Zeitung Heute : 100 Tage Geiselhaft

MATTHIAS SCHLEGEL

In der Berichterstattung findet man das Thema Botschaftsbesetzung in Lima nur noch auf den hinteren Seiten.Die öffentliche Ignoranz könnte aber eine Chance für die Geiseln seinVON MATTHIAS SCHLEGELSeit langem sind die Meldungen von der Geiselnahme in Lima auf die nachrangigen Plätze in den Nachrichtensendungen, auf die hinteren Seiten der politischen Berichterstattung in den Zeitungen gerückt.So sind die Gesetze der Mediengesellschaft: Nur wenn Ereignisse spektakulär in die Welt treten, werden sie an den Umschlagplätzen der Information hoch gehandelt.Wie beim Frischgemüse fällt der Wert der Nachricht, je länger sie auf dem Markt ist und je öfter sie abwägend "angefaßt" wird.Auch wenn es sich bei einer Geiselnahme um eines der widerwärtigsten Verbrechen handelt, das die Menschheit kennt, geht der Nachrichtenwert relativ schnell gegen Null.Es bedarf erst eines "Jubiläums", wie jetzt der 100 Tage Botschaftsbesetzung, um das Ereignis wieder ins Bewußtsein zu rücken.Bei einer anderen Geiselnahme - der im Kaschmir - scheint das informelle Verfallsdatum indes gänzlich überschritten zu sein. Gleichwohl könnte gerade in der öffentlichen Ignoranz im Falle von Geiselnahmen eine Chance liegen: Vor allem aus dem Interesse der Öffentlichkeit beziehen politisch motivierte Erpresser einen Großteil ihres infamen Selbstbewußtseins und ihrer kriminellen Energie.Erst der Zweck, breite Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erzielen, rechtfertigt in ihren Augen die radikalen Mittel.Wegsehen untergrübe also möglicherweise diese perfide Kausalität.Doch abgesehen von der ohnehin nicht zu zügelnden Sensationsgier der Medien ist solche Art des Umgangs mit Geiselnahmen insgesamt wohl realitätsfern - einen "Kodex" der Informationspolitik, der auf Unterdrückung von Informationen hinausläuft, könnte man nicht guten Gewissens als Fortschritt einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft feiern.Indes überschätzen die verblendeten Täter ohnehin das Publikum.Denn noch schneller als die Aktion selbst, gerät ihr "hehres" Ziel aus dem Blickfeld.Spätestens nach zwei Wochen interessierte die Zuschauer und Leser der Vorgänge in Lima mehr, mit welchen Spielen sich die Eingeschlossenen die Zeit vertreiben und was sie zu essen bekommen, als daß man über die Zustände in peruanischen Gefängnissen informiert sein wollte.Das als politisches Fanal gestartete Ereignis rutschte rasch in den Rang eines Spektakels ab. In der Rechtsgeschichte hat die Leib und Leben von Mitmenschen aufs Spiel setzende Erpressung ihre Traditionen: Die Germanen nahmen Leibbürgen in Gewahrsam, die dafür einstehen mußten, daß bestimmte Forderungen eingelöst wurden.Und noch im Zweiten Weltkrieg galt Geiselnahme als erlaubter Kriegsbrauch.Erst das Genfer Abkommen verbot 1949 diese taktische "Waffe".Daß hingegen Kriminelle andere Personen als Faustpfand nehmen, um sich selbst zu bereichern, wird als eine perfide Variante des menschlichen Bereicherungsdranges immer wieder in der Kriminalgeschichte auftauchen.Und offenbar ist auch politisch motivierten Geiselnahmen mit Waffengewalt nicht wirksam zu begegnen.Immerhin, was sich bei Flugzeugentführungen als - diplomatische - Praxis durchzusetzen beginnt, nämlich die Piraten in langen Verhandlungen zu ermüden, ihren Forderungen keinesfalls nachzugeben und sie in jedem Falle an das Herkunftsland auszuliefern, wo sie abschreckend hohe Strafen erwarten, scheint auch bei Geiselnahmen der einzige, wenngleich ungewisse Pfad zum Erfolg zu sein: Allein der Mangel an Erfolgsaussichten kann potentielle Täter von ihrem Vorhaben abbringen.Daß dabei ein über Parteien, Ländergrenzen und politische Systeme hinweg gültiger Konsens obwalten sollte, wäre der Prävention dienlich.Daß dies, bleiben wir bei Peru, nicht heißen darf, politische Fehlleistungen zu tolerieren, versteht sich für verantwortungsvolle Außenpolitik von selbst.

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