Zeitung Heute : ...spielt es sich ganz ungeniert

HARALD MARTENSTEIN

Im Fußball erkannten wir unsere Tugenden wie in einem Spiegel: effizient, schnörkellos, tüchtig.Mit der gleichen Zielstrebigkeit wie unsere Autobahnen haben wir einen Welt- und Europameistertitel nach dem anderen gebaut; Glück war auch dabei.

Jahrzehntelang haben ein 0:0 gegen Albanien und ein 2:3 gegen Österreich die Tiefpunkte deutscher Fußballgeschichte markiert.Aber das ist gar nichts, verglichen mit jenem 0:3 gegen die USA, die im Fußball eine ähnliche Rolle spielen wie der Staat San Marino in der Weltpolitik.Es folgte ein glückliches 3:3 gegen Kolumbien.Die deutschen Tugenden können sich nicht einmal mehr gegen die kolumbianischen Tugenden durchsetzen.Wie bitter das alles ist.

1990 wurden wir noch einmal Fußball-Weltmeister.Franz Beckenbauer, der Teamchef, sagte damals: Wir werden für viele Jahre unbesiegbar sein.Das war nicht nur arrogant.Das war nicht nur ein Irrtum.Franz Beckenbauers Satz beschrieb das Problem der deutschen Fußballer.Sie waren satt und selbstgewiß.Sie hatten kein Ziel mehr, außer der Verteidigung des Status quo.Ihre Angst zu verlieren, ist stets größer als der Wille zu gewinnen.Und obwohl sie von ihrem Weltmeisterthron längst verjagt worden sind, obwohl ihr Ruf längst ruiniert ist, spielen sie auch heute noch so.

Die Triumphe des deutschen Fußballs entstanden aus zusammengebissenen Zähnen, aus Schweiß und harter Arbeit, ausgenommen jene kurze Phase, die man mit den Namen Günther Netzer und Franz Beckenbauer verbindet.Andere Völker können sich dem Spiel hingeben wie einem Rausch, wir nicht.Entscheidend ist, was hinten herauskommt: So lautet ein berühmter Satz von Helmut Kohl.Er beschreibt zugleich das Spielsystem des Vereins Bayern München, dieses System ist auch zum System der Nationalmannschaft geworden.Was hinten herauskommt: das Ergebnis.Sie spielen, um nicht zu verlieren, egal wie.

Aber Bayern München ist ein multinationales Großunternehmen, eine zusammengekaufte Mannschaft, die aus internationalen Weltklassespielern besteht.Bayern München kann den Ball halten, den Gegner einschläfern und blitzschnell zuschlagen.Die deutsche Nationalmannschaft hat längst nicht so viele Weltklassespieler wie Bayern München.Sie ist nicht in der Lage, das coole, abgeklärte System der Bayern zu spielen.

Ohne Kampfgeist können die Deutschen nicht gewinnen.Es klappt nicht mehr, weil die jungen Spieler satt sind, bevor ihre Karriere überhaupt richtig begonnen hat.Deswegen nützte die Verjüngung der Nationalmannschaft gar nichts.Im Gegenteil.Die Alten, die Generation Matthäus, die sich noch an eine Zeit erinnern können, in der sie keine Millionäre waren, laufen sogar heute noch Bällen hinterher, die ihre jüngeren Kollegen achselzuckend verlorengeben.Die neoliberale Kritik am bundesdeutschen Wohlfahrts- und Wohlstandsstaat ist vielleicht unzutreffend, aber auf den deutschen Fußball paßt sie genau: Die Arbeitnehmer sind in Besitzstandsdenken erstarrt.Sie sind unflexibel, sie verdienen zu viel.Anderswo auf dem Weltmarkt wird das Produkt Fußball billiger und in besserer Qualität produziert.

Jetzt wird gefordert, rasch ein paar erfolgshungrige ausländische Spieler einzubürgern, um den Personalbestand der Nationalmannschaft aufzufrischen.So hat auch die Globalisisierung ihre ironische Note: Reiche Länder importieren sich ihre Underdogs.Gibt es einen kolumbianischen Drogentäter, der zu Hause Probleme hat, aber gut dribbeln kann? Wir resozialisieren den.

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