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Die Frage seines Lebens

„Wann tritt das in Kraft?“ Wie der italienische Journalist Riccardo Ehrmann den Fall der Mauer beschleunigte
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Es ist ein Donnerstag. Und es ist 18Uhr53. Riccardo Ehrmann ist nun doch aufgestanden von seinem Platz links vorne vor dem Podium im überfüllten Pressesaal in der Ost-Berliner Mohrenstraße. Günter Schabowski, schräg vor ihm, vielleicht vier, fünf Armlängen entfernt, redet immer noch. Das SED-Politbüromitglied hat viel zu berichten in diesen Novembertagen des Jahres 1989. Die Ereignisse überschlagen sich, Geschichte wird geschrieben, täglich, nein, eigentlich sogar stündlich, minütlich.

Ehrmann mag die Art nicht, wie Schabowski redet. Er hat sie nie gemocht. Für ihn, den Journalisten der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, der mit Unterbrechungen nun schon das zehnte Jahr in der DDR arbeitet, für ihn, der die klare, einfache Sprache so liebt, hat der Verlautbarungsstil der Politbürokraten zu starke Ähnlichkeiten mit dem „double-talk“ aus George Orwells Roman „1984“. Es fehlt an Eindeutigkeit. „Kommunisten-Sprech“ nennt Ehrmann das, was das Politbüro so von sich zu geben pflegt; Worte, gewählt, um zu verschleiern, zu vertuschen, um abzulenken. Zehn Jahre hat er sich zu diesem Zeitpunkt damit bereits rumgeschlagen, erst von 1976 bis 1982, und nun schon wieder seit 1985. Und immer, in all den Jahren, hat zu seiner Aufgabe als Journalist nicht nur die Berichterstattung gehört, sondern eben auch die Interpretation.

Ehrmann ist zu spät gekommen, an diesem Tag, dem 9.November. Es gab keine Parkplätze mehr rund um das Pressezentrum, und als er schließlich im überfüllten Saal eintrifft, sind längst alle Stühle besetzt. So kauert sich der kleine Mann an den Fuß des Podiums, fast eine geschlagene Stunde lang. Er ist dort im Visier der Fernsehkameras, der Fotografen. Auf historischen Fotos sieht man ihn am linken Bildrand, den Notizblock auf den Knien. Ehrmann wartet.

Er hat sich geärgert über den drei Tage zuvor vorgelegten Reisegesetzentwurf der DDR. Der Arbeiter- und Mauernstaat hat wieder einen Fehler gemacht, denkt Ehrmann, statt auf Reiseerleichterungen setzt das Regime in Ost-Berlin mal wieder auf das lähmende Moment der Bürokratie. Sie haben, denkt Ehrmann, das „Gefängnis-Gefühl“ nicht beseitigt.

Oben, auf dem Podium, redet Schabowski noch immer. Irgendwo tief in seinen Unterlagen hat er den Beschlussvorschlag des Ministerrats vom selben Tag, der den Reisegesetzentwurf vom 6.November 1989 korrigiert. Es ist eine Sensation, eine Entscheidung, wie es Günter Schabowski dieser Tage im Tagesspiegel-Interview beschreibt, „die in einem solchen Regime vorher überhaupt nicht denkbar gewesen wäre“. Schabowski hat sie sich für den Schluss der Pressekonferenz aufbehalten. Er, der selber Journalist war, ist geübt im Umgang mit den Medien, ein Profi. Er will nicht, dass alles andere, was den DDR-Oberen an diesem Tage wichtig ist, untergeht. Vor allem: Er will sich Nachfragen ersparen.

Riccardo Ehrmann ist nun aufgestanden. Es ist 18 Uhr 53. Es ist, wird Ehrmann später sagen, „einer der besten Momente meines Lebens“. Es ist ein historischer Augenblick. Es ist der Moment, in dem die Mauer fällt.

