Zeitung Heute : 3 Städte, Küche, Bad

Der Schriftsteller David Sedaris ist ein gefeierter Star. Er lebt in Paris, London und New York. Wie und warum? Das erzählt der Amerikaner hier.

Vor zehn Jahren sind mein Partner Hugh und ich von New York nach Paris gezogen. Wir wollten ein Jahr in Europa verbringen. Inzwischen haben wir auch noch ein Haus in London, unser Apartment in Manhattan haben wir untervermietet – und wir denken gar nicht daran, zurückzukehren. Warum sollten wir die Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe vom Boulevard Saint-Germain und das Backsteinhaus in Kensington gegen die schäbige Absteige in SoHo eintauschen?

Heute mag SoHo ein Touristenmagnet sein, als wir 1991 in die Thompson Street zogen, war der New Yorker Stadtteil noch nicht so beliebt. Die Wohnung gehörte zum sogenannten süditalienischen Viertel: Wir wussten immer, wann die italienischen Schulferien anfingen. Dann standen über Nacht Gruppen von italienischen Touristen an der Kreuzung, ohne je die Straße zu überqueren, redeten, machten Fotos, gingen mal ein paar Schritte hin und her, blockierten den Bürgersteig.

Unsere Wohnung dort besteht aus einem kleinen Wohn- und Schlafzimmer. Sie ist 30 Quadratmeter groß, liegt im fünften Stock, und als wir einzogen, konnten wir bis hinunter zum World Trade Center gucken. Das flache Garagengebäude vor unserem Haus wurde vor einigen Jahren abgerissen, jetzt steht dort ein Hotel mit 17 Etagen – und das Apartment fühlt sich wie eine Höhle an, so dunkel ist es.

Trotzdem, eine Wohnung in Manhattan gibt man nicht so einfach auf, deswegen haben wir sie untervermietet. Unser Deal lautet: Sollten wir das Apartment einmal brauchen, zieht die Mieterin aus. Allerdings machen wir kaum Gebrauch davon. Wenn ich in der Stadt bin, wohne ich im Hotel. Ich finde es zu anstrengend, in die Wohnung zu gehen und nachzugrübeln, ob das Laken gerade frisch gewaschen ist oder nicht, und ich möchte mich nicht darum kümmern müssen, die Bettwäsche wieder für sie zu wechseln.

Im Moment beläuft sich die Miete auf 1400 Dollar im Monat, der Vermieter könnte sie leicht auf 2400 erhöhen – wenn er ein paar Reparaturen durchführen ließe. Deshalb erledigen viele New Yorker die Arbeiten lieber selbst oder finden jemanden, der es für sie tut. Auf keinen Fall ruft man den Vermieter an, das zieht nur Ärger nach sich.

Einmal verbrachte ein befreundetes Pärchen mit Hund den Sommer in unserer Wohnung. Danach war der Abfluss mit Hundehaaren verstopft – eine perfekte Gelegenheit für Hugh, seine handwerklichen Fähigkeiten zu beweisen. Er entwickelt bei solchen Gelegenheiten einen gewissen Ehrgeiz. Unsere Nachbarin Helen, ein giftige Schachtel, schenkte ihm irgendwann eine uralte Singer-Nähmaschine. Er lernte tatsächlich nähen. Wenn mir etwas im Haus kaputt geht, sage ich keinen Ton, sondern warte einfach ab, bis Hugh es benutzt. So denkt er, er wäre schuld und kümmert sich gleich um die Reparatur.

Erst wenn er kapituliert, holen wir einen Klempner. In Paris haben wir ein richtiges Original gefunden. Er ist Ende 50, spricht, als hätte er keine Zähne, hat einen gelähmten Arm – und benutzt den anderen vornehmlich dafür, Zigaretten zum Mund zu führen. Er raucht während der Arbeit so viel, dass sich unsere Nachbarin über den Qualm beschwerte. Er ist nicht schnell, aber gründlich. Und erzählt Geschichten, wie ich sie nur aus Seifenopern kenne. Mit seiner Familie lebt er in der Banlieue, neulich wurde seine Teenager-Tochter schwanger, sie wusste nicht, wer der Vater war, worauf die beiden in Frage kommenden Männer versuchten, das in einer Messerstecherei zu klären.

Anfangs lebten wir in Paris in einer Mietwohnung, das war leicht, weil Vermieter Briten oder Amerikaner als Mieter vorziehen. Die Franzosen kennen das Gesetz zu gut. Zum Beispiel können die Pariser im Herbst einziehen, den Winter über keine Miete zahlen und der Vermieter darf sie nicht auf die Straße werfen. Es gibt ein Gesetz, das ihm untersagt, Menschen im Winter vor die Tür zu setzen. Mieten vor Gericht einzutreiben dauert manchmal Jahre.

Eine französische Freundin zog vor ein paar Jahren für sechs Monate nach New York. Sie vermietete ihre Pariser Wohnung an einen Juristen unter. Als sie zurückkehrte, sagte er ihr, es wäre nun sein Apartment. Er bezahlte keine Miete mehr, sie musste sich einen Anwalt nehmen, versuchte ihm den Strom abzustellen, aber die Elektrizitätswerke sagten ihr: Madame, Strom ist ein Bürgerrecht. Am Ende wurde sie ihn nur los, weil er eine bessere Wohnung fand.

