Zeitung Heute : 120 Meter Freundschaft

Kein Champagner, keine Trüffel, und mancher Abgeordnete wollte vegetarisches Essen. Die Deutschen können nicht feiern, klagten die Franzosen. Trotzdem wurde das Rendezvous an der Tafel von Versailles ein Fest. Und Schröder und Chirac reichten sich nicht zwei, sondern vier Hände.

Sabine Heimgärtner[Paris],Robert von Rims

Von Sabine Heimgärtner, Paris

und Robert von Rimscha

Gerhard Schröder ist kein pathetischer Mensch. Aber einer, der sich beeindrucken lässt. Als der Kanzler der Deutschen am Mittwoch um 15Uhr13 den Sitzungssaal in Versailles betrat, in dem erstmals das französische und das deutsche Parlament gemeinsam auf weinroten Sesseln saß, da war er beeindruckt. Er sagte nichts. Der Blick Schröders schweifte einmal rasch durch den Saal, er zog die Brauen hoch, die Unterlippe schob sich anerkennend über die Oberlippe, und dazu nickte er kurz. Das war Gerhard Schröders kurzes „Allewetter!“ im Angesicht eines historischen Tages.

Historisch: die gemeinsame Sitzung der Volksvertreter, die die beiden Chefs, Chirac und Schröder, zu sich geladen hatten. Erstmals überhaupt tagten zwei Parlamente zweier Staaten zusammen, zumindest fand sich am Mittwoch niemand, der sich an Vergleichbares erinnern konnte. Historisches auch ein paar Stunden zuvor: die gemeinsame Sitzung der Kabinette. Die Minister saßen sich nicht, wie bei Verhandlungen, im Block gegenüber, hier die Deutschen, dort die Franzosen. Nein, sie saßen paarweise zusammen, Außen- neben Außenminister, Umwelt- neben Umweltminister. Und es war das erste Mal überhaupt, dass sich in der FünftenRepublik ein Staatspräsident direkt an die Nationalversammlung wandte – üblicherweise muss Frankreichs Staatsoberhaupt seine Mitteilungen an die Abgeordneten von deren Präsident verlesen lassen.

Nicht zu bombastisch

An Einmaligkeiten und Premieren war also kein Mangel. Doch die große Geste? Beim Familienfoto der Kabinette zelebrierten Schröder und Chirac einen Händedruck mit Bekräftigung: Alle vier Hände der beiden fanden sich, legten sich aufeinander, drückten sich, bekräftigten. Das war nicht wie damals, im September 1984, als Kohl und Mitterrand nebeneinander auf den Gräbern von Verdun standen und sich stumm die Hände hielten. Das war auch nicht wie damals, 1963, als Adenauer von de Gaulles doppeltem Wangenkuss überrascht wurde, von einer Umarmung, die im Protokoll nicht vorgesehen war, als der Elysée-Vertrag unterzeichnet wurde.

40 Jahre später sollte also gefeiert werden, nicht zu bombastisch, historienschwanger, aber nicht pathetisch. Gespannt auf das Ereignis stiegen gegen 12 Uhr die ersten Bundestagsabgeordneten im Nieselregen aus den Bussen vor dem Versailler Schloss, flankiert vom französischen Ehrenkorps – glitzernde Helme, blinkende Orden, würdevolles Schweigen. Drinnen war bis zur letzten Minute vor dem großen Festakt noch letzte Hand angelegt worden: Die rund 900 Samtstühlchen im Kongresssaal wurden noch einmal mit Staubwedeln behandelt, die falschen Marmorsäulen erneut gewienert.

Noch vor einer Woche waren die Flure in diesem für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Südtrakt des Prunkschlosses des Sonnenkönigs vollgestellt mit barockem Mobiliar. Der ganze Schlossflügel wurde minutiös auf diese Premiere vorbereitet, und erst recht der Saal, der seit seiner Fertigstellung 1875 für besondere Ereignisse der französischen Geschichte reserviert blieb: Unter prunkvollen Lüstern und goldverzierten Balustraden wurden dort in der Dritten und Vierten Republik die französischen Präsidenten gewählt. Seit 1958 wurde der Saal nur zwölfmal genutzt, für gemeinsame Sitzungen der Nationalversammlung und des Senats zur Änderung der französischen Verfassung.

