56. Bundespresseball : Rechts oder links rum?

Ursula Gößling hat die wichtigste Aufgabe des Abends: Sie tanzt den Eröffnungswalzer mit Horst Köhler. Ein Gespräch über richtige Schritte und überraschende Wendungen.

Frau Gößling, Sie sind sich bewusst, dass wir uns bei unserem Gespräch über den Tanz mit dem Präsidenten auf heiklen Boden begeben?

Ich bin ganz vorsichtig. Aber meinen Sie das politisch? Oder reden Sie von der Tanzfläche?

Von der Kombination aus beidem. Wenn Sie uns jetzt nämlich jetzt sagen, dass unser Bundespräsident sich auf glattem Parkett nicht angemessen zu bewegen weiß – wer kann ahnen, was das für Missverständnisse mit sich bringen könnte …

Darüber brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen. Dieser Bundespräsident tanzt sehr gut!

Sie können da ja auf einen Erfahrungsschatz bauen. Mit Johannes Rau haben Sie schon den Bundespresseball eröffnet, mit Horst Köhler ist es nun das dritte Mal. Den bekennenden Nichttänzer und Auf-die-Füße-Treter Roman Herzog haben Sie aber nicht mehr erlebt?

Nein, Herrn Herzog musste Tissy Bruns als damalige Vorsitzende der Bundespressekonferenz zu betanzen versuchen.

Ist das schwer, so ein Eröffnungstanz?

Ich tanze gerne. Aber als mein Mann und ich vor dem ersten Auftritt hier beim Presseball sicherheitshalber einen Tanzkurs besucht haben, stellten wir fest, dass wir das gar nicht richtig machten.

Nicht richtig?!

Das war ganz furchtbar! Wir tanzen beide seit Ewigkeiten und fanden uns immer ganz toll. Und plötzlich stellte sich raus, dass wir haufenweise Fehler machten. Wir bewegten den Arm falsch oder legten den Kopf auf die falsche Seite, und überhaupt hielten wir uns insgesamt nicht richtig – wir waren drauf und dran, das Ganze abzusagen.

Aber das wäre ja ganz und gar undenkbar gewesen, ein Bundespresseball ohne Eröffnungstanz! Oder hatten Sie etwa schon ein Ersatzpaar angeheuert?

Nein, so weit ging es dann doch nicht. Wir waren aber doch ziemlich deprimiert. Und dann standen auf dem Musikprogramm obendrein eine ganze Reihe von Tänzen, die wir gar nicht kannten! Wir wollten einfach nur Walzer tanzen, damit die eineinhalb Minuten umgingen.

Aber dann haben Sie sich entschlossen, Ihre gesamte Freizeit bis zum wichtigsten Ball der Republik ausschließlich eisernem Training zu widmen und …

Neinneinnein, keine Heldengeschichten bitte! Als wir uns der Tanzlehrerin offenbarten, hat sie uns beiseite genommen und uns ein Privatissimum gegeben. Sie hat uns wieder aufgebaut.

Wie lange braucht es, um bundespräsidiabel zu tanzen?

Ach, das ging dann letztlich schnell – eineinhalb Stunden, mehr war das nicht. Tanzen können wir ja. Aber es war bis dahin ein bisschen regelwidrig im Sinne des Tanzlehrerverbandes. Und wahrscheinlich ist es trotz der Nachhilfestunden ganz gut, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine tänzerische Fachkritik über uns zu schreiben.

Sie haben schon gesagt, Horst Köhler tanzt sehr gut – heißt das, er kann führen?

Er kann sehr gut führen, ja. Und er ist obendrein ein sehr rücksichtsvoller Partner.

Woran erkennt man das?

Bei unserem ersten Treffen hat er gefragt, ob ich auch linksrum tanzen kann. Als er dann meinen entsetzten Blick sah, hat er gleich gesagt: Dann bleiben wir bei rechts!

Und seither eröffnen Sie beide, politisch gesprochen, jedes Mal den Bundespresseball auf konservativ?

Na, beim letzten Mal haben wir es auch einmal linksrum versucht – und es hat geklappt!

… so dass wir auf dem Parkett die Idealdarstellung der großen Koalition erleben können: Mal rechts herum, mal links herum …

Ja, das wäre für uns durchaus möglich.

Wenn man solch einen prominenten Tanzpartner nach einem Jahr wieder trifft – ist das dann eigentlich wie ein Treffen unter alten Bekannten?

Wir fangen mit der Unterhaltung in diesen eineinhalb Minuten beim Eröffnungstanz immer da an, wo wir das letzte Mal aufgehört haben – wie es den Kinder geht, wie viele Enkel wir inzwischen haben und wie viele neue …

Politik ist als Thema auf dem Parkett tabu?

Jedenfalls während des Tanzens. Später am Tisch kommen natürlich auch politische Themen zur Sprache. Zumal im Verlauf von mehreren Stunden ja auch immer wieder andere Gäste vorbeikommen.

Ich weiß, Sie sind politisch interessiert, aber wird das nicht rasch ein bisschen viel Ernst für einen Ball-Abend?

Oh nein, es ist im Gegenteil sehr interessant. Zumal Herr Köhler ein sehr rücksichtsvoller und aufmerksamer Tischpartner ist. Natürlich rücke ich auch mal beiseite, wenn wichtige Gäste mit dem Bundespräsidenten ein paar Worte wechseln wollen.

Steht Ihnen eigentlich beim Eröffnungswalzer vor Augen, dass die ganze Republik Ihnen dabei im Fernsehen ins Gesicht und auf die Füße schaut?

Ja, dessen ist man sich natürlich bewusst. Aber nicht lange. Das geht ganz schnell vorbei, weil ich mich darauf konzentriere, dass die Tanzschritte richtig sitzen. Das ist ja beim Eröffnungstanz entschieden das Wichtigste. Und was noch an Lampenfieber und Anspannung bleibt, das nimmt Herr Köhler weg. Wir reden miteinander, und dann sind die eineinhalb Minuten rasch überstanden.

Das Gespräch führte Robert Birnbaum.

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