Bescheidenheit mischt sich mit Stolz, wenn man den italienischen Journalisten heute, 15 Jahre später, danach befragt, welcher Platz in den Geschichtsbüchern denn für ihn in diesem deutsch-deutschen Kapitel vorgesehen ist. Die Antwort kommt prompt, die der mittlerweile 74-Jährige in seiner kleinen Madrider Wohnung gibt: „Ich habe“, sagt Ehrmann, „Günter Schabowski das Stichwort gegeben.“

Das Stichwort. Um 18 Uhr 53 fragt Ehrmann nach dem aus seiner Sicht fehlerhaften Reisegesetz – und Schabowski beginnt in den Unterlagen zu kramen. Es dauert ein paar Sekunden, aber was dann folgt, wird die Welt verändern. Schabowski liest vom Blatt, müde schon, unwirsch, ein bisschen nuschelnd und in enormer Geschwindigkeit rasselt er die wesentlichen Passagen aus der Beschlussvorlage des Ministerrats herunter: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“

Im Saal entsteht Unruhe, nicht alle haben auf Anhieb dem Tempo Schabowskis folgen können. Einer ruft, ob das auch für West-Berlin gelte, und auf dem Podium fällt Schabowski siedendheiß ein, dass mit den Sowjets zu diesem Zeitpunkt noch nichts besprochen ist. Ja, sagt er dann im Vertrauen auf die Politik der Perestroika des Michail Gorbatschow, ja, das gelte seines Wissens auch für West-Berlin.

„Wann tritt das in Kraft?“, fragt Riccardo Ehrmann, und Günter Schabowski sagt: „Das trifft nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“

Die Mauer ist gefallen.

Tage später wird Ehrmann Willy Brandt treffen. Der sagt: „Kurze Frage, enorme Wirkung.“

In diesem Moment aber gehört Riccardo Ehrmann zu den Ersten, die das auch begreifen. Er stürzt aus dem Pressesaal. Er hört die letzte Frage nicht mehr, was nun aus der Berliner Mauer werde. Drinnen stammelt Schabowski sein „Kommunisten-Sprech“: „Was wird mit der Berliner Mauer? Es sind schon Auskünfte gegeben worden im Zusammenhang mit der Reisetätigkeit. Äh, die Frage des Reisens, äh, die Durchlässigkeit also der Mauer von unserer Seite, beantwortet noch nicht und ausschließlich die Frage nach dem Sinn, also dieser, ich sag’s mal so, befestigten Staatsgrenze der DDR.“

Ehrmann hat genug gehört. Er braucht das nicht mehr. Er will der Erste sein, der die Sensation auf den Draht gibt. Er wird der Erste sein. Auf dem Weg zu den Telefonen im Pressezentrum „gratuliert“ er im Laufschritt einer Mitarbeiterin: „Sie können jetzt in den Westen fahren“, ruft er ihr zu. Die Frau, erinnert sich der Journalist noch Jahre später als sei es gestern gewesen, „hat mich nur angeschaut, als ob ich verrückt geworden sei“.

Tage später trifft er sie wieder. Da sagt sie: „Sie hatten Recht, die anderen haben es nicht verstanden.“ Wenn Riccardo Ehrmann dies heute, 15 Jahre später, erzählt, dann schwingt schon ein wenig Genugtuung darüber mit, dass er sich in jenen dramatischen Momenten seiner Sache so sicher war.

Denn noch muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, an diesem 9.November 1989, kurz vor 19 Uhr. Ehrmann ruft in Rom an, die Ansa-Zentrale. Bei der Telefonaufnahme diktiert er seinen ersten Satz. So wie er ihn formuliert, ist es eine Sensation. Denn es ist dxxer Schabowski-Sprech und die Interpretation. Ehrmann macht in diesem Moment nichts anderes, als das, was er in all den Jahren gemacht hat. Er erklärt, was das gesprochene Wort bedeutet – es bedeutet, dass die Mauer gefallen ist. So hat er seinen Lead-Satz formuliert.

Doch dem Mann am anderen Ende der Leitung ist das zu heiß. Ehrmann muss zunächst mit dem Chefredakteur telefonieren. Der begrüßt ihn mit den Worten: „Riccardo, bist du verrückt geworden?“ Doch Ehrmann ist bei klarem Verstand, so klar, wie vielleicht nie zuvor in seinem Leben. Er ist 59. Er macht seit 40 Jahren diesen Job. Er war als Korrespondent in Kanada. Er war in New York. Er hat den Schah von Persien bei seiner Rückreise in den Iran begleitet, als Einziger! Und er hat zu DDR-Zeiten einen Fuß in Hitlers Führerbunker gesetzt, als Erster! Er kennt die DDR. Er weiß, wie sie dort reden. Er weiß, dass die Mauer gefallen ist.

