Zeitung Heute : 18 Bilder und ein Streitfall

Die Tochter des Malers Otto Nagel kämpft um ihr Erbe – heute gegen eine Stiftung in Berlin, früher gegen die SED

Isabella Kroth

Hier hört man keine Autos und keine Nachbarn. Nur manchmal das Gackern der Hühner oder den Schäferhund Tappi. Ein einziges Haus gibt es in Kuwalk und zwei Menschen, die darin wohnen. Sibylle Schallenberg, geborene Nagel, sitzt in der Küche und bewacht das Mittagessen auf dem Herd, einen Topf russische Wirsingsuppe. Ihren Mädchennamen hört die 59-Jährige nicht mehr so gern. Sie sagt: „Als PromiKind hat man nur Probleme.“ Ihr Mann, den man äußerlich für einen Bruder von Wolfgang Thierse halten könnte, nimmt einen Schluck Bier und lässt Schaum auf seinem Vollbart zurück. „Aber wir haben ja unseren Freistaat Kuwalk“, sagt Götz Schallenberg. Er lacht oft: „Wenn man keine Witze mehr macht, kann man sich ja gleich aufhängen.“

Otto Nagel. Der Name ihres Vaters, der zu den bedeutendsten Malern der DDR gehörte, hat Sibylle Schallenberg bisher vor allem Kopfschmerzen bereitet. Vom Erbe ihres Vaters besitzt sie inzwischen nur noch 40 Bilder. 18 davon will jetzt die Berliner Stiftung Stadtmuseum haben.

Nach dem Tod des Malers 1967 begannen die Probleme für Sibylle Schallenberg: „Das Ziel der SED war, an den Nachlass meines Vaters zu kommen. Meine Mutter ist immer wieder bedrängt worden, ihr Haus und die 4000 Bilder dem Staat zu vermachen.“ Dann starb die Mutter 1983, an Herzversagen, hieß es. Doch das will Sibylle Schallenberg immer noch nicht glauben. Sie selbst sei von da an „systematisch erpresst worden“. Bis sie schließlich resignierte und von dem Erbe, das auf zweieinhalb Millionen DDR-Mark geschätzt wurde, „70 Prozent Erbschaftssteuer“ zahlte. „DDR-Recht“, sagt sie, es klingt bitter. Von den Bildern hat Sibylle Schallenberg nur die behalten, die ihr am meisten bedeuteten. Den „Onkel Paul lesend“ zum Beispiel. Oder die Mutter „Wally in der Wäscheküche“. Einige der Bilder sind gerade im Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin ausgestellt.

Seit fast 20 Jahren leben die Schallenbergs in Kuwalk. Ein Ort inmitten von Feldern, am nördlichsten Rand Brandenburgs. So klein, dass er auf keiner Karte verzeichnet ist. Die Post kommt meist erst um vier Uhr nachmittags, die Zeitung ist die von gestern. „Keiner will mehr was von uns“, sagt Sibylle. Einerseits stimmt das: Die drei Kinder sind schon vor der Wende in den Westen, sie wollen nichts mehr von ihren Eltern wissen. Freunde hat das Paar nicht. Und die Leute im Dorf nebenan? „Mein Mann geht einmal die Woche ins Wirtshaus, man darf sich ja nicht ganz ausgrenzen. Aber ich habe null Kontakt.“

Andererseits will doch jemand was von ihnen. „Die stürzen sich jetzt wie die Geier auf uns.“ Mit „die“ meint sie die Mitarbeiter des Märkischen Museums, die in einer Potsdamer Galerie verschollen geglaubte Bilder von Otto Nagel entdeckten. Zwei Jahre ist das her. „Von wegen verschollen“, sagt Sibylle Schallenberg wütend. „Die Bilder waren doch die ganze Zeit hier.“ Seitdem die Stiftung das weiß, fordert sie die Bilder ein. Weil sie die für ihr Eigentum halten. „Ein Missverständnis“, sagt Sibylle Schallenberg. „Die Bilder gehören mir. Meine Mutter hat sie früher mal für kurze Zeit im Märkischen Museum aufbewahren lassen. Dass die dann gleich die Bilder als Eigentum eintragen, heißt doch noch lange nichts.“ Die Sache ging vor Gericht, aber die Rechtslage ist kompliziert. Eine endgültige Entscheidung soll das Landgericht Neuruppin am 6. Februar treffen.

Vieles in dem kleinen Haus erinnert an Otto Nagel. Überall hängen Bilder von ihm und seinen Kollegen – Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Gabriele Münther, Otto Dix. An der Wand hängen Fotografien, Sibylle Schallenberg mit ihrem Vater oder der Mutter. In seiner Künstler-Werkstatt, wo Götz neben eigenen Grafiken und Ölmalereien die alte Staffelei seines Schwiegervaters aufhebt und die Palette mit angetrockneten Farbklecksen. Und in der kleinen Dachkammer ist das Otto-Nagel-Archiv: Briefe, Zeitungsartikel und eben auch jene Bilder, die die Stiftung Stadtmuseum Berlin jetzt für sich beansprucht, ordentlich in blaue Tücher gewickelt.

Das Mittagessen ist fertig. Sibylle Schallenberg gießt die Suppe in die Teller und setzt sich zu ihrem Mann an den kleinen runden Tisch. Hier in der Küche empfangen sie all die Gäste, die sich für die nächste Zeit angekündigt haben. Journalisten, die über den Streit berichten wollen. Oder den Hotelbesitzer aus dem Nachbarort, der eine dreijährige Ausstellungsfolge plant. Die Holzschnitte von Götz Schallenberg will er im ersten Jahr zeigen. Im Jahr darauf kommt ein anderer Künstler an die Reihe. Otto Nagel soll dagegen erst im dritten Jahr ausgestellt werden, sicher ist sicher. Bis dahin ist ja vielleicht klar, wem seine Bilder gehören.

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