9/11 : Ein Sonderfall

In Guantanamo Bay beginnt heute der Prozess gegen Hintermänner der Anschläge vom 11. September 2001. Unklar bleibt, welches Gewicht in dem Prozess frühere Aussagen der Angeklagten haben. Denn sie wurden möglicherweise unter Folter getätigt.

Frank Jansen
WTC
Bei dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 starben 3000 Menschen. -Foto: dpa

Sie werden in einem schussfesten Glaskasten sitzen. In einem Gebäudekomplex, den schwer bewaffnete Soldaten bis zum letzten Millimeter überwachen. Auf dem Areal einer Hightech- Festung, die weltweit als Synonym für die Härte des amerikanischen Feldzugs gegen den islamistischen Terror gilt: Guantanamo. Das Sondertribunal auf der US-Militärbasis in Kuba kündet vom Bedürfnis, die monströsen Anschläge vom 11. September 2001 mit angemessener Symbolik zu beantworten. Am heutigen Donnerstag beginnt in Guantanamo Bay der Prozess gegen den „Mastermind“ des Terrorangriffs, den Pakistaner Khaled Scheich Mohammed, und vier Mitangeklagte, die Jemeniten Ramsi Binalshibh und Walid bin Attasch, den Pakistaner Ali Abdel Asis Ali und den Saudi Mustafa Ahmed al Hausawi. Die Anklage gegen einen sechsten Häftling wurde im Mai überraschend fallen gelassen.

Über die „Guantanamo-Five“ wird ein zwölköpfiges Sondergericht der US-Armee richten. Vorsitzender Richter ist Ralph Kohlmann, ein Oberst der Marines. Die Anklage gegen die Guantanamo-Five umfasst 169 Punkte. Im Vordergrund stehen Mord und Flugzeugentführung, heute sollen die Vorwürfe verlesen werden. Der Prozess ist der spektakuläre Höhepunkt der Aufarbeitung des schlimmsten Verbrechens, das Al Qaida begangen hat.

Mehr als 3000 Menschen starben, Unzählige wurden verletzt, als am 11. September 2001 die von Selbstmordattentätern entführten und gesteuerten Passagiermaschinen in die Türme des New Yorker World Trade Centers rasten und sie zum Einsturz brachten. Ein weiteres Flugzeug stürzte in Arlington (Virginia) in den riesigen, fünfeckigen Gebäudekomplex des Pentagon, des US-Verteidgungsministeriums. In einer vierten Maschine kämpften verzweifelte Passagiere mit Terroristen – durch einen vorzeitigen Aufprall bei Shanksville in Pennsylvania wurde verhindert, dass in Washington das Kapitol getroffen wurde. Die Attentäter und ihre Hintermänner sind indirekt auch mitverantwortlich für Tausende weitere Tote, die seit dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan im Oktober 2001 zu beklagen sind. Die US-Truppen drangen ein, um das Regime der Taliban zu beseitigen, das Al Qaida beherbergt und damit die Planung der Anschläge von „Nine-Eleven“ gefördert hatte. So viel zur Dimension der Schuld, die zumindest Khaled Scheich Mohammed und Ramsi Binalshibh, einer der führenden Köpfe der Hamburger Terrorzelle um den Selbstmordpiloten Mohammed Atta, auf sich geladen haben.

Dass die beiden schuldig sind, haben sie selbst und ohne jede Reue zugegeben – als sie sich noch in Freiheit befanden. Im April 2002 konnte Yosri Fouda, der in London stationierte Korrespondent des TV-Senders Al Dschasira, an einem geheimen Ort in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi die beiden Terroristen interviewen. „Ich bin Chef des militärischen Komitees von Al Qaida“, sagte Mohammed zu Beginn des tagelangen Treffens. „Und Ramsi ist der Koordinator der Einsätze des heiligen Dienstag. Ja. Wir waren es.“

