Zeitung Heute : 10 über die Versuche Geschlechter

Die großen Fragen der Menschheit: Weshalb ist Polygamie gut für Frauen? Wieso sollten Versager keine Witze über sich machen? Und warum haben Groschenromane recht? Gut, dass die Wissenschaft alles plausibel erklären kann.

Barbara Kollmann

Als man sich vor Urzeiten an die Menschwerdung machte, hatte niemand eine Ahnung, wie schwierig das noch werden sollte. Dass zum Beispiel traditionelles Brusttrommeln als männliches Dominanz-Verhalten 2,4 Millionen Jahre später im Büro nicht so gern gesehen werden würde. Oder dass Männer, die Risiken eingehen, auf der Jagd vielleicht ganz charmant wirken – aber nicht, wenn sie den Bus verpassen.

Deswegen machten sich vor einigen Jahren die Evolutionspsychologen daran, das seltsame Verhalten menschlicher Primaten aus der Evolution zu erklären. Einige Erkenntnisse kommen nicht ganz überraschend: Schöne Frauen nutzen ihr Aussehen häufiger, um Männer zu Gefallen zu überreden, Männer mögen es nicht, wenn ihre Partnerin fremdgeht, und Schwiegermütter sind oft schwierig.

Aber die Wissenschaftler haben auch begonnen, Rätsel zu lösen. Sie gingen beispielsweise der Frage nach, . . .

. . . warum der Mann seltener den Bus erwischt als die Frau – dafür aber der Bus (tendenziell) häufiger den Mann.

Der Versuch: Englische Forscher beobachteten 475 weibliche und 524 männliche Studenten an einer Bushaltestelle in der Nähe des Liverpooler Campus’. Die optimale, von den Wissenschaftlern berechnete Ankunftszeit an der Haltestelle: fünf Minuten vor Abfahrt.

Das Ergebnis: Die durchschnittliche Ankunftszeit der Frauen betrug 4,98 Minuten. Nur 28,2 Prozent von ihnen kamen weniger als drei Minuten vor der Abfahrt an und riskierten damit, die Fahrt zu verpassen – bei den Männern waren es dagegen 43,7 Prozent. Es gab nur einen Punkt, der die Forscher kurz verwirrte: Einige Männer-Gruppen waren noch zeitiger dort als die Frauen. Doch dann stellten die Wissenschaftler fest, dass diese überpünktlichen Männer schon den früheren Bus verpasst hatten.

Die Fortsetzung:
Je 500 Frauen und Männer wurden beim Überqueren einer Kreuzung beobachtet.

Das Ergebnis: Männer schlängelten sich rund zweieinhalbmal häufiger in der „high-risk“-Phase über die Kreuzung. Wenn Frauen zuschauten, stürzten sich sogar noch mehr in den dichtesten Verkehr – auch zwischen Busse und Lastwagen. Der Grund? Angeberei, sagen die Forscher. Männliches Risiko-Verhalten zeige einfach, dass man es sich leisten kann und damit durchkommt. 1

. . . warum man männliche Börsenmakler und Finanzberater in Einzelbüros halten sollte.

Der Versuch: 42 männliche Collegestudenten – dank der Evolutionspsychologie die am besten erforschte Spezies der Welt – hatten die Wahl. Sie bekamen 60-Dollar-Aktien einer fiktiven Pleite-Firma. Variante A: 20 Dollar Rückerstattung. Variante B: Eine Ein-Drittel-Chance, das ganze Geld wiederzubekommen, aber auch das Risiko, alles zu verlieren.

Das Ergebnis: Sahen ihnen Männer zu, die sie als gleichrangig wahrnahmen, wählten 79 Prozent die riskante Alternative. Hatte der Beobachter einen niedrigeren Rang, waren es immerhin noch 43 Prozent: „Für Männer ist Geld ein Gebiet intrasexueller Konkurrenz“; riskante Entscheidungen zeigen Stärke.

Eine naheliegende Schlussfolgerung, die die Forscher aber nicht zogen: Als Kunde sollte man nur männliche Finanzberater wählen, die ein eigenes Büro besitzen – oder eben gleich eine Frau. 2

. . . warum Polygamie Frauensache ist.

