Zeitung Heute : 1000 Stunden Video

SILVIA HALLENSLEBEN

Es ist noch gar nicht solange her, da waren die Claims fein säuberlich abgesteckt.Die Soaps spannen fleißig ihre Endlosspiralen vom Auf und Ab des Daseins im Möbelhausformat.Der Dokumentarfilm war ernst und grau und widmete sich dem wirklichen Leben.Dann gerieten die Dinge durcheinander.Sogenannte Fake-Documentaries führten auch naiven Zuschauern anschaulich vor, daß nicht überall dort, wo Wirklichkeit draufsteht, Wirklichkeit drin sein muß.In der "Lindenstraße" wurde der Wahlabend noch am gleichen Fernsehtag recycled.Und schon tauchte ein Zwitterwesen auf: die Doku-Soap.Hier ist angeblich alles echt und trotzdem bunt und spannend."Das Leben schreibt doch immer noch die besten Geschichten".So wirbt Premiere für eine Kreuzfahrt-Serie, die man im Mutterland der Doku-Soap bei der BBC eingekauft hat.So neu ist das nicht.Die "Fussbroich"-Family hat für den WDR schon Anfang der Neunziger ihr Privates TV-öffentlich gemacht.Imitiert das Leben nicht mehr schlechtes Fernsehen, sondern geht in ihm auf? Im Forum feierte jetzt eine US-amerikanische Dokumentarserie aus ihre Europapremiere.

Neun Teile hat "An American Love Story", jeder ist eine Stunde lang.Karen Wilson und Bill Smith, die Helden, sind ein ziemlich gewöhnliches mittelständisches Ehepaar aus Queens, New York.Ganz gewöhnlich, bis auf einen Punkt: Bill, ein 43jähriger Bluesmusiker, ist schwarz, Karen, 42, Büroangestellte, weiß.Beide aus Ohio.So eine interrassische Beziehung ist immer noch ungewöhnlich in den USA, damals, 1967, als sich Bill und Karen begegnet sind, war sie fast undenkbar.Da hatte der Supreme Court gerade die Gesetze abgeschafft, die Ehen zwischen Schwarzen und Weißen untersagten.Dreißig Jahre sind sie zusammen, ihre beiden Töchter sind zwölf und zwanzig Jahre alt.

Monatelang haben die Filmemacherin Jennifer Fox und ihre Toningenieurin mit den Wilson-Sims verbracht, mit Schlafsack und Kamera und Mikrofon.Zeitadoptierte Gäste.Anderthalb Jahre, in denen bei den Wilson-Sims einiges, wenn auch nichts Sensationelles passiert.Karen wird krank, Bill fährt in seinen Heimatort, trinkt zuviel und verdient zu wenig, Tochter Cicily fängt an, zu studieren und Chaney, die jüngere, kämpft um ihr erstes Rendezvous.Immer wieder, in Gesprächen, die in der Tonspur über die Alltagsbilder gelegt sind, fließt erzählte Vergangenheit ein, samt der Dauerkonfrontation mit einer latent rassistischen Umwelt.Nur einmal allerdings, als Cicily auf eine Studienreise nach Nigeria scharf zwischen die Fronten der Identitätszuweisungen gerät, werden solche Konflikte auch einmal aus einer Perspektive außerhalb des engen Familienrahmens debattiert.

Ansonsten scheint das Leben dieser Familie in sich selbst zu redundieren.Tausend Stunden Videomaterial wurden aufgenommen, viel muß geschnitten worden sein.Dafür sind die Bilder erstaunlich beliebig.Denn diese "American Love Story" sieht so aus, wie eine lange Folge von Interviews, die mit Bilderbuchszenenen aus dem amerikanischem Familienalltag illustriert sind.Das soziale Umfeld ist zum Niederschlagsgebiet innerfamiliärer Konflikte reduziert.Der Vergleich drängt sich auf zu Wilfried und Barbara Junges "Kindern von Golzow", die mit "Brigitte und Marcel" nun auch in ihrem achtunddreißigestem Jahr angekommen sind.Was unterscheidet die "Real Life Television Series" von der "Langzeitdokumentation" außer den unterschiedlichen Zeitverhältnissen? Einmal das: Bei Wilfried Junge fängt eben auch eine Hühnerfarm an zu sprechen.Vor allem aber: Die Unternehmung "Kinder von Golzow" war ein Abenteuer mit offenem Ausgang.Die "American Love Story" scheint bei aller Offenheit als Beleg einer These konzipiert: Daß Liebe doch die Schranken überwindet."An American Love Story" ist eigentlich amerikanisches Gefühlskino.So belehrt uns diese Dokumentarserie wieder einmal darüber, daß selbst das direct cinema ein höchstgradiges Kunstprodukt ist.Vielleicht ist ja dieser Film die erste wirkliche Doku-Soap.

Heute 14.30 Uhr (Arsenal)

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar