Zeitung Heute : 365 Tage lang Saison

Von wegen Winterschlaf: Die Außentemperatur als Beschäftigungsbarometer hat ausgedient

Regina-C. Henkel

Im Märzen der Bauer / Die Rößlein einspannt / Er setzt seine Felder / Und Wiesen in Stand.“ Das Lied aus den 1880er Jahren kennt auch heute noch (fast) jeder und kann es mitsingen. Mit der modernen Landwirtschaft des Jahres 2004 freilich hat es nichts mehr gemein. Die nämlich ist alles andere als ein Saisongeschäft. „Dass ich im Winter weniger zu tun hätte als im Frühjahr, Sommer oder Herbst“, sagt etwa Wolfgang von Weyhe, Vollerwerbs-Landwirt im niedersächsischen Tülau-Fahrenhorst, „kann ich nicht behaupten.“ Sollte der 57-Jährige von allzu dichtem Schneetreiben an der Arbeit im eigenen Forst gehindert werden, hat er auch jede Menge Arbeit im Büro: Buchhaltung erledigen, EU-Richtlinien oder Fachliteratur über neue Düngemittel und Erntetechnologien studieren, den Jahresplan erstellen.

Die Außentemperatur hat als Beschäftigungsbarometer endgültig ausgedient. Hoch- und Tiefbau, Tourismus und Freizeitgewerbe sind zwar ebenso wie die Landwirtschaft vom Grundsatz her wetterabhängig. Ein Zweiradmechaniker hat im Sommer naturgemäß mehr zu schrauben als im verschneiten Winter. Und kein Imker wird seine Bienen dazu bringen, bei Kältegraden auf Nektarsuche zu gehen (siehe Beiträge unten). Dafür Doch Globalisierung, technischer Fortschritt und Konsumgewohnheiten einer Wohlstandsgesellschaft haben die vier Jahreszeiten in fast allen Branchen in eine 365-Tage-Saison verwandelt. Irgendwo auf dem Globus wird immer gebaut, gepflanzt, geerntet oder hergestellt – und nachgefragt. Sogar wer seine Saisonware bereits – irgendwo auf der Welt – an den Mann gebracht und aktuell nichts zu verkaufen hat, kann sich keine Pause gönnen. Markt- und Wettbewerbsanalyse, Strategieplanung, Instandsetzungsarbeiten und Verhandlungen mit der Bank brauchen ihre Zeit – und bedeuten für andere Berufsgruppen zusätzliche Geschäfte.

Beispiel Weiterbildung: Die heute endende Internationale Grüne Woche ist für Messe-Sprecher Wolfgang Rogall „ein besonders gutes Beispiel“ für das Weiterbildungsengagement der Berufsvertreter aus Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Laut Statistik kommt etwa jeder vierte Besucher zum Gedankenaustausch unter seinesgleichen auf die Messe. Und um sich fachlich fit zu machen. Rogall: „Das funktioniert nur im Januar. Im August hätten die Fachbesucher doch gar keine Zeit.“

Kein Wunder. Nach Rogalls Beobachtung interessieren sich Landwirte in den Messehallen unterm Funkturm vor allem dafür, wie sie ihr Einkommen über die Produktion von Agrarerzeugnissen hinaus sichern können. Etwa als Energiewirt, indem sie den Dung ihrer Tiere nicht mehr entsorgen, sondern kostbares Biogas daraus machen. Das dazu notwendige Know-how vermitteln Berater und Anbieter von Spezialseminaren. Deren Anteil an den Besuchern der Grünen Woche ist in der Messestatistik nicht einzeln erfasst. Aber Fachverlage und Weiterbildungseinrichtungen sind auf der Ausstellerliste reichlich vertreten, ebenso Lobbyistenverbände. Ausgerechnet während der Grünen Woche in den Winterurlaub zu gehen, wäre für die Bildungs- und Beratungsprofis eine schlechte Entscheidung.

Neue Strategien für Einkauf und Verkauf zu entwickeln, die Produktion, die Lagerhaltung und auch den Absatz kontinuierlich zu optimieren, ist alltagliche Herausforderung in allen Berufen. Für Hersteller und Verkäufer von Saisonware aber ganz besonders. Dazu gehörte früher einmal auch italienisches Speiseeis.

Noch vor ein paar Jahren fuhren die „ Gelatieri“ im Winter stets zurück in ihre Heimatdörfer in den Dolomiten, um dort ihre Familien zu sehen und sich auf die Abschlussprüfung zum „geprüften Speiseeishersteller“ vorzubereiten. Diese wird von einer gemischten italienisch-deutschen Komission von Eissachverständigen abgenommen – inzwischen auch in Deutschland. Wer nämlich einen guten Standort für seine Eisdiele ergattert hat und die Räume nicht zu besonders attraktiven Konditionen an einen Billig-Handtaschen-Händler untervermieten kann, verkauft seine Eis-Spezialitäten heute auch im Winter. Der saisonübergreifende Appetit deutscher Naschkatzen macht’s möglich. Durchschnittlich fast acht Liter Speiseeis-Konsum pro Kopf wollen nicht nur mit Großpackungen aus der Produktion von Tiefkühlkostherstellern bedient werden, sondern auch aus ganzjährig geöffneten „original italienischen“ Eisdielen. Zum Beispiel mit „Torroncino“, einem Eis, das der Verband der italienischen Speiseeishersteller gerade zum „Geschmack des Jahres 2004“ erklärt hat – und das es im „Caffè e Gelato“ in den Potsdamer Platz Arkaden bereits seit Jahren gibt. Geschäftsführer Alfio Rorato hat das Rezept aus den Dolomiten mitgebracht. Fünf geprüfte „Gelatieri“ sorgen in Berlins bekanntester Shopping-Mall dafür, dass 45 weitere fest angestellte Mitarbeiter ganzjährig zu tun haben.

Von Jahreszeiten unabhängig arbeiten heuzutage auch Floristen. Die aus aller Welt eingeflogenen und über die holländischen Blumen-Auktionen täglich frisch in jeden noch so kleinen Ort gelieferten Pflanzen sichern hierzulande rund 36 000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Fachleuten im Blumenbinden den Lebensunterhalt. Damit es nicht ausgerechnet zum Valentins- oder Muttertag zu Engpässen kommt, werden diese Termine möglichst berufsschulfrei gehalten. An der Peter-Lenné-Schule in Zehlendorf , an der 300 angehende Floristen ausgebildet werden, klappt diese Kooperation zwischen Arbeitgebern und Berufsschule schon seit Jahren. Alles zum Wohl der Kunden.

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