Vor acht Monaten haben die Ärzte ihm eine neue Niere eingepflanzt, nun steht Ivan Klasnic wieder im Mannschaftsaufgebot der Profis von Werder Bremen. Seinen Bauch schützt ein Panzer. Das Risiko trägt er selbst
Er steht etwas abseits, unter einem seit Tagen grauen Himmel, als plötzlich alles sehr schnell geht, so schnell, dass er kaum etwas davon mitbekommt. Zwei Mitspieler kämpfen um den Ball, ein Schubser, ein Foul, wie es oft passiert in jedem Training. Plötzlich stehen sich die beiden gegenüber, verkeilen sich ineinander, und sie prügeln sich wie Jahrmarktboxer.
Der Bremer Stürmer Ivan Klasnic denkt in diesem Moment auf dem Trainingsplatz nicht daran, was das für ihn bedeuten könnte. Aber am Abend dann, es ist Donnerstag, sagt der Trainer, dass er die Prügler Boubacar Sanogo und Carlos Alberto bis Sonntag suspendiert habe. Sie werden nicht spielen an diesem Samstag, wenn es gegen Cottbus geht, ihre Plätze in der Mannschaft sind frei. Sanogos Platz wäre im Sturm gewesen. Plötzlich ist sie da, die Möglichkeit, an die noch vor ein paar Monaten kaum jemand geglaubt hatte; am Freitagnachmittag nach dem Abschlusstraining ist es Gewissheit. Ivan Klasnic kann an diesem Samstag vielleicht endlich wieder sein, was er vor einem Jahr zum letzten Mal war: Stürmer eines deutschen Spitzenklubs. Profifußballer. Er steht im Aufgebot des Bundesligisten Werder Bremen.
Klasnic, 27 Jahre alt, kroatischer Nationalspieler, 135 Bundesligaspiele, 42 Tore, Spitzname „Killer“, galt noch im März als Sportinvalide. Es geht in seinem Fall nicht um malade Achillessehnen, gerissene Bänder oder ruinierte Menisken, die berufsüblichen Verletzungen.
Klasnics Nieren arbeiteten nicht mehr richtig, er hat zwei Operationen hinter sich. Die Folgen: Er muss sein Leben lang Medikamente nehmen, die verhindern, dass er die neue Niere wieder abstößt. Unter anderem Kortison. Die Lebenserwartung sinkt, die Leistungsfähigkeit auch. Und nach Ansicht vieler Ärzte ist seine Gesundheit ernsthafter in Gefahr als sie es ohnehin schon ist, sollte er wieder spielen. Sollte er auf dem Platz einen Tritt oder Schlag in die Nieren bekommen, ein Knie, einen Ball.
Einen Profisportler, der nach einer solchen Krankheitsgeschichte wieder seiner Arbeit nachgegangen wäre, so etwas gab es bisher nicht in Deutschland, und auch nicht im internationalen Profifußball. Nur ein US-Basketballer und ein neuseeländischer Rugbyspieler haben ein ähnliches Comeback versucht.
Donnerstagabend, gut eineinhalb Stunden Training liegen hinter Klasnic. Werders Trainingsgelände liegt direkt am Weserstadion, Klasnic läuft vom Platz, bleibt stehen. Unwillig, kurz angebunden ist er, wie so oft im letzten halben Jahr, wenn er über sich reden soll. Er trägt die Bremer Trainingskluft, eine olivgrüne Regenjacke und schwarze, lange Hosen, „schießen Sie los“, sagt er.
Klasnic bemüht sich, das Besondere seiner Lage herunterspielen. „Ich bin ein gesunder Spieler“, sagt er. „Und man sieht, dass ich das Fußballspielen nicht verlernt habe.“ In einem Trainingsspiel vorhin hat er ein paar Tore geschossen. Auch solche, die man eigentlich gar nicht schießen kann. Klasnic stand einen halben Schritt vor der Torauslinie, fünf Meter rechts vom Tor, der Torwart stürzte ihm entgegen, versperrte den ohnehin minimalen Winkel zum Tor. Klasnic lupfte den Ball mit dem linken Fuß an, gab ihm ein wenig Schnitt mit auf den Weg. Er traf, und es war ein bisschen wie früher, vor der Krankheit. Mit einem Unterschied, einem entscheidenden: Solche Tore im Training entzücken vielleicht 50 Zuschauer, und schon wenn Klasnic danach in der Kabine unter der Dusche steht, ist es, als wären sie nie gefallen. „War nicht schlecht, das Tor“, sagt Klasnic, „aber das ist mein Job.“
Er hat ihn bereits in den vergangenen Wochen getan, allerdings nur in der Bremer Amateurmannschaft. Ende September hat er wieder mit dem Training begonnen, die erste Operation lag da nicht einmal neun Monate zurück, die zweite gerade einmal sechs. Bei seinem ersten Einsatz Ende Oktober hat Klasnic zwei Tore geschossen, es war ein Freundschaftsspiel, zur Halbzeit wurde er ausgewechselt. Der Gegner war ein Kreisligist, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnert: SF Wüsting-Altmoorhausen. Das erste Spiel, in dem es um etwas ging, war schon eher nach seinem Geschmack. DFB-Pokal gegen den FC St. Pauli, den Klub, bei dem er lange Jahre gespielt hat. Es war ein dramatisches Spiel, die Bremer Amateure schlugen den hohen Favoriten 4 : 2, nach Elfmeterschießen. Klasnic bereitete zwei der Bremer Tore vor. 67 Minuten stand er auf dem Platz.
