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Entführt von der Guerilla, sechs lange Jahre im Dschungel, überwacht, unterernährt und ohne Freunde – wie hat Fernando Araújo, heute Kolumbiens Außenminister, durchgehalten? Das Psychogramm einer Geiselhaft

Sandro Benini[Cartagena/Kolumbien]

Aus Sicherheitsgründen gibt Fernando Araújos Sekretär den Ort des Treffens erst kurz vor dem vereinbarten Termin bekannt: das elegante Hotel „Las Américas“ in der kolumbianischen Küsten- und Kolonialstadt Cartagena. Araújo ist mittelgroß, drahtig, trägt ein dunkelblaues Poloshirt und zentimeterkurz geschnittene Haare. Er verströmt eine etwas steife, aber niemals unhöfliche Distanz. Sechs Jahre und drei Monate lang war er Geisel der Guerilla. Vor kurzem ist er Außenminister geworden, nur Wochen nach der Freilassung; die Erinnerungen an die schlimme Zeit hatten noch kaum Zeit zu verblassen.

Am Nachmittag des 4. Dezember 2000 joggt Fernando Araújo wie jeden Tag eine von Cartagenas Küstenpromenaden entlang. Das Leben des damals 45-Jährigen, der einer der mächtigsten Familien Kolumbiens angehört, hat in letzter Zeit viele Hochs und Tiefs durchlaufen. Sieben Monate zuvor hat er die attraktive, sechzehn Jahre jüngere Mónica Yamhure Gossaín geheiratet. Es ist Araújos zweite Ehe, aus seiner ersten Verbindung hat er vier Söhne. Das private Glück tröstet ihn über die Folgen eines Bestechungsskandals hinweg, der ihn vor kurzem gezwungen hat, seine Stellung als Minister für Entwicklung im Regierungskabinett von Präsident Andrés Pastrana aufzugeben. Die Ermittlungsbehörden werden ihn später allerdings entlasten.

Plötzlich wird Araújo von zwei Männern gepackt und in einen Kastenwagen gezerrt. Er schreit um Hilfe, wehrt sich, mehrere Passanten beobachten die Szene. Im Fahrzeug richtet der eine Entführer eine Uzi auf Araújos Brust, der andere drückt ihm eine Pistole an den Kopf und hält ihm die Augen zu. Die Aktion ist für die Guerilleros äußerst riskant, denn sie befinden sich mit ihrer Geisel auf einer schmalen Landzunge. Der einzige Fluchtweg ist eine Straße, auf der um diese Zeit der Verkehr stockt und die an einer Militärkaserne und einer Polizeistation vorbeiführt. Hätten die von den Zeugen alarmierten Ordnungskräfte rechtzeitig eine Sperre errichtet, wäre Araújos Gefangenschaft wohl nach wenigen Minuten zu Ende gewesen.

Fernando Araújo ist der weltweit größten und reichsten Guerillaorganisation in die Hände gefallen. Die 1964 gegründete Farc – für „Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia“ – ist eine hervorragend ausgerüstete Armee mit rund 20 000 Kämpfern, angeführt vom legendären 77-jährigen Revolutionsgreis Manuel Marulanda alias Tirofijo: „sicherer Schuss“. Vordergründig will die Farc durch einen kommunistischen Umsturz soziale Gerechtigkeit schaffen, in Wirklichkeit hat sie sich längst dem Kokainhandel und der Erpressung von Lösegeldern verschrieben. Laut Schätzungen der kolumbianischen Regierung nimmt sie jährlich rund 800 Millionen Dollar ein.

Bisher hatte die Guerillaarmee in ihrem blutigen Kampf gegen den Staat hauptsächlich Soldaten der regulären Streitkräfte als Geiseln genommen, doch mit der Entführung Araújos vollzieht sie einen Strategiewechsel: Fortan sucht sie sich ihre Opfer vor allem unter Politikern, in der Hoffnung, den Druck auf die Regierung zu erhöhen und die Entführten gegen inhaftierte Mitkämpfer auszutauschen. Ein Jahr nach Araújo wird ihnen die Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt in die Hände fallen, die sie bis heute gefangen halten. Gegenwärtig befinden sich 20 Politiker, 37 Offiziere sowie drei Amerikaner in der Gewalt der Guerilla.