„Riccardo, bist du wirklich nicht verrückt geworden?“, fragt der Chefredakteur noch einmal – und dann kommt der Satz, der so oder ähnlich wahrscheinlich hundert Mal in jenen Minuten gefallen sein muss, in all den Agenturbüros rund um den Globus: „Aber die anderen haben noch gar nichts gemeldet.“

Nein, haben sie nicht. Schabowski hat ganze Arbeit geleistet, bevor er sich auf den Weg ins nachtschlafende Wandlitz macht, was, rückblickend betrachtet, zu den vielen Kuriositäten dieser Nacht gehört und was Schabowski viel später mit dem Realitätsverlust der DDR-Oberen in jenen Tagen erklären wird: „Wir waren abgestumpft damals.“

In den Minuten rund um 19 Uhr aber ringt die Medienwelt nach Worten, das Unfassbare zu beschreiben, immer noch fieberhaft rätselnd, was genau Günter Schabowski gemeint haben könnte. Um 19 Uhr 05 wählt die Nachrichtenagentur AP erstmals den Begriff „Grenzöffnung“. Das ZDF vermeldet in seiner „Heute“-Sendung die Schabowski-Pressekonferenz erst an sechster Stelle, um 19 Uhr 17. Die ARD präsentiert um 20 Uhr die neue Reiseregelung als Spitzenmeldung und blendet dazu „DDR öffnet Grenze“ ein.

Zu diesem Zeitpunkt ist Riccardo Ehrmann längst auf dem Weg in sein Büro in der Karl-Liebknecht-Straße. Er macht einen kurzen Umweg über den Bahnhof Friedrichstraße, wird erkannt. „Herr Ehrmann, Sie waren dabei“, ruft ein Oberst von den Grenztruppen. „Ist es wirklich wahr?“ „Es ist wahr“, ruft Ehrmann zurück, „es ist kein Scherz, lasst sie gehen“.

Es ist die Nacht der Nächte. Es gibt viel zu tun. Ehrmann arbeitet durch. Der ersten durchtelefonierten Meldung folgt ein „meterlanges Telex“. Als er es zu Ende geschrieben hat, ist die Welt eine andere. Als er wieder rausgeht, wird er im Treppenhaus von seinen Nachbarn umarmt. Die Mauer ist auf. Und Ehrmann hat die entscheidende Frage gestellt. Sie haben es im Fernsehen gesehen, gesehen, wie er die entscheidende Frage gestellt hat.

Langsam erst, dann immer schneller beginnt die Bedeutung der Nachricht in die Köpfe der Menschen zu sickern. Vor seinem Haus trifft Ehrmann eine Bekannte, sie ist Professorin an der Humboldt-Universität. Sie sagt nur: „Alles ist vorbei – aber vielleicht ist das besser so.“

Wieder am Bahnhof Friedrichstraße wird Ehrmann abermals erkannt. Spontan nehmen einige Umstehende den kleinen Mann auf die Schultern, feiern den Journalisten, der mit seiner kurzen Frage diese enorme Wirkung erzielt hat.

War es die wichtigste Frage seines Lebens? „Ich würde sagen: Ja, sicher“, sagt Riccardo Ehrmann heute, immer noch stolz darauf, dass sein Wunsch nach Präzision die Ereignisse ins Rollen gebracht hat – wann tritt das in Kraft? „Es war eine einfache Frage“, sagt Ehrmann, „es war keine metaphysische Frage.“

Zwei Jahre nach dem Mauerfall wurde er bei Ansa zum Chef vom Dienst befördert; eine Auszeichnung. Doch nur wenig später zog es ihn bereits wieder hinaus. Er wurde Korrespondent in Madrid. Noch heute arbeitet er von dort aus frei für die italienische Agentur. Und noch immer hat er Spaß am Journalismus. Es ist, sagt er, „der beste Beruf, den es gibt“.

In seinem besten Moment hat Riccardo Ehrmann Geschichte geschrieben.

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