Zeitung Heute : 2013 heißt es letztmalig „Guten Rutsch“ Die alten Müllschlucker werden abgewrackt

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Für Mieter sind sie eine bequeme Einrichtung: die Müllschlucker, die es in vielen Berliner Wohnhochhäusern noch gibt. Ein paar Schritte zur Müllklappe im Flur, den Kehrichtsack reingeworfen – und schon ist man den Abfall los, ohne den Weg in den Keller oder zum Müllplatz im Hof zurücklegen zu müssen. Doch damit wird es spätestens Ende 2013 vorbei sein: Bis dahin müssen die Müllabwurfanlagen stillgelegt sein. Das hat das Berliner Abgeordnetenhaus im Rahmen der novellierten Berliner Bauordnung Ende vergangener Woche entschieden.

Die Koalition begründet diese Maßnahme mit Umweltargumenten. „Mieter von Großwohnanlagen mit Abwurfschacht entsorgen insgesamt mehr Restmüll als in Großwohnanlagen ohne Abwurfschacht“, erklärte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bereits 2009 in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage eines CDU-Abgeordneten. Besonders auffallend sei der hohe Anteil an Papier- und Pappeabfällen im Restmüll. Hinzu kommen laut Senat hygienische und brandschutztechnische Bedenken.

Nicht gelten lässt diese Argumentation der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). „Hier wird mit Brachialgewalt eine Politik durchgesetzt, die gegen die Mieter gerichtet ist“, schimpft Siegfried Rehberg, Referent für Technik beim BBU. Er verweist auf eine Untersuchung, die der BBU gemeinsam mit der BSR an 2900 Müllabwurfanlagen mit 155 000 angeschlossenen Haushalten durchgeführt hat. Demnach betrug das Restmüllaufkommen pro Haushalt und Woche im Durchschnitt 72 Liter – rund ein Sechstel weniger als im Berliner Durchschnitt (86,5 Liter). „Ein Verbot von Müllabwurfanlagen“, folgert BBU-Vorstandsmitglied Maren Kern, „ist umweltpolitisch kontraproduktiv.“

Ganz so eindeutig ist das nicht, wie die Erfahrungen des städtischen Wohnungsunternehmens Gesobau zeigen. Dieses hat im Zuge der Modernisierung des Märkischen Viertels bisher rund 60 Müllschlucker geschlossen. „Müllabwurfanlagen geben nur wenig Anreiz zur Mülltrennung“, gibt Gesobau-Sprecherin Kirsten Huthmann zu bedenken. „Dieses Verhalten führt zu höheren Restmüllentsorgungskosten, welche die Mieter über die Betriebskosten zahlen.“ Anfänglich gab es im Märkischen Viertel heftige Mieterproteste gegen die Schließung der Müllschlucker. Mittlerweile haben sich diese laut Huthmann gelegt. Die neuen Müllräume seien meist in Erdgeschossen eingerichtet worden und mit dem Aufzug gut erreichbar; zudem seien aus Rücksicht auf ältere Mieter Tonnen mit kleineren, leicht zu bedienenden Deckeln aufgestellt worden. Huthmann zufolge profitieren die Mieter auch finanziell von der neuen Lösung: Dadurch seien die Müllkosten um zwölf Prozent auf 115 Euro pro Wohnung und Jahr zurückgegangen.

BBU-Fachmann Rehberg weist jedoch darauf hin, dass Müllschlucker nicht gleich Müllschlucker ist. Bei alten Anlagen könne das Restmüllaufkommen tatsächlich höher sein; bei modernisierten Anlagen aber, wie es sie vor allem im Ostteil der Stadt gebe, sei das Ergebnis besser. Diese Anlagen wurden zum Beispiel mit Edelstahlauskleidungen, erneuerten Einwurföffnungen und Sprinkleranlagen zur Brandvorbeugung versehen; außerdem stehen gut erreichbare Sammelplätze für Wertstoffe zur Verfügung.

Die Folge: Das kommunale Wohnungsunternehmen Degewo ermittelte, dass seine Mieter in Marzahn lediglich 0,15 Euro pro Quadratmeter und Monat für die Müllentsorgung zahlen, Mieter im Westteil dagegen bis zu 0,35 Euro – immer in Häusern mit Müllschlucker. Der Durchschnitt in Berlin beträgt 0,19 Euro.

Dass der BBU gegen die zwangsweise Schließung protestiert, hängt natürlich auch mit den Kosten zusammen. Die Degewo rechnet laut ihrer Sprecherin Erika Kröber damit, dass die Stilllegung ihrer 400 Anlagen rund vier Mio. Euro kosten wird. Entsprechend beziffert der BBU die Aufwendungen für die Schließung aller rund 4000 Anlagen in Berlin auf mindestens 40 Mio. Euro. Bei der überwiegenden Mehrheit der Anlagen ist die Herstellung unterschiedlicher Abwurfschächte für verschiedene Müllsorten baulich nicht möglich.

Offen ist im Übrigen die Frage, wie die Schließung der Müllabwurfanlagen mietrechtlich zu beurteilen ist: Der BBU will nicht ausschließen, dass der Mieter in diesem Fall seine Miete mindern kann -– schließlich ist die Müllentsorgung dann nicht mehr so bequem wie zum Zeitpunkt der Anmietung der Wohnung. Christian Hunziker

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