Zeitung Heute : 1945 2005

Dresden ist vom Bombenhagel zerstört. Jochen Zimmermann fotografiert die Verwüstung. 60 Jahre später nimmt sein Sohn Harf die Kamera und sucht die Standorte des Vaters wieder auf.

Hermann Rudolph

Trümmer gab es in Deutschland am Ende des Krieges reichlich. Aber wenige haben die Zeitgenossen so erschüttert, so fassungslos gemacht wie die von Dresden.

Die Stadt, die eine vielgeliebte war und ist, wurde kurz vor Kriegsende am 13. Februar 1945, also vor bald 60 Jahren, in drei Luftangriffen zerstört. Ihr Untergang im Feuermeer wurde zum Symbol für sinnlose Vernichtung. Wer das Weinen verlernt hat, der lerne es hier wieder, schrieb der greise Gerhart Hauptmann, der den Angriff miterlebte.

Die Bilder auf dieser Seite gehen diesem Ereignis nach, in doppelter Perspektive: der auf das Damals und der auf das Heute. Es ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen zwei Generationen einer Familie. Ein Gespräch ohne Worte.

Der Vater, Jochen Zimmermann, Dresdner, hat 1949 die zerstörte Stadt fotografiert. Mit einem wackligen Fahrrad und seiner Kamera hat er die Straßen und Orte aufgesucht, die ihm an seiner Heimatstadt vertraut und lieb gewesen waren: eine Dokumentation, die zum Totentanz wurde. Der Sohn, Harf Zimmermann, hat viel später seine Kamera auf die gleichen Stellen gerichtet. So steht die vernichtete Stadt der aufgebauten, neu gebauten, restaurierten - nun gekrönt mit der wiederaufgebauten Frauenkirche – gegenüber. Ein bewegendes Stadtschicksal, stumm gedeutet, sichtbar gemacht.

Die alten Bilder zeigen alles, was das zerstörte Dresden ausmachte und damals für einen Moment den Plan auftauchen ließ, die Stadt ganz abzureißen, um sie neu zu bauen – die ungeheure, aufsaugende Leere der Stadtlandschaft, die schwarzen Ruinengebirge, die klagende Geste der ausgebrannten Gebäude. Fast schmeckt man noch den Trümmerstaub, der damals überall in der Luft lag.

Und nun, zwei Generationen danach, die Normalität der Gegenwart, die sich darüber geschoben hat. Der Vater hat übrigens nochmals zur Kamera gegriffen, 1959. Da hatte der Wiederaufbau, der Neubau begonnen, aber die Stadt lag noch immer am Boden, enttrümmert, doch ohne Gesicht.

Gut 40 Jahre später halten die neuen Bilder, Zeugnisse der staunenswerten Wiederbelebung der Stadt im letzten Jahrzehnt, die Konfrontation mit den alten aus. Im Doppelbild erkennt die Stadt sich wieder, auch wenn die Kontraste das Empfindungs- und Vorstellungsvermögen fast schmerzhaft übersteigen.

Sie hat das Ende überlebt, das ihr die Zerstörung bereitet hat. Sie zeigt wieder das berühmte Elbpanorama. Es führt ein Weg zurück.

— Dresden 1945 Vaterstadt 2005.

Nicolai Verlag. Berlin 2005.

120 Seiten. 19,90 Euro. Das Buch erscheint

kommenden Freitag.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar