90 Jahre 1919 : Die Linke und das dritte L

Tissy Bruns

Nicht Rosa Luxemburgs geistige Sprengkraft ist es, die heute einige tausend Menschen in Marsch setzt. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verkörpern für alle Strömungen links von der SPD das Idealbild des sozialistischen Revolutionärs: wegen der Kriegskredite abtrünnig von der SPD, skrupellos ermordet von Freikorps-Marodeuren, die im Auftrag eines Sozialdemokraten Ordnung in Berlin schaffen sollten, beide Gründer der kommunistischen Partei in Deutschland, die eine andere Gesellschaftsordnung wollte. „Karl und Rosa“ beschwören die Zeiten herauf, als Kommunisten noch verfolgte Freiheitskämpfer waren, unschuldig am großen Unrecht, das unter ihrem Banner noch begangen werden sollte. „Oh, Spree- Athen“, singt Ernst Busch, „auf deinem Friedrichsfelde ruht so manches tapfere Spartakusblut …“

Das alljährliche Bild der Liebknecht- Luxemburg-Demonstrationen kann man als Folklore abhaken. Ein schaler Seelentrost für einige übrig gebliebene Altkommunisten, Romantik für marginale linksradikale Strömungen, die es unter jungen Menschen immer geben wird. Doch der Januar 1919 verdient und verlangt mehr als nachträgliche Rechthaberei an der Gedenkstätte der Sozialisten. Nach der ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts wurde Friedrich Ebert Reichspräsident, Karl Liebknecht rief die sozialistische Republik aus. Aufstand, Straßenkampf und Mord folgten. Ein tragischer und folgenschwerer Moment in der Geschichte der politischen Arbeiterbewegung, schuldlos schuldig waren alle daran Beteiligten. Tapfer waren sie wirklich, die Arbeiter, die nach dem Ersten Weltkrieg für den Sozialismus auf die Barrikaden gegangen sind. Richtig war ihr Weg nicht; gescheitert ist er auch deshalb, weil ihm der Rückhalt in der Arbeiterschaft gefehlt hat. Wegweisend war hingegen der sozialdemokratische Versuch, mit der Demokratie ernst zu machen – obwohl sich Sozialdemokraten wie Noske daran die Hände schmutzig gemacht haben.

Deshalb macht es frösteln, wenn 90 Jahre danach, 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus, an Luxemburg und Liebknecht in den Bildern und Abläufen der verlogenen alten DDR-Inszenierung gedacht wird. Die DKP Darmstadt schickt sogar, wie ehedem, ihre Busse zur LLL-Demonstration. Das dritte „L“ stand und steht für Lenin. Denn der reale Sozialismus konnte die große Sozialistin Luxemburg nur ertragen, wenn ihr Widerspruch zu Lenin klein gemacht oder verkleistert wurde. Es war ein Fingerzeig auf das Ende der DDR, als im Januar 1988 einige Oppositionelle in Friedrichsfelde ein Transparent entrollten, auf dem das berühmte Luxemburg-Wort von der Freiheit stand, die immer die Freiheit des Andersdenkenden sei.

Der Mord an Liebknecht und Luxemburg ist eine deutsche Geschichtsstunde. Linke, die daraus lernen wollen, müssen zur Kenntnis nehmen, dass mit dem Abscheu über ihre Mörder die Unschuld nicht zurückkehrt, mit der 1919 über ein ganz anderes System nachgedacht werden konnte. Sozialisten und Kommunisten haben bewiesen, dass die Hölle auf Erden schafft, wer ein irdisches Paradies verspricht. Wer sich auf Luxemburg beruft, muss die Freiheit wollen. Und wer sie kritisiert, muss wissen, dass die demokratische Gesellschaft am Ende wäre, wenn in ihr der Traum von der Gleichheit nicht mehr geträumt würde.

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