1989 : Tagebuch einer Dienstreise
16.09.2009 00:00 Uhr
Dienstag, der 19. September 1989, spätabends im Büro, es liegt im einstigen Hotel Esplanade, eines der beiden verbliebenen Häuser am Potsdamer Platz, West-Berlin. Von der Terrasse blickt man auf verwilderte Flächen, auf Niemandsland. Auf den Grenzzaun, den Todesstreifen. Wachtürme. Uniformierte. Dahinter die Skyline von Ost-Berlin.
Der Drehtag am Schlachtensee, weit westlich im Grunewald, war lang und anstrengend gewesen. Nun gilt es, den nächsten Tag vorzubereiten. Das Drehmotiv dafür und für die sieben darauffolgenden Tage liegt im Ostteil der Stadt. Es ist die Klinik Herzberge in Berlin-Lichtenberg.
Alle im Team sind nervös.
Seit Ungarn am 11. September seine Grenzen zu Österreich geöffnet hat, liegt Anspannung in der Luft. In Prag flüchten sich Tausende Menschen in die Botschaft der Bundesrepublik. Was werden die kommenden Wochen bringen? Für die Menschen in der DDR und für uns? Können wir die Szenen für unseren Film in Ost-Berlin überhaupt abdrehen? Der Film heißt „Reise ohne Wiederkehr“.
Unser Produzent hat dafür ein Koproduktionsabkommen mit der Defa in Babelsberg geschlossen. Die Defa besorgt uns die nötigen Drehgenehmigungen und stellt für den Dreh in der Klinik Herzberge Beleuchter, Hilfskräfte für Kostüm und Maske und Aufnahmeleiter zur Verfügung. Die Kooperationsbereitschaft der staatseigenen DDR-Filmgesellschaft resultiert aus dem Thema des Films. In „Reise ohne Wiederkehr“ geht es um die Euthanasie an behinderten Kindern im „Dritten Reich“. Für die Defa-Verantwortlichen also ein „antifaschistisches“ Thema, das man guten Gewissens unterstützen kann.
Im Juni/Juli 1989 war ich mit meinem Kameramann und meinem Produktionsleiter in Ost-Berlin auf Motivsuche. Obwohl ich seit 1975 in Berlin lebe, war dies mein erster Besuch dort. Mit entsprechenden Papieren von den Defa-Leuten ausgestattet passierten wir den Grenzübergang Bornholmer Straße. Es war ein regnerischer Sommertag. Eine merkwürdige Stimmung lag über dem Ostteil der Stadt. Die Straßen schienen menschenleer. Geschäfte und Restaurants entdeckte ich kaum im tristen Bild grauer und eintöniger Straßenzüge.
Die Psychiatrische Anstalt Herzberge in Lichtenberg entpuppte sich als das ideale Außenmotiv für Szenen, die in meinem Film in einem katholischen Kinderheim spielen, aus dem die SS 1940 behinderte Kinder abholt um sie als „unwertes Leben“ umzubringen. Der Leiter der Anstalt hatte gleich großes Interesse an unseren Dreharbeiten. Wir werden von der Defa protegiert, und wir zahlen für die Drehgenehmigung in Herzberge mit harter Westwährung.
Nun sitze ich mit meinen Teammitgliedern im Esplanade und wir besprechen noch einmal die Einzelheiten. Das Wetter soll gut werden, wie in all den Tagen zuvor. Wie wird es an den Grenzübergängen laufen? Der Produktionsleiter hat sich noch einmal bemüht, dass wir vom Westen aus Walkie-Talkies mitnehmen können. Umsonst. Die Defa stellt uns drei ihrer altertümlichen Geräte zur Verfügung. Der Telefonkontakt von Herzberge ins West-Berliner Produktionsbüro wird äußerst schwierig sein. Jedes Gespräch muss Stunden vorher angemeldet werden. Im Schnitt sind drei Telefonate pro Tag möglich.
Als der Produktionsfahrer mich in der Nacht in meine Schöneberger Wohnung fährt, hören wir im Autoradio die neuesten Nachrichten aus der Prager Botschaft. Die Verhältnisse dort spitzen sich zu, und immer mehr DDR-Bürger drängen auf das Botschaftsgelände.
