Zeitung Heute : 1. FC Union: Die Last des Pokals

Karsten Doneck

Heiner Bertram hat seine Vorgaben unmissverständlich formuliert. Auswärts, so der Präsident des 1. FC Union während der Winterpause, würden in Zukunft Unentschieden nicht mehr reichen, Siege müssten her. Georgi Wassilew, der Trainer, verstand die Botschaft. Er versprach, in fremden Stadien die bisher recht risikoarme Taktik gegen eine mutigere zu tauschen. Zwei Mann, ein Ziel: der Aufstieg in die Zweite Liga. Doch als die Spieler Unions in der Fußball-Regionalliga erstmals den Beschluss der Verantwortlichen umsetzen sollten, kam wieder nur das heraus, was in der Fremde fast immer herauskommt: ein Unentschieden.

Das 2:2 bei Wattenscheid 09 am Sonntagnachmittag brachte Union im elften Auswärtsspiel die siebente Punkteteilung. Wieder nur ein Punkt - das ist zu viel, um unentrinnbar im Tabellenmittelfeld zu versacken und zu wenig, um den führenden Mannschaften heißen Atem ins Genick zu pusten. Sechs Punkte trennen bereits die Unioner von der Tabellenspitze.

Der DFB-Pokal und seine Folgen. "Welch eine Freude, welch ein Glück!", jubilierte Rüdiger Knaup, der 1. Vorsitzende der SG Wattenscheid, im Programmheft zum Spiel darüber, dass Union fünf Tage nach dem Erreichen des Pokalfinals nun im Lohrheidestadion gastierte. "Dass Union gleich nach dem Pokalspiel zu uns muss, muss kein Nachteil für uns sein", unkte auch Wattenscheids Trainer Hannes Bongartz. Ein Schelm, wer bei derlei Vorfreude Böses denkt. Knaup und Bongartz ahnten, dass die Unions Spieler die aufreibenden 120 Pokalminuten gegen Mönchengladach bis zum Spiel in Wattenscheid kaum verkraftet haben würden, weder physisch noch mental. Und Steffen Menze, der Kapitän der Berliner, gab zu: "Wir hatten nicht so die Kraft." Wassilew ergänzte: "In mancher Szene fehlte die nötige Konzentration." Union - und die Last des Pokals.

Nicht auszuschließen ist auch, dass gegnerische Trainer künftig weniger Probleme haben, ihre Mannschaft für ein Spiel gegen Union zu motivieren. Der Pokalfinalist kommt - ein solcher Satz wird für jeden Gegner Unions in Zukunft Warnung und Ansporn zugleich sein. Wer will dem Pokalfinalisten nicht gern eins auswischen? Wie die Wattenscheider, die selbst in Unterzahl nach einem Platzverweis für Przybilla kurz vor dem Pausenpfiff keinen Meter Boden preisgaben. Und es könnte der Tag kommen, wo Union heilfroh wäre, wenn auswärts wenigstens noch Unentschieden herausspringen würden.

Nun sind die Köpenicker zwar dank ihrer Pokalerfolge in aller Munde, aber gewisse Informationsdefizite über den Klub existieren, zumindest tief im Westen, nach wie vor. Da ging also vor Spielbeginn ein wissbegieriger Ordner der SG Wattenscheid auf einen Mann zu, der an seinem rot-weißen Outfit unschwer als Union-Fan auszumachen war. "Sagen Sie mal", fragte der Ordner ganz höflich, "ist der 1. FC Union eigentlich der Klub, der früher mal BFC Dynamo hieß?" Der Union-Fan rang bei dieser Frage sichtlich nach Fassung. Seine Antwort begann mit "Oh nein, Mann. Nicht doch ..."

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