Die These: Satoshi Kanazawa, Evolutionspsychologe an der London School of Economics, sagt: „Wenn Männer sich vorstellen, in einer polygamen Gesellschaft zu leben, gehen sie immer davon aus, selbst viele Frauen zu haben. Was ihnen nicht klar ist: Wahrscheinlich hätten sie überhaupt keine Frau.“

Der Grund: „Wenn 50 Prozent der Männer, bei relativ ausgeglichener Geschlechterverteilung, zwei Frauen haben, kriegen eben 50 Prozent keine.“ Evolutionspsychologisch gedacht: Für Frauen (und ihren Nachwuchs) ist es günstiger, sich an einem reichen, mächtigen Mann zu beteiligen – selbst dann, wenn man nur Drittfrau ist. Es gilt: Lieber ein kleiner Teil vom Super-Männchen, als ein drittklassiges Männchen exklusiv. „Frauen denken, in einer polygamen Gesellschaft müssten sie ihre jetzigen, nutzlosen Loser-Gatten mit anderen Frauen teilen. Was ihnen nicht klar ist: Sie könnten sich stattdessen Matt Damon oder Bill Gates teilen.“ 3

. . . warum Kleider Männer machen und Frauen alles tragen können.

Der Versuch: Forscher zeigten 190 Leuten zeitlich begrenzt Fotos von Männern und Frauen. Einige der Abgebildeten waren in teure Business-Garderobe gekleidet, um beruflichen Erfolg und Geld anzuzeigen, die anderen hatten schlichte Sweatshirts am Leib. Zwischenergebnis: Im Anschluss erinnerten sich die Probanden vor allem an die Business-Männchen. Im darauffolgenden Versuch schauten sich dann 46 Teilnehmer je zwölf Fotos von Männern und Frauen an, die wieder in Sweatshirt-Träger und Businessleute unterteilt waren.

Das Ergebnis: Weit über die Hälfte der Zeit (58 Prozent) betrachteten die Probanden Männer im Anzug, also mit hohem Status. Was die Frauen auf den Fotos trugen, war allen gleichgültig. 4

. . . warum Männer gern angeben.

Der Versuch: Je 45 männliche und weibliche Studenten der Universität Kent in Südengland bekamen die Möglichkeit, sich 24 Pfund zu verdienen – und sollten dann entscheiden, wie viel davon sie für eine Wohltätigkeits-Organisation spenden wollen.

Das Ergebnis: Unbeobachtet gaben die Jungs 35 Prozent. Wenn aber eine Frau zusah, spendeten sie 57 Prozent des Geldes. Je niedriger der Versuchs-Student seine eigene Attraktivität einschätzte, desto mehr wollte er verschenken. Frauen spendeten dagegen immer rund 40 Prozent. 5

. . . warum der Groschenroman recht hat.

Der ausgedachte Text: „Nein!“, sagte die Gräfin. „Sie werden meinen Sohn nie wieder sehen, er wird die Komtess heiraten. Verlassen Sie mein Schloss!“ Und das arme, davongejagte, aber bildschöne Mädchen weinte – zumindest bis zum Happy End.

Der wissenschaftliche Test: Fast 300 englische Eltern wurden nach den wichtigsten Eigenschaften befragt, die ihre Schwiegerkinder besitzen sollten. Schönheit landete bloß auf den Plätzen 14 (Schwiegertöchter) und 16 (Schwiegersöhne) der Wunschliste. Ganz vorne standen, wie im Groschenroman: adäquate Bildung und Familienhintergrund. Schwiegertöchter haben außerdem Vorteile, wenn sie „gute Köchinnen“ (Rang 8) sind.

Etwas andere Ergebnisse ergaben sich, als die Forscher wissen wollten, was für Partner sich dieselben Befragten für sich selbst wünschten: Gutes Aussehen erzielte hier bei Männern Rang 8. 6

. . . warum Frauen allein verreisen sollten, wenn sie eine schöne Zeit mit ihrem Partner wollen.