„Da braut sich was zusammen“, sagt mein Fahrer. „Das nimmt die SED-Führung nie hin. Hoffentlich ist der Dreh in Herzberge bis dahin im Kasten.“ Ich wage nicht, das Gegenteil zu denken.
Mittwoch, 20. September 1989, „bitte alle Team- und Castingmitglieder Ausweis und Visaformulare sowie Zollbescheinigungen mitbringen!", steht auf der Tagesdispo, die am Abend zuvor an alle verteilt wurde. Wir sind 40 Teammitglieder, die die Grenze passieren werden. Hinzu kommen 13 Darsteller – darunter acht Kinderdarsteller – und 13 Komparsen, ebenfalls zum Teil Kinder.
Die Transportanweisungen für unsere Kamera,- Ton,- und Lichtausrüstung lesen sich wie die Zollausfuhrbestimmungen für gefährliche Güter. Und ab heute muss unser gesamtes technisches Material jeden Morgen ein- und am Abend wieder ausgeführt werden.
An der Ostseite des Grenzübergangs Bornholmer Straße, vor den unüberwindlichen Sperren, warten Menschen. Holen sie Verwandte aus dem Westen ab? Oder stehen sie einfach nur da und blicken über die Mauer? Was mag in ihren Köpfen vorgehen? Was denken sie, wenn sie die Schilder mit dem Filmtitel auf unseren Fahrzeugen lesen: „Reise ohne Wiederkehr“? Irre ich mich, oder entdecke ich in manchen Gesichtern so etwas wie ängstliche Erwartung? Entschlossenheit? Das Wissen um die Ruhe vor dem Sturm?
Mehr als eineinhalb Stunden sind vergangen, seit wir an den Grenzübergang gefahren sind. Im sanften Licht eines herrlichen Septembertages taucht die Klinik Herzberge vor uns auf. Das wuchtige Backsteingebäude sieht düster und abweisend aus. Der spitze Turm in der Mitte des Gebäudes ragt in den makellos blauen Himmel. Kameramann Heinz Pehlke schwärmt: „Das ideale Licht für Außendreh!“
An diesem Tag stehen fünf Szenen mit insgesamt 18 Einstellungen auf dem Drehplan. Fünf Kollegen von der Defa sind unserem Kameramann und dem Oberbeleuchter zugeteilt. Das Technikerteam arbeitet auf Hochtouren. Die Kameraproben mit den Darstellern laufen perfekt. In der engen „Telefonzentrale“ in Herzberge, bestückt mit einem vorsintflutlichen Apparat, kämpft der Produktionsleiter mit den technischen Unzulänglichkeiten. Das Kopierwerk in West-Berlin muss angerufen, Kostüme und Ausstattungsstücke für den nächsten Tag bestellt werden. Es herrscht Chaos, während wir draußen auf dem Gelände der Klinik Einstellung um Einstellung drehen.
Mit dem letzten Tageslicht ist auch die letzte Szene dieses Tages im Kasten.
Es geht zurück nach West-Berlin. Diesmal ist die Wartezeit an den Grenzübergängen ein wenig kürzer. Für mich und die wichtigsten Mitarbeiter meines Teams ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Produktionsbesprechung im Hotel Esplanade. Das Niemandsland. Der hell erleuchtete Grenzstreifen. Die Plattenbauten jenseits des Todesstreifens. Ost-Berlin ist wie ein fremder Planet.
Donnerstag, 21. September 1989, zweiter Drehtag in Lichtenberg. Das Wetter ist weiterhin gut. Im Team gehen Gerüchte um, dass mindestens zwei unserer Defa-Leute von der Stasi seien. In Verdacht geraten abwechselnd der Aufnahmeleiter, einer der Requisiteure und zwei Beleuchter. Auffällig sind die Angst und das Misstrauen der Defa-Mitarbeiter untereinander. Niemand von ihnen spricht offen über die Fluchtwelle nach Ungarn und Prag.