Araújo wird in ein Farc-Camp 50 Kilometer außerhalb Cartagenas gebracht. Ein Kommandant fragt ihn höflich nach seinem Namen und nimmt ihm den Personalausweis ab. Araújos linkes Handgelenk wird mit Klebeband an das eines Soldaten gebunden, es beginnt ein Marsch in die Bergregion Montes de María. Nach wenigen Minuten versucht der Entführte zu fliehen. Er versetzt seinem Bewacher einen Stoß, der Guerillero stürzt, Araújo geht ebenfalls zu Boden und reißt vergeblich am Klebeband. „Du Hurensohn“, schreit der Guerillakämpfer, zieht seine Pistole und drückt ab. Es passiert nichts – Ladehemmung. „Der Fluchtversuch war eine Panikreaktion“, sagt Araújo heute. „Ich hätte mich zuerst losreißen und erst dann den Soldaten niederwerfen müssen.“ Der Gedanke zu fliehen wird ihn während seiner ganzen Gefangenschaft verfolgen, aber er beschließt, sich nie wieder zu einer Kurzschlusshandlung hinreißen zu lassen. Die Strafe der Kidnapper ist hart: Sie schnüren Araújo ein Seil von einigen Metern Länge um den Bauch und befestigen die Enden an Baumstämmen – sieben Monate lang.

Das Leben als Geisel der Farc: unendliche Öde. Tagelanges Nichtstun. Hirnzersetzende Langeweile. Araújo sitzt oder liegt auf einer Hängematte, bewacht von sechs Guerillakämpfern. Einer steht mit dem Maschinengewehr im Anschlag neben ihm, die anderen sitzen ein paar Meter entfernt auf dem Boden. Beginnt es zu regnen, spannen sie eine Militärplane auf. Selbst wenn der Ex-Minister über einem Erdloch die Notdurft verrichtet, lassen ihn seine Bewacher keine Sekunde aus den Augen. Andere Gefangene bekommt Araújo nie zu Gesicht. Mit der Geisel zu sprechen, ist den Guerilleros verboten, und während der ersten Wochen halten sie sich daran. Araújos Existenz ist zu einem unerträglich sinnlosen Stillstand gekommen. Er versinkt in Depressionen, der Gedanke an seine Familie, die Bewegungslosigkeit, das unentwegte Schweigen der Soldaten sind kaum auszuhalten. Etwas Abwechslung verschaffen einzig die Märsche von einem Camp zum anderen, das morgendliche Waschen, die Gänge zur Toilette. Nach einem Monat ringt sich der Gefangene zu einem Entschluss durch: „Ich musste aufhören, über die Unerträglichkeit meiner Lage nachzugrübeln. Ich musste aufhören, mein Schicksal zu beklagen und ständig an meine Angehörigen zu denken. Sonst würde ich wahnsinnig. Ich war eine Geisel, und es blieb mir nichts anderes übrig, als diese Lage hinzunehmen. Ich war nicht mehr für meine Familie verantwortlich, sondern nur noch für mich selber.“

Araújo beginnt mit einem täglichen Sportprogramm: Joggen auf der Stelle, Kniebeugen, Liegestützen. Pause. Das Ganze von neuem, immer wieder. Er sagt sich, dass er fit sein müsse, falls sich die Gelegenheit zur Flucht ergebe. Im Verlauf der Wochen und Monate werden die Kidnapper etwas zugänglicher, es kommt zu ersten Gesprächen, zunächst vor allem über Fußball. Irgendwann erhält er eine Zeitung. „Ich legte mir einen Plan zurecht, um die Dauer der Lektüre so lange wie möglich auszudehnen. Heute die ersten beiden Seiten, morgen die nächsten zwei, zu genau bestimmten Zeitpunkten. Vor dem Einschlafen stellte ich mir jeweils den Ablauf des nächsten Tages vor und kalkulierte die Phasen des absoluten Nichtstuns, der totalen Langeweile ein – aber so konnte ich auch entscheiden, wann ich sie durch Sport und Zeitunglesen beenden würde.“

Bei Einbruch der Dunkelheit, zwischen sechs und sieben Uhr, versucht Araújo einzuschlafen. Während der ersten Wochen reißen ihn Stechmücken und der pausenlose Ruf der Nachtfalken aus dem Schlaf. Für ihn sei das Geräusch wie ein Wiegenlied, sagt ein Guerillero auf die Klagen des Gefangenen. „Ich zwang mich, das ewige Geschrei genauso zu empfinden. Nach einiger Zeit störte es mich nicht mehr“, erzählt Araújo.

