf, der Steiger kommt.“ Nun, der kommt im ehemaligen südbrandenburgischen Braunkohle-Tagebau Meuro schon lange nicht mehr. Bereits vor fünf Jahren wurden die Buddelei gestoppt und Meuro stillgelegt. Aber bereits in wenigen Jahren soll dort neues, nunmehr touristisches Leben einkehren, soll das Lausitzer Loch voll laufen und von Schwimmern, Paddlern, Seglern bevölkert werden.

Ein großer Schritt in diese Richtung ist getan: In Großräschen wurden jetzt, am Rande der Abbruchkante des ehemaligen Tagebaus und damit am Ufer des künftigen Ilse-Sees, die neuen IBA-Terrassen eröffnet, das künftige Informations- und Ausstellungszentrum der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land – „ein sehr ehrliches Projekt“, wie Ministerpräsident Matthias Platzeck fand, weil die Vergangenheit der Lausitz in keiner Phase verleugnet werde.

Entworfen hat die Anlage der Architekt Ferdinand Heide aus Frankfurt/Main. In dem 270 Meter langen Bau, knapp vier Millionen Euro teuer und finanziert aus Mitteln für die Sanierung der Braunkohlereviere und des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung, sollen bis zum Ende der IBA im Jahr 2010 wechselnde Ausstellungen gezeigt werden. Den Anfang macht die von Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka eröffnete „ZeitmaschineLausitz“, eine Reise durch 150 Jahre Industrie-, Kultur- und Sozialgeschichte der Region. Gezeigt werden das Senftenberger Braunkohlerevier mit Tagebau, Stromerzeugung, Brikettherstellung, Textil- und Glasindustrie sowie Lauchhammer, ein frühes Wirtschaftswunder der Stahlindustrie. Das Kombinat „Schwarze Pumpe“ und das Textilkombinat Cottbus stehen beispielhaft für die Entwicklung der DDR. Bei vielen Zuschauern stieß die Ausstellung auf spontane Begeisterung: „Viel wurde hier erfunden und gebaut – gut, dass an unsere Geschichte erinnert wird." Oder auch: „Hier haben sich Tragödien abgespielt, Orte und Landschaften verschwanden unter den gierigen Schaufeln der riesigen Bagger.“

IBA-Geschäftsführer Rolf Kuhn sieht den künftigen See nicht nur als touristischen Glanzpunkt: „Anziehende Landschaften fördern positives Denken, positive Landschaften sind wirtschaftlich erfolgreich.“ Nach den ersten beiden IBA-Besuchermagneten, der Slawenburg in Raddusch und der LichtKlang-Installation F60 in Lichterfeld, ist mit den Terrassen ein Ort geschaffen worden, der die verschiedenen Aktivitäten miteinander verknüpfen soll. „Die Zahl 3 hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. Bildeten die ersten zwei Projekte eine Achse, lässt sich mit drei Punkten eine Fläche markieren, die einen gewaltigen Landschaftswandel mit hohen Qualitätsansprüchen sichtbar macht.“

Namenspatron Fürst Pückler, Lichtgestalt der Lausitz, weltbekannter Reiseschriftsteller, Gartengestalter, Pionier des Europagedankens, hätte sicher Freude an der „Werkstatt für neue Landschaften“, wie sich die IBA im Untertitel nennt. IBA – das war aber schon früher ein Markenzeichen von Großräschen, als die Ilse Bergbau Aktiengesellschaft (IBA) dort Klinker und Ziegelsteine herstellte, etwa fürs Rote Rathaus in Berlin.

Wann aus dem Tagebau Meuro der Ilse-See wird, hängt von vielen Faktoren ab. Nach Abschalten der Pumpen steigt der natürliche Grundwasserspiegel wieder. Doch das Wasser ist sauer, Pflanzen und Tiere können darin nicht leben. Die künftigen Seen der Lausitz sind auf Frischwasserzufuhr angewiesen, aus der Schwarzen Elster, der Spree und – über einen projektierten Kanal – der Neiße. Nicht nur auf direktem Wege wird den Flüssen Wasser entzogen, sondern auch unterirdisch geben sie Sickerwasser an die Tagebaulöcher ab. Klimaveränderungen mit heißen Sommern lassen Zweifel aufkommen, ob das Konzept der Seenlandschaft in der seit jeher regenarmen Lausitz aufgeht. Geplant hat man ohnehin langfristig: Erst 2017 soll der 771 Hektar große See voll sein.

IBA-Terrassen, Großräschen, Seestraße 100, täglich 10-18 Uhr, Tel.: 035753 / 261-0. Infos im Internet unter www.iba-see.de. Ausgerüstet mit festem Schuhwerk kann man ergänzend zur Ausstellung an einer der geführten Tagebauwanderungen teilnehmen.

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