Unser Apartment, 80 Quadratmeter groß, liegt nur einen Block vom Boulevard Saint-Germain entfernt. Es hat zwei Schlafzimmer, eines nutze ich als Büro, es gibt ein Wohnzimmer, eine Küche und ein Bad. Wenn wir im Sommer in die Normandie fahren, bieten wir sie Touristen im Internet an. Regelmäßig bombardieren uns dann Menschen mit E-Mail-Anfragen wie: Haben Sie noch Fotos von den Schränken? Warum haben Sie keine Video-Tour Ihrer Wohnung? Könnten Sie mal die Sicht aus Ihrem Fenster beschreiben? Der Ausblick ist nicht berauschend: Ich sehe in die Wohnung gegenüber, weil die Straße recht schmal ist. Wir haben inzwischen eine Regel für Untermieter eingeführt: keine Familien mit Kindern. Wir haben zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Liegt möglicherweise daran, dass viele Amerikaner und Australier in Vorstädten leben. Ihre Kinder finden es völlig normal, aus dem Fenster zu spucken, Sachen rauszuschmeißen oder Wände mit ihren Handabdrücken zu verschönern.

In London wohnen wir in Kensington. Wenn andere hören, wo ich lebe, sagen sie gleich spitz: Oh, das ist aber vornehm! Ich habe den Eindruck, ich müsste in ein anderes Viertel ziehen, damit sie sich besser fühlen. Das mache ich nicht mehr mit. Deshalb habe ich eine neue Taktik entwickelt. Wenn mich jemand fragt, warum ich dort wohne, antworte ich: Weil ich reich bin. Dann sind sie ruhig.

Das Haus haben wir vor einem Jahr gekauft, weil ich immer öfter für die BBC in der Stadt war. Es klingt überheblich, aber wenn man es sich leisten kann, eine Wohnung zu kaufen, überlegt man sich zweimal, ob man ständig in Hotels schlafen möchte. Eines Tages hatte Hugh einfach einen Termin mit einem Makler vereinbart. Er sagte, er wolle sich mal Häuser ansehen. Ich dachte noch: Verdammt noch mal, wir kaufen doch kein ganzes Haus! Bis wir es sahen. Von außen wirkte es ganz normal, ein braunes Backsteingebäude an einer Straße mit lauter identischen Backsteingebäuden. Im Innern haben mich gleich die Treppen begeistert. Ich wollte immer ein Haus mit Treppen, die zu verschiedenen Etagen führen. Hinzu kam der Garten hinter dem Haus: klein, vielleicht nur zehn Quadratmeter groß, aber wunderschön und von einer drei Meter hohen Mauer umgeben. Das Esszimmer führt bis in den Garten hinein, unter einem Atrium aus Glas. Hugh war restlos aus dem Häuschen. Es klingt geheuchelt, wenn ich sage, ich habe nur zugestimmt, um ihn glücklich zu machen – aber das war der wahre Grund, das Haus zu kaufen.

Es war ziemlich teuer, so wie die ganze Gegend. In der Nähe gibt es ein Schwimmbad, in das ich oft gehe. Ich beobachte die Bademeister und frage mich: Wo wohnen sie? Teilen sie die Wohnung mit jemandem? Müssen sie eine Stunde mit der U-Bahn fahren? Manchmal überfällt mich die romantische Idee, mich mit einem der Bademeister anzufreunden. Wenn ich für drei Wochen zur Lesereise in die USA müsste, könnte ich sagen: Hey, warum wohnst du nicht so lange bei uns?

Wir haben jemanden, der bei uns wohnt. Mr. T, ein obdachloser Klempner, der seit fünf Jahren in einem Auto lebte – das ich nie gesehen habe. Ein Bekannter hatte ihn für Reparaturen empfohlen. Nebenbei erzählte er, dass Mr. T auf sein Haus aufpasse, wenn er selber am Wochenende aufs Land fahre und Vögel beobachte. Mr. T ist ungefähr 60, er trug einen langen ungepflegten Bart – bis er ihn eines Tages in unserem Badezimmer abrasierte. Er brauchte ein neues Foto für den Führerschein. Wie unser französischer Klempner ist er sehr gründlich. Weiß genau, wo er ein Ersatzstück günstig bekommt: im East End, auf der anderen Seite der Stadt. Wegen der City-Maut nimmt er auf keinen Fall das Auto, sondern den Bus, auch wenn er Stunden unterwegs ist. Er tut das nicht, um mich abzuzocken, er rechnet die Stunden nie ab – er ist einfach ein ehrlicher Handwerker. Er spart Geld, um einmal nach Australien zu fahren, er ist besessen von Salzwasserkrokodilen. Sein größter Traum ist es, sie einmal in der freien Wildbahn zu sehen.

Diesen Sommer baten wir ihn, einen Monat das Haus zu hüten. Als wir zurückkamen, gingen wir hoch zum Schlafzimmer und hörten plötzlich komische Geräusche. Jemand rief: Oh, ah, oh! Das war Mister T, der in unserem Bett lag. Er hatte sich um einen Tag vertan, war nun total aufgeregt. Laufend rief er: Ich geh gleich, ich geh gleich! Wir drängten ihn zu bleiben. Schließlich übernachtete er im Gästezimmer. Das war das erste Mal, dass wir gemeinsam unter einem Dach schliefen. Und ich hoffe auch, das einzige Mal. Mir gefällt die Idee, dass er aufpasst, aber ich muss ihm dabei nicht über die Schulter schauen. Viel schöner finde ich die Vorstellung, irgendwo in New York oder Paris zu sitzen, daran zu denken, wie Mr. T gerade durch unser Haus schleicht, während unsere Nachbarn ihn argwöhnisch beobachten. Dann muss ich schmunzeln.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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