60. Internationale Filmfestspiele Berlin : Augenblicke für die Ewigkeit: Das Jubel-Jubiläum

Die Berlinale wird sechzig und da wird gebührend gefeiert. Hardcore-Cineasten können sich beweisen, zum Beispiel beim Public Freezing oder bei acht Stunden Mafiafilm am Stück.

Hand aufs Herz: Weiß noch jemand, wie rauschend die Berlinale vor zehn Jahren ihren Fünfzigsten gefeiert hat? Erinnert sich noch irgendwer an den stundenlangen Autokorso der Allstars und Altstars auf der Potsdamer Straße, an den tagelangen Konfettiregen aus Papierschnipselkanonen, abgeschossen aus den Fenstern der umstehenden, frisch errichteten Prachtgebäude, an das fünfstündige Abschlussfeuerwerk überm Berlinale-Palast – und erst recht an die famose Retro mit 50, ach was, 500 Filmen?

Natürlich nicht. Nicht nur, weil die genannten Groß-Events gar nicht stattgefunden haben – im Jahr 2000 war die Berlinale ohnehin kaum mit ihrer Historie, sondern sehr mit dem Umzug an den Potsdamer Platz beschäftigt. Und mit der Zukunft überhaupt. Dafür wird nun der Sechzigste auf das Reichlichste gefeiert, von der Berlinale selbst, den sie begleitenden Medien und der ganzen Stadt. Höchste Zeit, auch als schlichter Filmfan dem Jubiläum ganz persönlich Reverenz zu erweisen.

Wie wäre es zum Beispiel mit 60 Filmen in den tollen zehn Tagen? Ja, das hätte man sich mal vor zehn Jahren vornehmen sollen, echte Festivalfreaks schaffen allenfalls fünf Filme pro Tag. Der Steigerung auf sechs mögen zwar keine physischen Grenzen gesetzt sein – schlafen können wir noch, wenn wir frühjahrsmüde sind –, wohl aber arithmetische: Nur mit äußerster Mühe ließe sich ein solches Pensum im Tageskalender unterbringen. Es sei denn, man schummelt und zählt die nur viertelstundenweise angebissenen Filme mit. Aber wer schummelt denn da?

Andererseits: Rekordejagden passen eher zu den fast zeitgleich startenden Olympischen Winterspielen. Besser, man folgt der eigenen Spürnase – und tut dies möglichst slow, um eine Lieblingsvokabel des Berlinale-Chefs Dieter Kosslick zu benutzen. Gebucht sein sollte etwa – neben den Wettbewerbsfilmen von Michael Winterbottom, Martin Scorsese, Roman Polanski und Oskar Roehler – der Eröffnungsfilm von Wang Quan’an, der mit „Tuyas Hochzeit“ 2007 den Goldenen Bären gewann. Dass dessen bezaubernde Hauptdarstellerin Yu Nan in der Jury sitzt: umso schöner.

Übrigens, Das Sich-in-Stars-Vergucken dürfte diesmal zu den schwierigeren Disziplinen gehören, zumindest im Wettbewerb. Das Gute daran: Stars, die man mit ihren Filmen gar nicht erst eingeladen hat, können auch nicht absagen – und so bleibt die Konzentration auf neue cineastische Entdeckungen weitgehend ungestört. Wer sich im Wettbewerb etwa die grüblerischen Skandinavier oder auch die zu alter Bilder- und Geschichtenwucht wiedererwachten Osteuropäer vormerkt, weist sich schon mal als wahrer Liebhaber der Filmkunst aus.

Weihestunden für Hardcore-Cineasten bietet die 60. Berlinale ohnehin genug. Wie wäre es mit Public Freezing am Brandenburger Tor, wenn die „Metropolis“-Langversion live aus dem Friedrichstadtpalast übertragen wird? Oder mit Dominik Grafs TV-Serie über die Mafia von Charlottengrad: acht Stunden am Stück im Forum? Aufregenden Film- und Gesprächsstoff verspricht auch „Die Fremde“ mit Sibel Kekilli im Panorama – wie es scheint, der radikale Gegenentwurf zu „Gegen die Wand“, womit sie 2004 im Wettbewerb triumphierte.

Festivals sind Augenblicksräusche für die Ewigkeit. Aus der 50. Berlinale schrieben sich zwei Wettbewerbstitel besonders ins kollektive Filmgedächtnis: Paul Thomas Andersons „Magnolia“ und Milos Formans „Man on the Moon“. Vorhang auf zur 60. Berlinale: Mal sehen, was bleibt.

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