Freitag, 22. September 1989, dritter Drehtag in Lichtenberg, ein Nachtdreh. Am Nachmittag kommen wir in Lichtenberg an. Einige Defa-Leute sind überraschenderweise nicht am Drehort erschienen. Der Aufnahmeleiter begrüßt uns mit dem Satz: „Die Beleuchter sind in der Prager Botschaft!“ Auch einer der Requisiteure ist nicht gekommen. Derjenige, der als Stasispitzel verdächtigt wurde. Ist er ebenfalls geflüchtet? Hinter vorgehaltener Hand wird plötzlich im Team erzählt, dass schon einige Hundert Defa-Mitarbeiter in den Westen geflohen seien, dass die Defa regelrecht „ausblutet“.
Während wir auf den Einbruch der Nacht warten, setzt sich in meinem Kopf immer mehr der Gedanke fest: Was machen wir, wenn die DDR-Führung ihre Muskeln spielen lässt? Wie lange wird die Flucht Tausender DDR-Bürger noch tatenlos hingenommen? In welcher Weise spitzt die Lage sich zu? Ich habe nicht nur die Befürchtung, dass wir die Filmszenen in Ost-Berlin nicht zu Ende drehen können. Ich habe vor allem Angst, weil in und um Berlin eine Mauer steht, und die Stadt im Konfliktfall völlig abgeriegelt werden kann.
Mittwoch, 27. September 1989, letzter Drehtag in Ost-Berlin. Schon wieder sind Defa-Leute geflohen. Unter ihnen diesmal auch der als Stasispitzel verdächtigte Aufnahmeleiter.
Als die letzte Einstellung in Lichtenberg gedreht ist, fällt uns allen ein Stein vom Herzen. Wir feiern das Drehende auf dem Gelände der Klinik. Spät am Abend fahren wir zum letzten Mal als Filmteam durch die Grenzkontrollen.
Sonnabend, 30. September 1989, Dreh in West-Berlin, ein Außenmotiv. Morgens und abends höre ich mit Spannung und auch ängstlicher Unruhe die Nachrichten. Ein halbstündiger Fernsehbericht über unsere Dreharbeiten in West-Berlin, gefilmt Anfang September, wird nicht ausgestrahlt. Die politischen Ereignisse überstürzen sich von Tag zu Tag. Da ist kein Platz für kulturelle Berichterstattung über ein Filmprojekt.
Am Abend, nach der üblichen Besprechung im Produktionsbüro Esplanade, erfahren wir, dass Außenminister Genscher den Flüchtlingen in Prag verkündet hat, dass sie mit Zügen in die Bundesrepublik ausreisen können.
Montag, 2. Oktober 1989, wir drehen in einem stillgelegten Trakt des Krankenhauses Neukölln. Als das Kamerateam, die Beleuchter und Requisiteure den Drehort einrichten, tauchen plötzlich zwei bekannte Gesichter am Set auf. Es sind die beiden Beleuchter, die nach dem zweiten Drehtag in Ost-Berlin als Erste in die Prager Botschaft geflüchtet waren. In ihren Gesichtern spiegeln sich Glücksgefühl und Aufbruchstimmung. Sie sagen uns, dass die anderen Kollegen auch irgendwann in West-Berlin auftauchen würden. Unser Produktionsleiter stellt die beiden sogleich wieder ein. Nach ihrer gelungenen Flucht verdienen sie ihre erste Gage in Westmark.
9. November 1989, die Filmarbeiten zu „Reise ohne Wiederkehr“ sind seit dem 26. Oktober beendet. Mit meiner Cutterin sitze ich im Schneideraum. Im Radio hören wir, was in Ost-Berlin los ist. Wir unterbrechen die Arbeit. Ich gehe nach Hause, stelle den Fernsehapparat an. Internationale Pressekonferenz im DDR-Fernsehen. Schabowski redet …
In der Nacht schließe ich mich dem Strom der Menschen an, die von West-Berliner Seite her zum Brandenburger Tor eilen.
Die Mauer ist gefallen. Tausende von Menschen passieren die Grenze von Ost nach West. Berlin ist endlich eine wiedervereinigte Stadt.