Die allmählich zunehmende Vertrautheit mit seinen Bewachern nutzt der Gefangene, um an ihr Gewissen zu appellieren – vergeblich, jedes Argument prallt gegen eine Wand. „Die meisten Guerilleros treten der Farc als Teenager bei, sie sind arm, ungebildet und werden von ihren Kommandanten ständig indoktriniert.“ Er sei ein notwendiges Opfer des Klassenkampfes, lautet die Rechtfertigung, die der Entführte immer wieder zu hören bekommt. Für die Soldaten der Farc gehören Entbehrungen, Härte, Gewalt und Tod zum Alltag. Sie sind genauso von ihren Familien getrennt wie Araújo, sie hocken genauso im Dschungel, außerhalb der Zeit und ohne über ihr Schicksal bestimmen zu können. Für die Klagen des Gefangenen haben sie nichts als Achselzucken, und obwohl Araújo ihr Verhalten nachvollziehen kann, gerät er nie in Versuchung, sich mit ihnen zu verbrüdern. Das Stockholm-Syndrom, von dem Geiseln häufig befallen werden, bleibt ihm fremd.

Irgendwann überlassen ihm die Bewacher ein schmales Buch, das Franz Kafkas Erzählung „Erstes Leid“ enthält. Sie handelt von einem Trapezkünstler, der Tag und Nacht fern von allen Menschen unterhalb der Zirkuskuppel lebt und aus Gefäßen isst, die an Seilen hochgezogen werden. „Ich war dieser Trapezkünstler, aber im Unterschied zu Kafkas Figur war ich es wider Willen“, sagt Araújo heute. Als er nach dreieinhalb Jahren erstmals einen Handspiegel bekommt, erblickt er einen ausgezehrten, bärtigen Fremden.

Ein einziges Mal darf er einen Brief an seine Familie schreiben, und nach sieben Monaten leiht ihm ein Bewacher sein Radio. Nun kann Araújo Nachrichten sowie die in Kolumbien regelmäßig ausgestrahlten Sendungen hören, über die Angehörige ihren Entführten Botschaften in die Gefangenschaft schicken. Die Verbindung zur Außenwelt hat einen weiteren Vorteil. Täglich werden die Soldaten der Farc zu einer Sitzung einberufen, an der sie aktuelle politische Ereignisse kommentieren und ihre Treue zur marxistischen Ideologie der Organisation beweisen müssen. Dank des Radios kann Araújo Tipps geben, damit die überforderten Guerilleros vor ihren Kommandanten nicht als Dummköpfe dastehen. Ab und zu spielen sie dafür mit ihm Karten, und einmal bekommt er zum Geburtstag einen Kuchen.

Nach zweieinhalb Jahren bemerkt er, dass ihm seine Ehefrau Mónica keine Radionachrichten mehr schickt und die Söhne nicht mehr von ihr sprechen. Sein allen Widrigkeiten abgetrotztes seelisches Gleichgewicht gerät ins Wanken. Ist Mónica etwas zugestoßen? Hat sie ihn verlassen? In seiner Ungewissheit bittet Araújo einen Soldaten, der Sache nachzugehen. Dieser erhält von seinen Vorgesetzten die Erlaubnis, Araújos Bruder anzurufen. Die Antwort ist niederschmetternd: Mónica habe das Warten nicht länger ausgehalten und lebe mit einem anderen Mann zusammen. Araújo kann es nicht glauben. Er redet sich ein, das Ganze sei eine Lüge der Guerilleros, um ihn zu zermürben. Und falls nicht, werde es ihm gelingen, Mónica nach seiner Freilassung umzustimmen. „Die Liebe zu meiner Frau war meine wirksamste Waffe gegen die Hoffnungslosigkeit. Ich klammerte mich daran, auch wenn ich ahnte, dass sie zu einem Phantom geworden war.“

Neben der Trennung von seiner Familie und der Ödnis des Alltags wird für Araújo die sexuelle Enthaltsamkeit zur größten Qual. Weil er rund um die Uhr bewacht wird, reduziert sich sein Sexualleben auf erotische Träume und gelegentliche nächtliche Samenergüsse. „Ich dachte an den Papst und sagte mir: Wenn der damit zurechtkommt, muss ich es auch schaffen.“ Während der ersten zwei Jahre sind seine Wärter ausschließlich Männer, später ist ab und zu auch eine Guerillera dabei. Die Soldatinnen wirken auf Araújo menschlicher als ihre Kameraden, einige begrüßt er mit Wangenkuss. Besonders attraktiv ist die 17-jährige Tochter eines Kommandanten. „Aber es war undenkbar, das zu zeigen. Während der ganzen sechs Jahre geschah nichts, was man auch nur im Entferntesten als erotisches Erlebnis bezeichnen könnte.“

