Zeitung Heute : 75 Stunden

Die Chrobogs sind frei – und haben selbst eine Menge dazu beigetragen. Ein Rückblick auf ihre Tage im Lager der Entführer

Klaus Heymach,Susanne Sporrer[Sanaa]

Das Gefängnis der Chrobogs ist ein abgelegenes Bergdorf, und es ist wunderschön. Der Blick reicht weit über die Gipfel, die festungsartigen Häuser sind aus großen Steinquadern errichtet, es gibt keinen Strom, und das Wasser tragen die verschleierten Frauen auf Eselspfaden heran. In den Gassen spielen Kinder. Aber jedes trägt eine Waffe, wie die Entführer, die ihre Kalaschnikows auch mal im Zimmer der Geiseln lagern. Bis Magda Chrobog auf Arabisch protestiert.

Als Jürgen Chrobog den Ort seiner Gefangenschaft beschreibt, sind er, seine Frau und die Söhne Felix, Fabian und Karim seit gut 20 Stunden wieder in Freiheit. Sie sind in Sicherheit in der Hafenstadt Aden, schon auf dem Sprung zum Flughafen, wo ein Challenger-Jet der Bundeswehr wartet. In Berlin ist zu dieser Zeit der Fall Chrobog bereits fast wieder abgeschlossen, es ist schon die Zeit der politischen Floskeln gekommen. Außenminister Steinmeier dankt dem jemenitischen Präsidenten Saleh, der durch sein „engagiertes und umsichtiges“ Verhalten zur glücklichen Befreiung beigetragen habe, und Politiker aller Parteien loben den deutschen Krisenstab. Es ist das Ende eines Abenteuers, das am Heiligen Abend als Familienurlaub in Sanaa begonnen hatte. Vier Tage dauerte die Ferienreise, bis sie am Mittwochmittag endete. Dann wurde aus der Ferienreise ein Geiseldrama.

„Die haben wild um sich geschossen, und wir waren mitten im Kugelhagel“, sagt Chrobog am Telefon. Er steht in diesem Augenblick irgendwo in Aden neben dem deutschen Botschafter im Jemen, Frank Mann. Die Telefonleitung ist nicht ganz stabil, sie knistert, und man hört, dass um Chrobog herum eine Menge los ist. Der Botschafter hat den Hörer einfach weitergereicht an seinen Gast, der gerade einen Empfang im Winterpalast des Staatspräsidenten hinter sich hat, und es ist wohl der Profi in Ex-Staatssekretär Chrobog, der sich eine halbe Stunde Zeit nehmen kann zum Erzählen, noch bevor sich der Schreck über die vergangenen 75 Stunden richtig gelegt hat.

Seine Erzählung kann die Lücken füllen, die über vier Tage lang geblieben waren, während die Meldungen von der Entführung der Familie über die Feiertage überall Schlagzeilen machten. Der Krisenstab in Berlin hatte dichtgehalten wie immer, die Behörden in Sanaa ebenfalls, und das, was an die Öffentlichkeit drang, führte oft in die Irre. Lange war nicht einmal klar, wo genau in der Provinz Schabwa die Familie abhanden gekommen war. Beim Mittagsstopp?

Chrobog erzählt das so. Es geschah hinter einem kleinen unansehnlichen Straßendorf, Al-Aram, zwischen Bergen und Wüste, während der Fahrt. Bewaffnete Männer sprangen von einem Pickup und zwangen die zwei Geländewagen der jemenitischen Reiseagentur ATG zum Anhalten. Militärischer Begleitschutz ist für diesen Teil der Strecke nicht vorgeschrieben. An diesem Tag hatten die Chrobogs keinen Soldaten im Auto sitzen oder gar einen Militärjeep mit aufmontierter Maschinenpistole als Eskorte. Schüsse knallten. Die meisten wurden in den Himmel abgefeuert, aber der jemenitische Fahrer kam gerade noch mit „zwei Löchern im Ärmel“ davon, erzählt Chrobog. Er spricht schnell, aber es wirkt nicht aufgeregt, geschweige denn traumatisiert. Man hört ihm den Diplomaten an. Vielleicht auch die Befriedigung, vieles selbst getan zu haben zu seiner Befreiung.

Von nun an bestimmten die Fremden die Reiseroute, einen knappen Kilometer hinter dem Dorf ging es steil in die Berge. „Wir sind keine Terroristen, wir sind eure Gastgeber“, das sagten die Entführer den Chrobogs immer wieder. Angst hatten wir trotzdem, sagt Jürgen Chrobog. Die Pisten im jemenitischen Gebirge sind abenteuerlich, wenn Motor oder Bremse versagen, kann die Fahrt schnell mit dem Tod enden. Die erste Nacht verbrachten die Chrobogs in einem Zeltlager; es wurde Vieh geschlachtet, um die Gäste zu bewirten, am nächsten Tag erreichte der Konvoi das Bergdorf im Wadi Jischbum.

An diesem Donnerstag erfährt die Welt dann vom Klan der Abdallah. Mehrere tausend Stammesleute sind es, die die abgelegene Region Habban bevölkern, wo die Berge tausend Meter hoch sind und die Wüste weit reicht, bis nach Saudi-Arabien und Oman. Hier kann das Leben zum Kampf werden – und in so einen Kampf waren die Chrobogs hineingeraten.

