Zeitung Heute : 150 Zentimeter Ehrgeiz

Moritz Kleine-Brockhoff

Niemand wundert sich mehr, wenn Gloria Arroyo ihre Mitarbeiter mit Papier bewirft. Ist die Präsidentin mit Schriftsätzen unzufrieden, wird sie ungemütlich. "Wenn es um Resultate geht, hat sie wenig Geduld", meint ein ernster Rigoberto Tiglao, Arroyos Sprecher und rechte Hand. "Wir warten auf den Tag, an dem sie in den Supermarkt geht und die Farbe des Toilettenpapiers persönlich aussucht", sagt ein anderer Regierungsbeamter.

Im vergangenen Jahr war der Malacanang-Palast in Manila noch ein Traumschiff ohne Wasser. Kapitän Joseph Estrada und seine Kumpel, das "Mitternachtskabinett", saßen bis zum frühen Morgen beisammen: teuren Wein trinken, gut essen, zocken, und ein bisschen regieren - das war die allnächtliche Routine. Am Montag vor einem Jahr wurde Gloria Arroyo hier Hausherrin, und seitdem hat sich beinahe alles geändert.

Die Tochter von Expräsident Macapagal ist seriös und ehrgeizig. Reporter, die jeden Präsidentenschritt verfolgen müssen, stöhnen: Estrada stand mittags auf, Arroyo dagegen ist um sechs Uhr wach, beginnt den Tag mit dem Besuch der heiligen Messe, und dann folgt Termin auf Termin. So geht es bis zum Abend. Auf den ersten Blick traut man ihr so viel Energie gar nicht zu: Nur ein Meter 50 ist sie groß. Aber damit sie ja niemand unterschätze, gebraucht sie gerne starke Worte: "Ich werde euch zermalmen", warnt sie politische Gegner. Und Arroyo hat Erfolg. Vorgänger Estrada steht wegen Korruption vor Gericht, der Strommarkt ist privatisiert, ein Geldwäschegesetz und der Haushalt sind verabschiedet. Ihr Kabinett arbeitet mit einer Ausnahme seit Amtsantritt unverändert, im Ausland macht die selbstbewusste Präsidentin eine gute Figur.

"Ich werde die moralischen Standards in der Regierung erhöhen", hatte Arroyo versprochen. Das war nach Estrada nicht schwer. Der steckte Millionen in die eigene Tasche, hat sieben uneheliche Kinder mit fünf verschiedenen Geliebten. Arroyos Privatleben dagegen ist offenbar ohne Skandale. Dass die Präsidentin außerdem auch noch frei von Korruption ist, glauben allerdings nur wenige. Für Filipinos sind saubere Politiker so unvorstellbar wie Schnee in Manila. Deshalb gibt es Bestechungsvorwürfe, aber sie scheinen wenig stichhaltig zu sein. "Die Vorwürfe sind schwach, aber unsere Augenbrauen sind oben", sagt William Esposo, der Chef von COPA, einem Dachverband von Nichtregierungsorganisationen. Daneben kritisiert er, Arroyo versuche, es möglichst vielen recht zu machen. Ist dem mächtigen Kardinal Sin ein Kinofilm zu freizügig, verbietet ihn die Präsidentin. "Und das Militär lässt sie völlig in Ruhe", sagt Joel Rocamora, der Direktor des Instituts für Populäre Demokratie, "die Generäle können machen, was sie wollen. Das stinkt nach Korruption, aber nichts wird untersucht."

Allgegenwärtige Bestechung, Kämpfe im Süden und die Armut im ganzen Land sind die großen Probleme der Philippinen. "In zwölf Monaten all das wegzuzaubern, das konnte man von Arroyo nicht erwarten", sagt Dennis Murphy, der seit 25 Jahren in Manilas Slums arbeitet. Aber er ist zuversichtlich. "Die Präsidentin hört uns zu, die Hütten der Armen an Flüssen und Eisenbahnstrecken werden nicht mehr willkürlich zerstört. Gloria Arroyo hat das gestoppt", lobt Murphy. Anfang des Jahres war die feine Gloria bei den Armen noch unbeliebt und musste sich Pfiffe gefallen lassen, wenn sie die Slums besuchte. Aber sie kam immer wieder, beharrlich und oft ohne große Medienshow, manchmal spontan und unangekündigt. Jetzt ist Arroyo willkommen. Die Linken kritisieren sie trotzdem: "Ihre Maßnahmen sind nur kosmetisch", sagt Teddy Casino von Bayan, einer linken Bewegung, "Arroyo kümmert sich kaum um die Arbeiter und deren Sozialleistungen. Estrada war vulgär und hat seine Stellung hemmungslos missbraucht, das ist unter Arroyo anders. Aber ihre Politik ist ähnlich."

Das sei Unsinn, meint Guillermo Luz, der Direktor des Makati Business Clubs: "Arroyo ist professionell und fair, ihre Entscheidungen sind richtig", sagt Luz, "Estrada wollte praktisch alle Wirtschaftszweige unter sich und seinen Freunden aufteilen, jetzt haben wir wieder offenen Wettbewerb. Vorwerfen muss man Arroyo eigentlich nur, dass es ihr nicht gelungen ist, die Kämpfe im Süden zu stoppen. Das hält Investoren fern." In der Tat sind die anhaltenden Auseinandersetzungen und Entführungen in den Südphilippinen für Arroyo ein großes Problem. Um es zu lösen, hat sie nun US-Soldaten ins Land gelassen, die der philippinischen Armee im Kampf gegen die Abu-Sayyaf-Rebellen helfen sollen. Damit schafft sie sich indessen neue Schwierigkeiten, denn das geht an die Grenze der Verfassung und tut den stolzen und mächtigen philippinischen Militärs weh.

"Die Sicherheitslage und die Kritik der Linken machen ihr Kopfschmerzen", sagt Rigoberto Tiglao, Arroyos Sprecher. Aus einem Stapel kramt er Umfrageergebnisse hervor. 53 Prozent der Filipinos sind mit der Arbeit ihrer Präsidentin einverstanden. Ein guter Wert, dennoch ist Tiglao unzufrieden. Denn er hat die Umfrageergebnisse der Vorgänger Aquino, Ramos und Estrada parat - alle waren im ersten Amtsjahr beliebter. Deshalb hat Tiglao seiner Chefin Kurse verschrieben, in denen sie lernen soll, lockerer zu wirken. Erste Erfolge sind bereits zu besichtigen. Immerhin sieht Gloria Arroyos Lächeln seitdem im Fernsehen etwas weniger gezwungen aus. Berater haben sie zudem in neue Kleider gesteckt. Jetzt wirkt sie nicht mehr aus wie ein Mädchen in Miss-Marple-Klamotten, sondern manchmal so elegant wie Hillary Clinton. So gelassen wie Hillary ist Gloria indessen noch nicht. Wenn sie auf der Stuhlkante sitzt - gerader Rücken, Knie zusammen, Hände im Schoß gefaltet - dann ist das steif und gar nicht lässig philippinisch. "Sie ist überehrgeizig und verkrampft, die Leute werden sie nie lieben", sagt Joel Rocamora, "egal, welche Politik sie macht. Die Filipinos finden einen Lebemann wie Estrada klasse, eine Plastikfrau wie Arroyo mögen sie nicht."

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