Zeitung Heute : 1. FC Union: Ein kleines Stück vom Glück

Lothar Heinke

Thomas hat noch immer den rot-weißen Schal um den Hals. Er hält sein Glas Bier in der Hand und sitzt in der Köpenicker "Abseitsfalle" direkt unter den gerahmten Bildern und Geschichten aus dem Leben jenes Fußballvereins, der ihn vor einer halben Stunde "so glücklich wie lange nichts" gemacht hat. Thomas, tagsüber Polier auf dem Bau, wird diesen Dienstagabend nie mehr vergessen. "Ich könnte vor Freude heulen", sagt er, "denn heute hatten sie das kleine Stückchen Glück, das ihnen sonst immer fehlte, wenn es darauf ankam." Er fragt: "Ist denn nun der Bann gebrochen?" und antwortet sich gleich selbst: "Na, endlich!"

Gerade hat der 1. FC Union das Fußballwunder an der Alten Försterei wahr gemacht. In dem Stadion, wo die Zuschauer fast schon auf das Kickfeld fallen, besiegten die Männer aus dem Südosten Berlins die Borussen aus Mönchengladbach in einem spannenden Match, dessen Bedeutung jedem bewusst war: Der Gewinner spielt am 26. Mai im Olympiastadion um den deutschen Pokal. Welch eine Ehre!

Die Triumphgefühle der Unioner hielten sich in Grenzen. Waren sie nicht selbst überrascht, was ihnen ihre Jungs da bis zum Elfmeterkrimi geboten haben? Schleppt nicht jeder dieser Fans die jüngsten Geschichten von Aufstieg und Fall eines fast hundertjährigen Clubs mit sich herum? "Einmal Union - immer Union". Der Bazillus des Traditionsvereins ist ansteckend, seit vor Urzeiten, in den zwanziger Jahren, bei einem wichtigen Spiel der Schlosserjungen aus Oberschöneweide gegen die Hertha ein Mann im verzweifelten Versuch einer Anfeuerung über den Platz schrie: "Eisern Union!" Ein Schlachtruf war geboren. Er begleitet den Verein bis heute. Er hallt über den Platz, wenn es nötig und der Gegner übermächtig ist. Aber auch dann, wenn das Spiel gut läuft: Eisern ist immer und für alles gut.

Union-Fans sind merkwürdige Menschen. Wo andere ihren Verein auspfeifen oder gar nicht erst ins Stadion gehen, kommen die Unioner, um mitzuleiden. Ihre Treue ist durch die Zeiten gestählt, ihre Leidensfähigkeit wurde auf harte Proben gestellt. Die Älteren mögen sich noch an die Zeiten des Kalten Krieges erinnern, als der DDR-Sportverband so rigoros ins Clubleben hineindirigierte, dass Union Oberschöneweide nicht an Deutschen Meisterschaften teilnehmen sollte. Darauf ging die Mannschaft fast geschlossen nach West-Berlin und spielte unter dem Namen Union 06. Im Osten wurden die Oberschöneweider Unioner später ihrer Wurzeln beraubt, mal war der Verein die Betriebssportgemeinschaft Motor Oberschöneweide (weil es ringsherum so viele Werke gab), mal SC Motor Berlin, dann Turn- und Sportclub Berlin und schließlich, Unkraut vergeht nicht, 1966 endlich "1. FC Union".

Der DDR-Fußball wurde von oben gesteuert und geplant, die großen Städte erhielten "Leistungszentren" - Berlin den Armeeclub "Vorwärts" (der später nach Frankfurt delegiert wurde und dort nie Fuß fasste) und den BFC Dynamo mit dem Stasi-Minister Mielke an der Spitze. Hinzu kam ein "ziviler" Club, in den die anderen und vor allem die sportliche Obrigkeit nach Lust und Laune hineinregierten. Die Etats waren bewusst bescheiden, und wenn sich ein Spieler als Talent entpuppte, wurde er kurzerhand an einen anderen "Leistungsträger" verschickt.

Union krebste so dahin, stieg ab und wieder auf, und diese Ungleichbehandlung zeigte sich besonders krass im Verhältnis zum Ortsrivalen BFC Dynamo. Bei den Derbys, zu denen die Unioner stets ins Stadion der Weltjugend pilgern mussten, prallten die Gegensätze mit frechen Sprüchen aufeinander, meistens verlor Union, zumeist gegen den Schiedsrichter spielend; bei einer 8:1-Schlappe zogen einmal die Massen hoch erhobenen Hauptes durch die Chausseestraße und skandierten beim Vorbeimarsch am weißen Haus der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR nicht nur ihr "Eisern Union", sondern auch "Deutschland! Deutschland!", wie sich überhaupt die Union-Fans von anderen dadurch abhoben, dass sie ihre Jeans-Jacken gesamtdeutsch mit den Aufnähern der Bundesliga-Clubs verzierten, besonders mit dem blau-weißen Emblem der Hertha aus dem anderen Teil der Stadt.

"Früher hat man gedacht, dass Union so ein bisschen Opposition ist", schreibt ein Fan in dem jüngst erschienen Union-Buch. "Einmal bekam ich einen Brief von der Polizei, dass ich mich zur Anstoßzeit des Lokalderbys gegen den BFC im Polizeirevier zu melden hätte, ich habe mich da natürlich nicht gemeldet. Das sollte wohl ein indirektes Stadionverbot sein." Das Buch "Und niemals vergessen - Eisern Union" zitiert auch ein Stasi-Dokument, das den Unionern einen "Hang zu Dekadenz und Negativismus" bescheinigte. Und als die Fans einmal nach einem Spiel in Hennigsdorf einem sowjetischen Militärtransport begegneten, riefen sie: "Frieden schaffen ohne Waffen."

In die sechziger Jahre fällt der größte Erfolg des Vereins: DDR-Pokalsieger. Und auch hier, 1968, schien es, als wollte die große Politik den kleinen ewigen Verlierern ihre Macht beweisen. Es war das Jahr des "Prager Frühlings". Der Club durfte nicht im Europacup starten.

In Unions Historie spiegelt sich, wie der Präsident Heiner Bertram, ein Wessi übrigens, sagt, "die ganze Historie Deutschlands" wider, "alles wurde von Mannschaft, Mitgliedern und Fans erlitten. Ein Kultverein also, der von Schicksalsschlägen gebeutelt wurde und dafür umso mehr von der Hingabe seiner Fans getragen wird". Nach der Wende wurde der Verein ein Spielball obskurer Interessen, Objekt der Begierde von Glücksrittern, Baulöwen und abgehalfterten Funktionären, die mehrmals den sportlich möglichen Aufstieg mit ihren Machenschaften verspielten. Doch 1998, als der Verein vor dem Konkurs stand, erschien als Retter der Münchner Medien-Unternehmer Michael Kölmel ("Kinowelt"). Der West-Mann fühlte das Kultige dieses Ost-Clubs, griff in die Tasche und verordnete Professionalität. Das funktioniert. Vor vier Jahren noch wurden die Tageseinnahmen gepfändet - jetzt zahlt der Club jedem Spieler für den Einzug ins Pokalfinale 32 000 Mark. Trainer Georgi Wassilew will Union in die Zweite Liga führen. Den Fans stehen große Zeiten bevor: "Vielleicht ist der Fußballgott ein Unioner geworden?", fragt Thomas ungläubig.

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