Er sagt, es habe damals überall gekribbelt. Er sagt, er sei jetzt bereit für die Profis. Er spricht von jenem Mann aus der NBA, der besten Basketballliga der Welt, der es geschafft hat, nach einer Nierentransplantation Meister zu werden. Alonzo Mourning. Er spricht von der Zukunft, seiner Zukunft. Über die elf Monate, die hinter ihm liegen, spricht Klasnic dagegen nur ungern. „Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe, nach so einer Sache zurückzukommen.“ Dieser eine Satz lässt ein wenig von dem erahnen, was er durchgemacht haben mag. Kurze Pause. Dann verschanzt er sich hinter kurzen, einsilbigen Antworten, dem Interviewsprech des Profifußballs. „Zurückzukommen, das stand für mich nie außer Frage“, sagt er.
Klasnic spielt schon immer Fußball, er kann sich nichts anderes vorstellen. Er ist einer, der wenig grübelt, kaltblütig, sie nennen ihn in Bremen nicht ohne Grund den „Killer“. Klasnic spielt kühl, er fackelt nie lange, ist hart, gegen andere und auch gegen sich selbst. „Wenn einem anderen jemand in den Rücken springt und die Niere trifft, kann es für den dann auch vorbei sein. Ich bin ein Spieler wie die anderen auch.“
Kompromisslosigkeit, Unabhängigkeit und Eigensinn, auch eigenmächtiges Handeln, das kennen die Bremer von ihm. Klasnic verhandelt seine Verträge selbst, als einer von sehr wenigen Spielern in der Bundesliga. Er sitzt dann da mit dem Taschenrechner, und nach allem, was man weiß, sind seine Verträge gut. Eine Zeit lang drohte er seinem Verein auch mit einer Klage, sollte der sich öffentlich über seinen Gesundheitszustand äußern.
Im Dezember 2006 hat Ivan Klasnic sein letztes Profispiel bestritten. Ende Januar dann die erste Operation, eine Niere seiner Mutter wird ihm eingepflanzt, Abstoßungsreaktion. Mitte März der zweite Versuch, ein Organ seines Vaters. Dieses Mal geht alles gut. Monate der Rehabilitation folgen, Klasnic muss morgens und abends starke Medikamente nehmen, eine Zeit lang ist sein Körper aufgedunsen vom Kortison. Er muss kleine Räume meiden, in denen zu viele Menschen sind, um das Risiko einer Infektion zu vermeiden. Er muss viel Gemüse essen, er mag kein Gemüse; er mag Cevapcici, wie man sie in Kroatien zubereitet. Am 19. Juni steht er zum ersten Mal wieder mit dem Physiotherapeuten auf dem Platz. Aber er muss alleine trainieren, eine ziemlich lange Zeit.
Und es gab Rückschläge.
Die fehlgeschlagene erste Transplantation war nur einer davon. Später der erste Medizincheck beim Sportarzt des Deutschen Fußballbundes, der ihm nach einer eingehenden Untersuchung die Spielerlaubnis für den Profifußball versagt. Die Werte seien noch nicht in Ordnung. Ohne Spielerlaubnis gibt es kein Gehalt vom Verein. Klasnic muss sich vorerst weiter mit dem Krankengeld der Berufsgenossenschaft begnügen, was deutlich weniger ist als die rund 1,5 Millionen Euro, die Werder Bremen jährlich zahlen würde. „Das geht schon an die Substanz“, sagte Klasnic damals. „Ganz ehrlich: Ich habe keinen Bock mehr auf Reha.“
Am 21. September geben Klasnics Ärzte ihr Einverständnis, der Verein zögert noch. Es gibt keinen Vergleich, keine Orientierung, viele andere Mediziner kommentieren den Fall und sagen, dass eine Rückkehr auf den Platz Wahnsinn sei. Und auch die Frage, wer verantwortlich ist, wenn Klasnic einen Tritt abbekommt und die Niere Schaden nimmt, wenn es vielleicht um alles geht, ist noch nicht beantwortet. Ebenso wie die nach dem Risiko, dass der Spieler den Verein verklagt, wenn etwas passiert.
In der Woche darauf sind die Haftungsfragen geklärt. Klasnic unterschreibt, dass er das Risiko selbst trägt. Er trainiert wieder mit den Kollegen. Er trägt einen Spezialgurt aus Fiberglas. „Da kann man mit dem Panzer drüberfahren“, sagt er. Er läuft, schießt, reißt Witze. Er zählt die Ballkontakte, er gibt Kommandos, er fordert den Ball, er feuert an, er meckert, er lamentiert, wenn im Trainingsspiel die Schiedsrichter gegen ihn entscheiden. Einer der Mitspieler sagt, „es ist lauter geworden, seit Ivan wieder da ist“.
Auch diese Rückkehr, die in den Kreis der Mannschaft, gelingt erst im zweiten Anlauf. Tags zuvor hatte Klasnic sie angekündigt, unter anderem auf seiner Internetseite. „Hallo Fußballfans, ab Mittwoch, 10 Uhr, bin ich im Mannschaftstraining. Euer Ivan.“ Klasnic stand in der Kabine, der Trainer schickte ihn wieder nach Hause. „Wir müssen eine Situation erreichen, in der es normal ist, dass Ivan mittrainiert.“ War es offenbar nicht
Im Training in den vergangenen Tagen war zu sehen, dass Klasnics Kondition wohl noch nicht ausreicht, um 90 Minuten durchzustehen. Aber auch, dass er keinen Körperkontakt mit Gegenspielern scheut. Im Gegenteil.
Die Bremer Verantwortlichen stehen im Ruf, den Verein sehr besonnen zu führen. Sie wollen Klasnic langsam wieder an die Belastungen gewöhnen. Mag sein, die verschärfte Personalnot seit der Prügelei am Donnerstag erfordert es, Vernunft noch einmal neu zu definieren.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 24.11.2007)
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