Die Expertenmeinung: Todd K. Shackelford, Herausgeber eines Fachmagazins für Evolutionspsychologie: „Eines der faszinierendsten Ergebnisse ist für mich, wie sehr das Begehren eines Mannes davon bestimmt wird, wie lange er nach dem letzten Sex von seiner Partnerin getrennt war. Je länger, desto attraktiver findet er die Frau.“ Klingt nach Sehnsucht und großer Liebe. Doch der wahre Grund ist ein anderer: „die Angst vor Spermienkonkurrenz“. „Je länger die Partner getrennt sind, desto größer ist das Risiko, dass die Frau untreu war.“ Und was andere haben wollen, möchte man eben unbedingt behalten. 7

. . . warum man keine Witze über sich selbst machen sollte, wenn man ein Versager ist.

Der Versuch: 64 Frauen sollten die Attraktivität von Männern als Langzeit-Partner beurteilen – nach ihren Witzen.

Das Ergebnis: Auf einer Skala von 1 bis 7 kamen Männer mit hohem Status, die sich über sich selbst lustig machten, gut an (durchschnittlich Stufe 4). Männer, die als nicht so erfolgreich eingestuft wurden, konnten dagegen gar nicht landen (knapp Stufe 2). Menschen mit hohem Status können sich diese Art Humor offenbar leisten. „Bei niedrigem Status könnte sie als Defätismus und geringes Selbstwertgefühl ausgelegt werden“, heißt es in der Studie.

Viele Frauen suchen in Partnerbörsen angeblich unbedingt einen „Mann mit Humor“. Eine dreiste Lüge? Jedenfalls kamen im Versuch jene Männer am besten an, die eine vollkommen witzlose Geschichte erzählten (Attraktivitäts-Stufe 6,5 bei hohem, 4,5 bei niedrigem Status). 8

. . . warum Alkohol Frauen und Männer gleichermaßen schön macht.

Der Versuch: Manche Studien lassen Studenten zum wissenschaftlichen Trinken antreten. In einer wurden 80 Probanden (18 bis 26 Jahre) in Bars und Restaurants angeheuert. Sie sollten Gesichter auf einer Attraktivitäts-Skala von 1 bis 7 einordnen.

Das Ergebnis: Die Frauen unter Alkohol gaben den Männern durchschnittlich 3,95 Attraktivitätspunkte (nüchtern: 3,47), die Männer den Frauen 4,09 Punkte (nüchtern: 3,49). Bei der Beurteilung von Vertretern des eigenen Geschlechts machte das Getränk dagegen keinen Unterschied. 9

. . . warum menschliches Verhalten trotz aller Forschung rätselhaft bleibt.

Die Situation: Der Partner geht fremd.

Die geschlechtsspezifische Reaktion:

– Frauen sind zorniger als Männer. 10

– Männer sind zorniger als Frauen. 11

– Männer und Frauen sind

gleichermaßen zornig. 12

Die Expertenmeinung: „Man muss bei allen Studien beachten, dass es um statistische Unterschiede geht“, sagt Björn Brembs, Neurobiologe an der FU Berlin. „Das heißt: Unterschiede zwischen einzelnen Männern und Frauen können oft größer sein als die zwischen den Männer- und Frauengruppen.“

1 Pawlowski/Atwal/Dunbar (2008): „Sex Differences in Everyday Risk-Tasking Behaviour in Humans“.

2 Ermer/Cosmides/Tooby (2008): „Relative Status Regulates Risky Decision Making about Resources in Men“.

3 Kanazawa (2003): „Can evolutionary psychology explain reproductive behaviour in the contemporary United States?“.

4 DeWall/Maner (2007): „High-Status Men (But Not Women) Capture the Eye of the Beholder“.

5 Iredale/Van Vugt/Dunbar (2008): „Showing Off in Humans: Male Generosity as a Mating Signal“.

6 Apostolou (2008): „Parent-Offspring Conflict Over Mating: The Case of Beauty“.

7 Vgl. http://www.epjournaln.net.

8 Greengross/Miller (2008): „Dissing Oneself versus Dissing Rivals“.

9 Jones/Jones/Thomas/Piper (2003): „Alcohol Comsumption Increases Attractiveness Ratings of Opposite-Sex Faces“.

10 Shackelford et al. (2000).

11 Green und Sabini (2006).

12 Becker et al. (2004).

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