60 Jahre Marshallplan : Folgt dem guten Beispiel Von Christoph von Marschall

Es war einmal: die USA als leuchtendes Vorbild, als unbestrittene Führungsmacht der freien Welt, nicht nur politisch und militärisch, auch moralisch und kulturell. Ein Land, dessen Führung man vertraut und der man sich anvertraut. Die Basis dafür legte der Sieg über Nazideutschland. Der heraufziehende Kalte Krieg ließ Westeuropa zudem keine andere Wahl, als instinktiv Schutz bei der neuen Weltmacht zu suchen. Aber da war mehr als nur der Zwang der Lage. Die USA gewannen eine außerordentliche Autorität und Attraktivität, die für Jahrzehnte das Bewusstsein vieler Europäer bestimmen sollten. Das bewirkte, erstens, eine großherzige, weitsichtige Aufbauhilfe, im scharfen Kontrast zu den europäischen Erfahrungen von Rachebedürfnis und Reparationen. Und, zweitens, ein neues Lebensgefühl, eine so nicht gekannte Freiheit, die mit den Amerikanern nach Europa kamen: Jazz, Rock, ungezwungener Umgang.

Heute können Historiker und Ökonomen belegen: Selbstlos war der Marshallplan nicht, im Ergebnis nützte er den USA ebenso wie Europa. Dennoch war er revolutionär. 1945/46 kursierten ganz andere Pläne: Deutschland aufteilen, als reines Agrarland am Boden halten, damit nie wieder Gefahr von ihm ausgeht. Die USA hätten auch dies denken können: Wozu mit unseren Steuergeldern europäische Konkurrenz auf dem Weltmarkt päppeln? „America first“ nach all den Kriegsopfern! Marshall aber wollte starke Partner, nicht schwache. Er fragte nicht, wer zuvor die Guten, wer die Bösen waren. Sein Amerika vertraute darauf, dass die Deutschen die zweite Chance zur Demokratie nutzen, obwohl sie sich nicht selbst von Diktatur und Rassenmord befreit hatten.

Für die jungen Deutschen heute, zwei Generationen später, wirkt das wie ein Märchen. Der Marshallplan ist ein Vorbild geblieben, für Afrika, den Balkan, Afghanistan. Vorbild USA dagegen klingt wie ein schlechter Witz. Moralische Führung aus dem Weißen Haus? Es ist doch eher umgekehrt. Beim G-8-Gipfel sollte sich Bush mal ein Beispiel an Deutschland nehmen. Nicht nur bei Klima und Energie, auch im Kampf gegen Terror, im Nahen Osten und selbst bei der angeblich uramerikanischen Tugend, der Freiheit der Bürger. Manche sagen: besser ein Gipfeleklat als faule Kompromisse.

Die Amerikabewunderung ist verschwunden, an ihrer Stelle ist ein Überlegenheitsgefühl gewachsen. Es ist die Kehrseite des Erfolgs von Marshall. Die Europäer, die Deutschen, sehen sich heute selbst als starke Gesellschaften. Sie haben keine fundamentalen Wohlstands-, Demokratie- oder Freiheitsdefizite gegenüber Amerika. Nicht, weil die USA heute weniger frei wären als 1945, sondern weil Europa gleichgezogen hat. Die Supermacht bleibt technisch in manchem voraus, auch militärisch und nach der Wirtschaftskraft. Als moralisches Vorbild wird sie nicht mehr akzeptiert.

Der Rollenwechsel macht beiden Seiten zu schaffen. Amerika mag nicht von seinem „Exzeptionalismus“, seiner Einzigartigkeit, seinem Führungsanspruch lassen. Die Deutschen wollen ihn nicht mehr hinnehmen. Ihr Selbstbewusstsein ist berechtigt, mischt sich aber zunehmend mit der Neigung, nun umgekehrt den Lehrmeister zu spielen. Das verzerrt den Blick. Das Trennende wird übergroß wahrgenommen, das Gemeinsame gering geschätzt. Jeder Interessierte weiß zum Beispiel, dass die USA die meiste Energie verbrauchen und die höchsten Emissionswerte haben. Dass Amerika die schärfsten Autoabgaswerte hat, bei erneuerbaren Energien gleichauf liegt und in der Entwicklung sauberer Kohlekraftwerke sogar vorn, zählt nicht. Man empört sich, dass Bush Kyoto ablehnt, doch mit seiner teils berechtigten Kritik – die meisten Unterzeichner werden den Vertrag nicht einhalten, China und Indien produzieren den größten Zuwachs an Verschmutzung, sind aber ausgenommen – will man sich nicht befassen.

Marshall war ein Pragmatiker. Für ihn wäre es keine Option gewesen, einen Gipfel scheitern zu lassen, um den Partner vorzuführen und sich moralisch überlegen zu fühlen. Er hätte geraten, das Machbare anzupacken – im Vertrauen darauf, dass gutes Beispiel Schule macht.

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