Ein festliches Rendezvous und weit reichende Zukunftspläne: Während die rund 800 deutschen und französischen Abgeordneten weitab von der Pariser City beim kleinen Espresso und Croissants im Versailler Prinzenpalais erste vorsichtige Kontakte knüpften und auf das gemeinsame Mittagessen und die große Parlamentssitzung am Nachmittag warteten, waren die Hauptakteure der deutsch-französischen Liaison längst dabei, die Geschichte fortzuschreiben, die Adenauer und de Gaulle vor 40 Jahren begonnen hatten. Im Elysée-Palast, auf dessen weiträumigem Innenhof Schröder schon am frühen Morgen eingetroffen war, begleitet von Trommelwirbel, verkündeten die beiden Spitzenpolitiker ihren „neuen“ Freundschaftsvertrag, ein 40-Punkte-Programm, das der einmaligen Beziehung neuen Schwung geben soll. „Es hat sich bislang als absolut notwendig erwiesen, dass die deutsch-französische Schicksalsgemeinschaft die Geschicke Europas lenkt – und damit wollen wir fortfahren“, sagte Chirac. Geplant sind häufige gemeinsame Kabinettssitzungen und die Einrichtung eines deutsch-französischen Generalsekretariats mit einem deutschen und französischen Vertreter in der jeweils anderen Hauptstadt. Zum Abschluss folgte die unausweichliche Irak-Erklärung: Schröder betonte sein klares Nein zu einer Beteiligung an einem Krieg gegen Saddam Hussein, Chirac sprach von „gemeinsamen Positionen.“ Der Irak tauchte später auch in Schröders Festakt-Rede auf: Präventive Friedenssicherung durch Entwicklungshilfe und Kulturdialog – sei das nicht prototypisch für Europas Beitrag? Sollten sich daran nicht andere, gemeint war George W. Bush, ein Beispiel nehmen?

In die Parlamentarier-Runde im Schloss war unterdessen längst Bewegung gekommen. Die Abgeordneten nahmen an einer 120 Meter langen Tafel Platz, unter martialischen Gemälden: 133 Bilder, die große Momente der französischen Kriegskunst dokumentieren, darunter auch Schlachten gegen die Deutschen. „Dass die Abgeordneten hier friedlich zusammensitzen, beweist, dass die Aussöhnung zwischen beiden Ländern längst gelungen ist“, sagt ein französischer Abgeordneter.

Die Menü-Folge zum Mittagessen war lange Zeit als Staatsgeheimnis gehandelt worden, vor allem, nachdem von deutscher Seite Kritik an den immensen Kosten der „Paris-Sause“ laut geworden war. Wolfgang Thierse reagierte gelassen: „Für einen solchen Festakt Geld auszugeben, ist eine gute Investition, wenn man bedenkt, wie viel die beiden Länder früher für Kriege gegeneinander ausgegeben haben.“ Deutsche Kosten: 55500 Euro Fahrtkosten in vier Maschinen der Luftwaffe, 129 Euro 45 Cent pro Person – billiger als Linie –, Rückfahrt gleich nach der Parlamentssitzung, also: strenges Sparprogramm.

Frankreichs Parlamentspräsident Jean-Louis Debré reagierte praktisch: „Wir werden ein bescheidenes, einfaches Mahl anbieten“ – also keine Trüffel, keine Austern und keine Gänseleberpastete. „Noch nicht einmal Champagner", stöhnten französische Parlamentarier schon lange vor der denkwürdigen Mahlzeit und machten sich insgeheim ein wenig lustig über ihre deutschen Kollegen, die es selbst an Feiertagen nicht verstünden, richtig zu feiern, und dann auch noch vegetarische Gerichte benötigten. Ein Kulturschock war das Menü für die gaumenverwöhnten Franzosen dann doch nicht, und für die kulinarisch vielleicht weniger verwöhnten Deutschen erst recht nicht. Gereicht wurde Kürbissuppe mit Jakobsmuscheln, frische Gemüsepastete, als Hauptgang Entenbraten, schließlich Käse, gefolgt von einer leichten Mousse, ergänzt von deutschem Weißwein und französischem Rotwein.

Napoleon auf dem Schimmel

„Es war köstlich und die Atmosphäre hat sich sehr schnell gelockert, sehr herzlich und unkompliziert“, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Angelika Schwall-Düren, die exzellent Französisch spricht. Auch wenn höchstens 20 Prozent der Abgeordneten beider Seiten des Deutschen beziehungsweise Französischen mächtig sind, sei es kein Problem gewesen sich zu unterhalten. „Die einen übersetzten den anderen, das ging hin und her, und manchmal wurde Englisch gesprochen“, sagt sie. Auch später im Kongresssaal ist die Stimmung locker; bunt gemischt sitzen die Abgeordneten nebeneinander.

Unter einem Bild von Napoleon auf einem Schimmel war Schröder in das Schloss getreten, in dem ein deutsches Kaiserreich proklamiert und eine deutsche Kriegsniederlage zementiert wurde. Dieses Versailles bezeichnete Chirac als jenen Ort, der für das deutsch-französische Verhältnis „Epilog und Prolog“ zugleich sei. Vielleicht war diese Wucht der Geschichte in einem kleinen Versprecher Schröders zu finden. Die ewigen Revolutionswerte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wollte Schröder in seiner heftig beklatschten Rede jedenfalls würdigen. Aber er hörte sich an, als sagte er: „Frankreich, Gleichheit, Brüderlichkeit.“ Der Kanzler lachte und erklärte: „Das war keine Provokation!“

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