Binalshibh wurde genau am ersten Jahrestag der Anschläge in Karatschi gefasst. Mohammed ging den von US-Experten unterstützten pakistanischen Fahndern am 1. März 2003 in der Großstadt Rawalpindi ins Netz. „KSM“, wie ihn die Sicherheitsbehörden nicht nur in Deutschland abkürzen, war der Chefplaner der Anschläge. Schon beim ersten Angriff auf das World Trade Center 1993 hatte Mohammed im Hintergrund mitgewirkt – Chef der Terrorzelle war ein Neffe Mohammeds. Damals detonierte eine gewaltige Autobombe in der Tiefgarage der Türme, doch sie stürzten nicht ein. Ein Jahr später versuchte Mohammed vergeblich, von den Philippinen aus die gleichzeitige Entführung und Sprengung von zwölf US-Passagierflugzeugen zu inszenieren. Schließlich präsentierte er in Afghanistan Osama bin Laden den Plan, heilige Krieger sollten zehn amerikanische Maschinen in ihre Gewalt bringen. Neun sollten in den USA in Hochhäusern, Atomkraftwerken und anderen Zielen explodieren, mit der zehnten wollte Mohammed auf einem Flughafen landen, um von dort aus in einer erzwungenen Fernsehansprache die Politik der Amerikaner zu verdammen. Osama bin Laden war skeptisch. Man einigte sich auf „nur“ vier Angriffsziele.

Die Al-Qaida-Spitze rekrutierte die Selbstmordattentäter ab 1999 in Afghanistan : Die drei zum militärischen Training aus Hamburg angereisten Studenten Mohammed Atta, Marwan al Shehhi und Ziad Jarrah, die später eine Pilotenausbildung in den USA absolvierten und am 11. September drei der vier Maschinen steuerten. Weitere 16 Männer, die meisten aus Saudi-Arabien, kamen hinzu. Der 20. Attentäter sollte Ramsi Binalshibh sein. Doch die US-Behörden verweigerten ihm ein Visum zur Einreise und verhinderten somit, ohne es zu wissen, dass auch Binalshibh das Handwerk eines Piloten erlernen konnte. Doch der Jemenit koordinierte die Abstimmung zwischen dem Terrorkommando und Al Qaida und half mit Finanztransfers. Sechs Tage vor dem 11. September setzte sich Binalshibh aus Hamburg ab.

Khaled Scheich Mohammed und andere Mitangeklagte werden noch mit weiteren Terroraktionen inVerbindung gebracht. Den Anschlag auf deutsche Touristen auf Djerba soll ebenfalls Mohammed geplant haben. Walid bin Attasch war vermutlich am Angriff auf das US-Kriegsschiff „Cole“ beteiligt.

So berechtigt ein Prozess gegen die Angeklagten erscheint, der Umgang des amerikanischen Militärs und der CIA mit den Islamisten ist problematisch. Mohammed wurde vermutlich jahrelang auf einem Kriegsschiff und in einem Geheimgefängnis festgehalten und mit der Methode des „Waterboarding“ gefoltert. Im September 2006 teilte die US-Regierung mit, Mohammed sei nach Guantanamo gebracht worden. Bei einem Verhör im März 2007 gab Mohammed zu, er sei für die Anschläge des 11. September „von A bis Z“ verantwortlich. Von Binalshibh ist nur bekannt, dass er angeblich schweigt. Auch der Jemenit soll in einem Geheimgefängnis gesteckt haben, möglicherweise auf einem polnischen Militärstützpunkt.

Die Angeklagten werden von Offizieren verteidigt, die ihnen das US-Militär zugewiesen hat. Mohammed und die anderen Islamisten können allerdings zusätzlich zivile Anwälte benennen. Unklar bleibt, welches Gewicht in dem Prozess frühere Aussagen der Angeklagten haben, die möglicherweise unter Folter oder zumindest der Androhung von physischem und psychischem Zwang zustande gekommen sind.

Zumindest Khaled Scheich Mohammed droht die Todesstrafe. Oder er kommt mit lebenslänglich davon. So wie der Franzose Zacarias Moussaoui, der 2006 in den USA wegen Beteiligung an den Anschlägen vom 11. September verurteilt wurde. Durch Geschworene in einem zivilen Gericht, weitab von Guantanamo.

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