Zeitung Heute : 68er-Debatte: Streit der Häuptlinge

Reimar Paul

Am Sonntag hat Petra Diederichs* Radio gehört. Natürlich ist sie hochgeschreckt, als der Nachrichtensprecher die Meldung verlas, dass sich ein gewisser Klaus Hülbrock als Autor des Buback-Nachrufs ("klammheimliche Freude") zu erkennen gegeben habe. Petra Diederichs griff zum Hörer und telefonierte mit einigen der alten Genossinnen und Genossen, die wie Hülbrock in den Jahren 1976 und 1977 in der Sponti-Gruppe "Bewegung Undogmatischer Frühling" (BUF) an der Göttinger Universität Politik gemacht hatten.

Die ehemaligen BUF-MItglieder, mit denen Petra Diederich am Wochenende gesprochen hat, waren über die Selbstbezichtigung des Mescalero-Autors enttäuscht. Einige waren sogar sauer. Zwar hatte Klaus Hülbrock damals den Text alleine verfasst, aber irgendwie, sagt Diederichs, "war das auch eine Sache von uns allen". Die BUF habe seinerzeit beschlossen, dass sich Hülbrock in der "aufgeheizten Atmosphäre der damaligen Zeit" nicht als Verfasser des Nachrufs zu erkennen geben solle.

Das war keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der alle an der Universität von Solidarität redeten. Immerhin wurden Mitstreiter zu Geldstrafen verurteilt, weil sie für die Asta-Publikation presserechtlich verantwortlich waren. Zahlreiche Professoren, die den Buback-Nachruf mit eigenem Kommentar versehen nachdrucken ließen, mussten sich vor Gericht verantworten. Zu den Anwälten, die von den Hochschullehrern zur Verteidigung aufgeboten wurden, gehörte auch ein gewisser Gerhard Schröder.

Trotz allem, sagt Diederich, hätten sich alle Mitwisser an die Absprache gehalten, den Autor des Nachrufs nicht zu nennen - mehr als 20 Jahre lang. Bis sich Hülbrock im Mai 1999 in einem Brief an Michael Buback, den Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts, als "Göttinger Mescalero" zu erkennen gab. Hülbrock hatte geschrieben, dass ihm "die damals persönlich auf Ihren Vater gemünzten Worte heute weh tun". Der "Stern" berichtete seinerzeit auch über die Selbstbezichtigung, löste damit jedoch kaum Echo aus.

Suche in alten Fotoalben

Die Sache kam erst vor einer guten Woche wieder ins Rollen, als Michael Buback, der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, im Fernsehen auftrat. Der in Göttingen lehrende Chemie-Professor berichtete Sabine Christiansen und einem Millionen-Publikum von seiner Begegnung mit Jürgen Trittin und einem kurzen Gespräch, in dem es um den Nachruf ging. Prompt wurde der Umweltminister von der Opposition und von Teilen der Presse heftig attackiert. Seit Tagen wühlen sich Journalisten auf der Suche nach brisanten Fotos und Texten in Göttingen durch alte Flugblatt-Stapel oder verstaubte Fotoalben.

Dass mit Trittin ein Falscher in Verdacht geraten war, ließ Hülbrock offensichtlich keine Ruhe. "Alle diese alten Burschenschaftler und RCDSler, die heute Staatsverdruss erzeugen, sie zielen mit Trittin ja auf den Falschen", erklärt er jetzt. Auch die Interpretation über den Lauf der Zeitgeschichte mag Hülbrock nicht den anderen alleine überlassen, und den Unberufenen schon gar nicht. Wenn sich die politischen Freunde und Gegner von damals "an dem Nachruf nochmal aufhängen wollen, na: da möchte ich doch gerne dabei sein", mailte Hülbrock jetzt der "taz". Schließlich sei die Erzeugung von Staatsverdruss "immer bewegend". Noch einmal hebt er hervor, der Buback-Nachruf sei nicht kollektiv erarbeitet worden, den habe er "janz alleene hinjesudelt". In einem weiteren Brief an Michael Buback mit Datum von 24. Januar hat Hülbrock, der Sprachartist, ebenfalls bekannt: "Ich bin das scharfe Schwarz".