Am fünften Jahrestag seiner Entführung sagt sich Araújo, dass er wohl mit weiteren fünf Jahren in Geiselhaft rechnen müsse. Dennoch hofft er weiter. Abwechselnd malt er sich drei Szenarien aus: eine gelungene Flucht, eine gewaltsame Befreiung durch die Armee oder eine Einigung zwischen Farc und Regierung über den Gefangenenaustausch. Im Oktober 2006 erklärt sich Präsident Uribe überraschend bereit, in einem Gebiet östlich der Stadt Cali eine entmilitarisierte Zone einzurichten und deren Kontrolle der Guerilla zu überlassen. Eine der Hauptforderungen der Farc wäre damit erfüllt. Araújo wird nun besser behandelt. Bisher hat er ausschließlich Reis, Bohnen und Linsen bekommen, nun verlangt er Früchte. „Die Guerilla wollte, dass ich für den Fall eines Gefangenenaustauschs halbwegs präsentabel war. Ich kam mir vor wie ein Schweinchen, das es aufzupäppeln galt.“

Hin und wieder darf er jetzt mit einem Oberkommandierenden sprechen. Sie reden über Politik, kurz, emotionslos, ohne sich zu verstehen. Ein der Farc zugeschriebenes Attentat in Bogotá veranlasst Uribe schon zwei Wochen später, die Verhandlungen abzubrechen. In einer Zeitung liest Araújo kurz darauf ein Interview mit Guerillachef Marulanda. Auf die Frage, wie lange er die Geiseln festzuhalten gedenke, antwortet er: „Notfalls 30 Jahre.“

Am 31. Dezember 2006 wird das Guerillacamp, in dem die Farc Araújo festhält, von Helikoptern der Armee angegriffen. Ein Überläufer hatte den Aufenthaltsort des Ex-Ministers verraten, worauf sich der Staat nach Rücksprache mit Araújos Familie zu einer Befreiungsaktion entschloss. Das Feuer der Maschinengewehre sprengt die Bewacher auseinander, in Panik suchen sie Schutz. Araújo springt von seiner Hängematte, wirft sich zu Boden und kriecht in ein Gebüsch. Niemand verfolgt ihn, er wartet einen Moment und rennt dann geduckt aus dem Lager. Fünf Tage lang irrt er durch die unwegsame Bergregion, Flüssigkeit zapft er aus Kakteen ab. Schließlich stößt er auf einen Bauern, der ihm den Weg ins nächste Dorf zeigt.

Die medizinische Untersuchung in einem Militärspital wird später ergeben: Araújo ist unterernährt und dehydriert, ansonsten aber gesund. Zwei Wochen nach der Befreiung sieht er Mónica wieder. Sie ist nach Bogotá gezogen und hat von ihrem neuen Partner ein Kind. Araújo hört sich ihre Erklärungen an: Sie habe das Gefühl gehabt, ihr Leben zu verpassen. Sie habe ein Kind gewollt und unentwegt daran gedacht, dass ihre fruchtbaren Jahre ungenutzt vorübergingen, im vergeblichen Warten auf ein Ereignis, das vielleicht niemals eintreten werde. „Ich kann das alles nachvollziehen, aber ich hätte an ihrer Stelle anders gehandelt“, sagt Araújo. Zurück bleibe eine Mischung aus Verständnis und Enttäuschung – und der Gedanke, dass ihn am Ende seiner sechsjähriger Gefangenschaft auch dieser hässliche Streich des Schicksals nicht aus der Bahn werfen werde. Wer so lange gezwungen gewesen sei, auf seine Freiheit zu verzichten, müsse die freie Entscheidung eines anderen akzeptieren. Nun verhandeln die beiden über die Scheidung.

Auf die Frage, was er heute seinen Entführern gegenüber empfinde, antwortet Araújo nach kurzem Zögern: „Mitleid.“ Er sei grundsätzlich für den Gefangenenaustausch, aber die Forderung nach einer entmilitarisierten Zone und andere Bedingungen seien derart maßlos, dass der Staat irgendwann sagen müsse: bis hierher und nicht weiter.

Nach seiner Ernennung zum Außenminister bezeichnet ihn Uribe als „Menschen ohne Hass, der die kolumbianische Tragödie am eigenen Leib erlitten hat und sie der Welt erklären wird“.

Ein Journalist der Tageszeitung „El tiempo“ schreibt, es sei zweifelhaft, ob ein Mann nach 2222 Tagen Gefangenschaft ein derart schwieriges Amt bewältigen könne.

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