775 Jahre Berlin : Ein Mythos braucht keinen Pomp

Zum dritten Mal feiert Berlin seine Gründung. Ein Rückblick auf die Feste der Vergangenheit mit dem Blick auf heute.

Krijn Thijs
Drei Feiern, drei Stile. Ost-Berlin feierte seinen Geburtstag am 4. Juli 1987 mit einem Festumzug.
Drei Feiern, drei Stile. Ost-Berlin feierte seinen Geburtstag am 4. Juli 1987 mit einem Festumzug.Foto: Günter Schneider

Berlin feiert Geburtstag – auf die Neuauflage des Jubiläums darf man gespannt sein. Der große Feierwettbewerb von 1987 liegt noch frisch in der Erinnerung. Damals begingen Ost- und West-Berlin getrennt die 750-Jahr-Feier, die ihrerseits eine Reprise des nationalsozialistischen 700. Geburtstags von 1937 war. Dreimal gab es bisher Berlin-Jubiläen und dreimal organisierte eine andere politische Ordnung die Feierlichkeiten. So lädt der Geburtstag zu einem Rückblick nicht nur auf die Entstehung Berlins ein, sondern auch auf seine Zeitgeschichte.

Berlin setzt seine Jubiläumstradition fort, indem es erneut die Urkunde aus dem Jahr 1237 zur Grundlage seines Geburtstagsfestes macht. Die ersten Diskussionen darüber sind aus den zwanziger Jahren überliefert. Damals richteten viele deutsche Städte Ortsjubiläen aus, darunter 1929 Brandenburg mit seiner 1000-Jahr-Feier. 1928 wurde bei der Berliner Stadtverwaltung danach gefragt: Könne nicht auch Berlin eine Geburtstagsfeier organisieren? Der Archivar bestätigte „1230 oder 1231“ als Gründungsjahr von Berlin – „höchstwahrscheinlich“, wie er schrieb, und irrtümlich, wie man heute weiß, denn die Stadt ist älter. Damals aber lehnte Oberbürgermeister Gustav Böß die Idee einer 700-Jahr-Feier ab. Ein festes Gründungsdatum sei nicht überliefert und darüber hinaus meinte Böß, dass „die gegenwärtigen Zeitverhältnisse für die Abhaltung prunkvoller Feste doch wohl nicht geeignet“ waren. „Politische Gründe kämen für eine derartige Feier ebenfalls nicht in Frage.“

Das sah acht Jahre später ganz anders aus. Der nationalsozialistische Staatskommissar und alter Parteigenosse Julius Lippert festigte Ende 1936 endlich seine lang ersehnte Herrschaft über die Stadtverwaltung. Damit hatte der neue „Stadtpräsident und Oberbürgermeister“ viele Gründe für ein prunkvolles Fest, mit dem er sich und sein Amt inszenieren konnte. So reaktivierte Lippert die alte Idee einer 700-Jahr-Feier und legte sie für den Sommer 1937 fest. Damit begründeten die Berliner Nazis eine bis heute währende Tradition.

Die 700-Jahr-Feier war eine kommunale Veranstaltung für die örtliche Bevölkerung. Die sogenannten Reichsgroßen interessierten sich nicht dafür, und Joseph Goebbels, Gauleiter der Berliner NSDAP, nahm nur einen Tag am Jubiläum Teil. In seinem Tagebuch lästerte er darüber. Lippert habe „gar kein Format für Berlin. Seine 700 Jahrfeier ist ein wahrer Witz.“ Und: „Berlin hat sich zum 700 Jahrfest geschmückt. Sehr pompös, aber wenig geschmackvoll. Typisch Lippert“.

Der Geburtstag war ein lokales Fest. Er sollte die Gemeinschaft und Heimatliebe der Berliner festigen und die Stadt historisch in das Dritte Reich einordnen. Das Programm erstreckte sich über eine Augustwoche und bot neben dem Festzug auch ein Festspiel im Olympiastadion, eine Freiluftausstellung und einen Blumenkorso. Das alles wurde zwar mit viel nationalsozialistischem Pathos aufgeladen, bewegte sich zugleich aber innerhalb des Rahmens, der damals für Stadtfeste üblich war.

Ein halbes Jahrhundert später war Berlin eine geteilte Stadt. Im Legitimationskampf konnte keine der beiden Stadthälften das Fest dem anderen überlassen. So feierte Berlin doppelt, unter gegensätzlichen ideologischen Vorzeichen.

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