Zeitung Heute : 50 000 DOLLAR ALS "VORSCHUSS"?

PARIS (sid/dpa/de).Im Zusammenhang mit der Wahl von Joseph Blatter zum neuen Präsidenten des Fußball-Weltverbandes FIFA sind weitere Irritationen aufgetreten.In einem Brief an die nationalen Verbände des Fußball-Weltverbandes FIFA und die einzelnen Konföderationen, der dem Sport-Informotions-Dienst (sid) und dem Magazin "Focus" vorliegt, stellte der Schweizer minderbemittelten Verbänden einen "Vorschuß" von 50 000 Dollar auf ihnen zustehende FIFA-Zahlungen in Aussicht.

Der Brief datiert vom 22.Mai.Damit hat Blatter zu einem Zeitpunkt, zu dem er offiziell keine Funktion bei der FIFA mehr hatte, auf persönlichem Wahlkampfpapier Zusagen im Namen der FIFA gegeben.

Der Brief und vor allem der Zeitpunkt könnten Blatter in erhebliche Schwierigkeiten bringen: Zum einen ruhte laut Mitteilung von FIFA-Präsident Joao Havelange an die FIFA-Exekutivmitglieder die Funktion Blatters als FIFA-Generalsekretär.Außerdem war er ohnehin nicht befugt, Vorabzahlungen in Aussicht zu stellen - dies kann nur das FIFA-Exekutivkomitee.

Und schließlich schrieb Blatter diese "Informationen" auf seinem eigenen Wahlkampfpapier ("JSB for President") - obwohl es sich darin ausschließlich um Belange der FIFA handelte.Am rande bemerkt: Mit-Absender des Schreibens ist Michel Platini, der unter Blatter Technischer Direktor der FIFA werden soll.

Blatter teilte in seinem persönlich signierten Schreiben mit: "Der Anteil des Erlöses aus den Fernseh- und Marketing-Rechten, die die Havelange-Administration bereits jeder nationalen Organisation zugeteilt hat (eine Million Dollar, zahlbar in vier jährlichen Raten von 250 000 Dollar, von denen 50 000 Dollar bereits in diesem Herbst ausgezahlt werden können), ist dafür gedacht, jenen, die unsere Hilfe benötigen, den Aufbau eines permanentes Büros mit unverzichtbarer Ausrüstung ...zu ermöglichen".

Nach der Wahl von Blatter zum FIFA-Präsidenten waren am Dienstag Gerüchte verbreitet worden, nach denen 20 afrikanische Verbände die fragliche 50 000 Dollar bereits vorab erhalten hätten.In seinem Schreiben teilte Blatter mit: "Diese Information ist in erster Linie an jene nationalen Verbände gerichtet, die, wie es unglücklicherweise zu oft der Fall ist, aufgrund des Mangels an Geld und fehlender angemessener technischer Infrastruktur weniger privilegiert sind als andere..."

Der unterlegene Präsidentschaftskandidat Lennart Johansson hatte sich an Spekulationen über angebliche irreguläre Handlungen von Blatter nicht beteiligen wollen, sagte aber, er sei sich einer größeren Stimmenanzahl sicher gewesen: "Aber womöglich ist es noch zu einem Stimmungsumschwung gekommen."

Gestern wies Blatter noch einmal alle Vorwürfe zurück.In einem persönlichen Gespräch hätten er und Johansson "die Situation geklärt".Der UEFA-Präsident habe sich in dieser Unterredung von diesen Vorwürfen distanziert und eine "weiterhin gute Zusammenarbeit" mit dem neuen FIFA-Präsidenten versprochen."Die Angelegenheit hat sich damit erledigt", heißt es in einer gestern veröffentlichten Presseerklärung.

Die FIFA und Blatter machen die Urheber für den entstandenen Schaden verantwortlich", betont der Weltverband.Die Stockholmer Zeitung "Aftonbladet" hatte berichtet, Johansson habe der Zeitung indirekt bestätigt, daß Blatter nach ihm vorliegenden Informationen Briefumschläge mit Beträgen von jeweils 50 000 Dollar an FIFA-Delegierte verteilt haben soll.Nach der Zeitung "International Herald Tribune" hatte der Schweizer dazu erklärt, es habe sich um "früher vereinbarte Zahlungen an nationale Verbände in besonders schwieriger finanzieller Lage" gehandelt.Die Schweizer Nachrichtenagentur Si zitierte Blatter dazu mit den Worten: "Es haben nie Zahlungen stattgefunden." Auch von der Aussage in der "International Herald Tribune" distanzierte sich Blatter.

Die schwedische Fußballgemeinde wittert indes die Chance zur Wiederaufrichtung Johanssons.Der Tenor der führenden Blätter "Dagens Nyheter" und "Svenska Dagbladet" ist eindeutig: "Wir Schweden waren wieder einmal zu naiv.Unser Lennart hat seine Ausgangsposition völlig falsch eingeschätzt, und wir sind ihm gefolgt.".Die skandinavischen Nachbarn, darunter der Präsident des norwegischen Fußballverbandes, Per Omdal, teilen die heilige Empörung der Schweden und fordern die Einrichtung einer Untersuchungskommission.

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