Viele von denen, die in den siebziger Jahren in Göttingen lebten und an der Hochschule waren, erinnern sich noch an Klaus Hülbrock. "Tiger", wie er in der Szene genannt wurde, studierte damals Germanistik und Volkskunde. Doch was heißt studierte - Zeitzeugen sehen den blonden, bärtigen, bebrillten Hülbrock vor allem am BUF-Büchertisch in der Mensa vor sich - stehend, agitierend, sich Wortgefechte mit den politischen Gegnern liefernd. "Er hatte fast immer ein hellblaues T-Shirt und verwaschene Jeans an", sagt ein Ex-Kommilitone. Hülbrock sei "ständig in Bewegung" gewesen, habe gleichzeitig diskutiert, sich Notizen gemacht, den Studenten Flugblätter in die Hand gedrückt und lauthals über den Stalinismus der K-Gruppen oder den Revisionismus des Marxistischen Studentenbundes (MSB Spartakus) geschimpft, die ihre Stände gegenüber aufgebaut hatten.

Interviews werden abgeblockt

Das hinderte Klaus Hülbrock, den Petra Diederichs als "einen unserer Ober-Cracks" beschreibt, nicht daran, für die Göttinger Studentenparlamentswahlen im Winter 1977 eine Koalition mit der Sozialistischen Bündnisliste zu befürworten, die ihrerseits vom Kommunistischen Bund und der trotzkistischen Gruppe Internationaler Marxisten ins Leben gerufen worden und dominiert waren. In dem politisch turbulenten Jahr 1977, das neben RAF-Terror und Buback-Nachruf auch durch Massenproteste an den Hochschulen und die großen, teilweise militanten Anti-Atom-Demonstrationen von Brokdorf, Grohnde und Kalkar geprägt wurde, rieb sich die BUF weitgehend auf.

Die Nachfolgerliste WUF - "Werdet unsere Freunde" - schaffte im darauffolgenden Jahr nur noch knapp den Einzug ins Studierendenparlament. Die Sponti-Bewegung, die mit dem Anspruch auf absolute Herrschaftsfreiheit auch in den persönlichen Beziehungen angetreten war, verkam zu einem Häuflein skurril agierender Aktivisten, die keine relevanten politischen Inhalte mehr verfolgten. Von den ehemaligen Göttinger Sponti-Chefs brachte es zwar niemand zum Außenminister, doch nicht wenige der alten BUF-Leute haben mit dem Staat längst ihren Frieden geschlossen und auch Karriere gemacht.

"Unser Kontakt zu Hülbrock brach damals ziemlich schnell ab", sagt Petra Diederichs. "Keiner aus der alten BUF" habe in den letzten Jahren mit ihm persönlich gesprochen oder schriftlich kommuniziert. Diederichs weiß aber noch, dass ihr Ex-Genosse längere Zeit in China gelebt und dort als Philologe gearbeitet hat. Vor einigen Jahren sei er zu seiner Mutter ins nordrhein-westfälische Lüdenscheid zurückgekehrt. Die "taz" will zudem wissen, dass Klaus Hülbrock heute "irgendwo in Ostdeutschland" als Literaturwissenschaftler tätig ist.

Mehr gibt der alternde Mescalero - Hülbrock ist heute 53 - nicht von sich preis. Interviewwünsche werden von seinen Angehörigen abgeblockt, Anrufe nicht beantwortet. Ob Hülbrock damit den längst verblichenen Ruf als letzter einsam kämpfender Indianerhäuptling aufpolieren will, ob er Angst vor Strafverfolgung oder nur keine Lust auf Journalistenfragen hat, muss offen bleiben.

Professor Michael Buback jedenfalls hat an einer juristischen Abrechnung mit Hülbrock kein Interesse. Die Familie habe in den vergangenen eineinhalb Jahren "keinerlei Aktivität gegen Herrn Hülbrock unternommen und seinen Namen keinem Menschen mitgeteilt. Wir möchten dringlich darum bitten, dass Herr Hülbrock jetzt nicht unter Druck gesetzt wird."

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