Seit 1993 schwelte er schon, zwischen den Abdallah und ihren Nachbarn, den Al-Riad. Sie überfielen und töteten einander. Schließlich griff die Regierung ein. Jeder der beiden Stämme sollte fünf Mitglieder den Behörden übergeben, um den Konflikt zu beenden. Die Abdallah hielten sich daran, die Al-Riad jedoch nicht. Es musste ein Faustpfand her, beschlossen die Abdallah. Entweder ihre fünf Stammesmitglieder würden freigelassen oder der Feind überstellte seine fünf ebenfalls. Dann kamen die Touristenjeeps. Und es waren die Chrobogs, die zum Faustpfand wurden.

Ein wertvolleres Pfand hätte den Kidnappern gar nicht in die Hände fallen können. Übers Fernsehen erfuhren sie von ihrem Glück. Der Satellitensender Al Dschasira zitierte das deutsche Fernsehen, und in das stromlose Dorf gelangte die frohe Botschaft dann übers Handy. „Da wurde ich denen immer wichtiger“, erzählt Chrobog.

„Du kannst das doch, Gefangene freibekommen“, sagen die Geiselnehmer, als sie von den früheren Verhandlungserfolgen des Diplomaten erfahren. Und so wird aus der Geisel ein Verhandlungspartner. Jürgen Chrobog sitzt mit im so genannten Diwan, in einem Wohnzimmer, das mit Sitzmatratzen ausgelegt ist. Dort wird verhandelt. Es wird diskutiert und gestritten, oft ist auch Chrobogs Frau dabei, hunderte Verhandler kommen und gehen, Parlamentarier, Stammesangehörige, zum Schluss auch ein jemenitischer Minister. Chrobog telefoniert mit dem Innenminister und dem deutschen Botschafter. Als Militärhubschrauber aufkreuzen und Soldaten das Tal abriegeln, schickt er sie mit Übersetzungshilfe seiner Frau wieder weg. Bloß keine Eskalation. Hauptverhandlungszeit ist der Vormittag, ab nachmittags um zwei stopfen sich die Stammesleute die Backen mit berauschenden Qat-Blättern voll.

„Seit wir erfahren haben, dass wir es mit einem früheren Diplomaten zu tun haben und dass seine Frau eine ägyptische Schwester ist, sind wir noch gastfreundlicher zu ihnen“, verbreitet einer der Geiselnehmer, der sich Abu al Chair nennt, Vater des Guten. Und die Kidnapper sind wirklich freundlich mit ihren Opfern. Chrobog spricht von „großer Würde und Gastfreundschaft“. „Sie haben unsere Koffer nicht angerührt, sie haben nie Forderungen an Deutschland gestellt, es war ganz schnell klar, dass es nicht um uns ging.“ Abends werden den deutschen Gästen in ihrem Diwan Bettenlager ausgerollt, es gibt gemeinsame Mahlzeiten. Im Dorf können sich Eltern und Söhne meist frei bewegen; das Haus teilen sie sich mit 20 weiteren Bewohnern. Sie dürfen Verwandte anrufen. „Einmal wollten uns die Entführer das Handy wegnehmen“, erzählt Chrobog. „Da habe ich ihnen gedroht, mich aus den Verhandlungen zurückzuziehen.“ Das hat gewirkt.

Am Freitagabend kommt endlich Bewegung in die Sache, die Nachrichtenagentur Saba berichtet: „Eine Einigung ist erzielt, die Freilassung der Geiseln steht kurz bevor.“ Eine Sache von Minuten sei es. Die fünf Deutschen sollen im Austausch mit fünf Vermittlern freikommen. Aber ein paar junge Leute protestieren. Sie brüllen einander an, die Nerven liegen blank. Niemand will sein Gesicht verlieren – der Nachbarklan könnte sie ja vielleicht noch einmal verraten. Die Geiselnehmer machen einen Rückzieher. Die Chrobogs müssen noch eine Nacht bleiben.

Am Silvestertag setzen sich dann die Stammesälteren durch. Mehr ist jetzt nicht rauszuholen, das wissen sie, und das Militär wird sich vielleicht nicht länger zurückhalten. Die Regierung hat den Abdallah einen fairen Prozess für die fünf Inhaftierten des Stammes garantiert, die Schuldigen des Nachbarklans sollen auch vor Gericht kommen; einflussreiche Scheichs haben ihr Wort gegeben. Kurz nach 15 Uhr wieder eine Nachricht: „Geiseln freigelassen.“ Diesmal stimmt es, ein Militärhubschrauber fliegt die Chrobogs nach Aden. Kaum sind die Deutschen in Sicherheit, stürmt das Militär das Dorf.

Die Chrobogs sind froh, wieder nach Hause zu kommen, „ein Urlaub war das nicht, nein“. Trotzdem. Jürgen Chrobog ist nicht wütend. Im Gegenteil, er macht sogar noch Werbung: „Der Jemen ist eines der faszinierendsten Länder der Welt.“ Dann legt er auf. Die Rückreise beginnt. Die Diplomatenfamilie macht sich bereit. Jürgen Chrobog trägt einen dunklen Anzug, seine Frau elegantes Rot. Sohn Fabian hat nüchtern schon von einer „interessanten Erfahrung“ gesprochen.

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