Zeitung Heute : 13 Kugeln zu viel Soldaten töten ein Kind –

und die Türkei erwacht

Thomas Seibert[Istanbul]

Der Junge hatte es eilig, seine Mutter wartete mit dem Essen. In Hausschlappen ging der Zwölfjährige im südosttürkischen Kiziltepe am späten Nachmittag des 21. November auf die Straße, um seinem Vater Ahmet zu helfen. Ahmet Kaymaz, ein Lastwagenfahrer, bereitete sich auf eine Tour in den Irak vor, die am nächsten Tag anstand. Vater und Sohn trugen Decken und Kissen zu dem in der Nähe geparkten Lkw. Dann fielen die Schüsse. Ugur Kaymaz und sein Vater starben.

13 Kugeln wurden später in der Leiche des Jungen gezählt, acht im Körper seines Vaters. Die meisten Schüsse waren aus einer Entfernung von weniger als einem halben Meter abgegeben worden. Die Täter: türkische Polizisten und Soldaten.

Kiziltepe liegt im türkischen Kurdengebiet, wo es seit dem Sommer wieder vermehrt Gefechte zwischen der Armee und den Kurdenrebellen von der PKK gibt. Die erste Behördenversion von den Ereignissen vor Ugurs Elternhaus wollte denn auch keinen Zweifel daran lassen, wer am Blutvergießen schuld war: „Terroristen“ – also PKK-Kämpfer – hätten in Kiziltepe einen Gendarmerieposten angegriffen; Soldaten hätten das Feuer erwidert und zwei Terroristen erschossen.

Ein Nachbar und Lehrer von Ugur sagte den Soldaten nach den Schüssen, sie hätten gerade auf einen seiner Schüler gefeuert. „Sind sie sicher?“, sollen sie geantwortet haben.

Bis zu 150 Soldaten und Polizisten gegen einen Lastwagenfahrer und einen zwölfjährigen Jungen? Die Kurdenpartei Dehap und die Anwälte der Familie Kaymaz sprachen von einer „illegalen Hinrichtung“, auch die unabhängige Zeitung „Birgün“ schaltete sich ein, berichtete groß über den Fall und zog die großen Medien des Landes mit. Als dann auch noch das Parlament in Ankara und ein Menschenrechtsverein nachsetzten, gerieten die Behörden endgültig in die Defensive.

An dem Lastwagen, den die Soldaten als Deckung benutzt haben wollen, wurden keine Einschussspuren gefunden – offenbar hatte niemand zurückgeschossen. Ein Parlamentsabgeordneter widersprach zudem der Darstellung der Behörden, Ahmet Kaymaz und sein Sohn seien bewaffnet gewesen. Die Polizei hatte erklärt, bei Ugur und seinem Vater seien Kalaschnikows und Handgranaten gefunden worden. Dagegen sagen die Anwälte, die Polizei habe den beiden die Waffen in die Hände gedrückt, als sie schon tot waren.

Dass nach einem angeblichen Einsatz gegen die PKK von der Öffentlichkeit und sogar von der Regierung in Ankara kritische Fragen an die Sicherheitskräfte gerichtet werden, ist neu für die Türkei. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nannte es im Fernsehen „unmenschlich“, einen Zwölfjährigen als Terroristen hinzustellen. Vier hohe Polizeibeamte in Kiziltepe wurden vom Dienst suspendiert, die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Innenminister hat Inspektoren geschickt. Der Menschenrechtsausschuss des türkischen Parlaments schickte ebenfalls Abgesandte in den Südosten, die vor den Fernsehkameras, die auch dort waren, schwere Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. „Das muss endlich aufhören“, sagte einer der Abgeordneten unter Tränen. Auch Abgeordnete des Europaparlaments besuchten die Familie Kaymaz.

Wenige Tage nach den Schüssen in Kiziltepe wurde ein neuer Zwischenfall im Südosten bekannt. Dabei wurde ein 18-jähriger Schafhirte erschossen, als er seine Herde nach Hause trieb. Wieder versuchten die Soldaten, den Vorfall als Schusswechsel im Kampf gegen die PKK zu rechtfertigen. Wieder schlugen Menschenrechtler Alarm. Die Familie des Hirten will jetzt die Armee verklagen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben