Es ist nicht leicht in diesen Wochen für die Schauspielerin Anna Maria Mühe. Sie reist durch Deutschland, will werben für ihren Film "Novemberkind". Doch die Leute lauern, sie wollen etwas anderes von ihr: die Antwort auf eine sehr persönliche Frage.
Im Dresdner „KIF“, dem „Kino in der Fabrik“ im alten Arbeiterstadtteil Löbtau, ist es am Freitagabend eigentlich ganz gut ausgegangen. Nach der Vorführung, Station 10 der Werbetour für „Novemberkind“, applaudieren die Zuschauer kräftig, jemand ruft ein „Bravo!“ wie beim Theater, und dann trampeln sie auch noch, schön kräftig, auf den Holzboden des grellorange gestrichenen Podests mit seinem nun kaltweiß beleuchteten Aufgang. Anna Maria Mühe steht, klein und zart, vor dem Vorhang ganz am Rand, daneben Regisseur Christian Schwochow, daneben Produzent Matthias Adler, und weil in der Welt dieses Nachwuchsfilms nicht alle 30 sein sollen wie die beiden sehr ernsthaften, sehr erwachsenen Jungs oder 23 wie Anna Maria Mühe selber, ist auch noch der große Hermann Beyer dabei, der im Film einen unvergesslich knarzigen Großvater spielt.
Die Leute stellen Fragen beim Publikumsgespräch, aber ja. Aber sie fragen vorsichtig und nicht zu viel. Die äußerste, ans Private gehende Erkundigung geht nicht an Anna Maria Mühe, sondern an Schwochow – und so erfahren die Dresdner, dass der sensible Intellektuelle mit der smart-schwarzen Westbrille auf Rügen geboren und aufgewachsen ist, dass der Ausreiseantrag der Familie „am Vormittag des 9. November bewilligt“ wurde und dass es nach Hannover und irgendwann an die Filmhochschule im schwäbischen Ludwigsburg ging und zu Schwochows und Adlers Diplomfilm „Novemberkind“. Was man eben so sagt, wenn jemand fragt: Und was hat der Film mit Ihnen persönlich zu tun?
Anna Maria Mühe nehmen die Leute nachher beiseite, wenn die „Novemberkind“-Flyer vor die junge blonde Schauspielerin hingelegt werden, die da am Saalrand in Jeans und Sneakers steht und in einem Pullover, der alle Farben des Novembers zu vereinen scheint. Eine ältere Frau sagt, während Anna Maria Mühe mit ihrer leicht linkswärtigen Handschrift das Autogramm gibt, „ich dachte vorhin, ob der Film auch ein bisschen was mit Ihnen zu tun hat, nicht nur mit dem Regisseur“, aber es ist eine diskrete Anmerkung fast im Vorübergehen.
Dann baut sich ein hochgewachsener Mann vor der 1,61 Meter kleinen Schauspielerin auf und wird konkreter: „Hilft die Identifikation mit einer Rolle bei der Bewältigung persönlicher Probleme?“, fragt er. „Nein“, sagt Anna Maria Mühe entschieden, und nach einem kurzen Augenblick geht ein stilles, entwaffnendes Strahlen über sie, das das ganze Gesicht erfasst. Es ist dieses durch und durch freundliche Strahlen, mit dem sie eine Art Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch nimmt.
Es ist nicht leicht für Anna Maria Mühe in diesen Wochen. Sie will, indem sie herumreist durch ganz Deutschland, jeden Abend in einer anderen Stadt, werben für den bemerkenswerten Film eines unbekannten Regisseurs, bei dessen Dreh sie zudem mit dem Produzenten Matthias Adler ihren Lebenspartner kennengelernt hat. Und trotzdem lauern die Leute auf anderes.
In „Novemberkind“ spielt sie eine Doppelrolle: die bei ihren Großeltern in Mecklenburg aufgewachsene Bibliothekarin Inga, die mit der Legende vom frühen Unfalltod ihrer Mutter Anne lebt – und, in zahlreichen Rückblenden, diese Mutter selber. Tatsächlich floh Anne 1980 mit einem desertierten russischen Soldaten in den Westen und zerbrach daran, dass sie ihr Baby nicht in die so andere Welt hat nachholen mögen. Und dann erfährt Inga, angestiftet von einem Konstanzer Literaturprofessor, den Ulrich Matthes als sanften Vampir mit lange verborgenen eigenen Absichten gibt, in Etappen die Wahrheit. Eine Lügenwelt bricht zusammen. Nur wie entsteht daraus eine andere, mit der man leben kann?
Eine Ost-West-Story, eine Familientragödie, eine Geschichte vor allem von Schweigen und Schuld: Größer könnte die Einladung zum neugierigen Nachfragen des Publikums, zum hartnäckigeren Nachbohren der Medienleute nicht sein. Jeder weiß, dass Anna Maria Mühes Mutter, die Schauspielerin Jenny Gröllmann, im August 2006 an Krebs starb. Jeder weiß, dass ihr Vater Ulrich Mühe knapp ein Jahr später starb – ebenfalls an Krebs, ein paar Monate nach seinem Oscar-Triumph mit „Das Leben der Anderen“. Und jeder weiß von dem Dornenkrieg, den Mühe, der in dem Film einen Stasi-Offizier gespielt hat, gegen seine ferne Ex-Frau führte, indem er sie beschuldigte, selber von der Stasi verpflichtet worden zu sein. Sie, bereits todkrank, wehrte sich mit allen gerichtlichen Mitteln – mit einigem Erfolg. Beweise fehlten. Gewisse Behauptungen durften nicht wiederholt werden. Fragen blieben.
Anna Maria Mühe hat sich, und sie folgt dabei einer sicheren und liebevollen Intuition, selber fürs Schweigen entschieden. Als Kronzeugin dieser oder jener postumen Anklage steht sie nicht zur Verfügung. „Ich kann kein Interview führen, kein einziges, ohne auf mein Privatleben angesprochen zu werden“, sagt sie dem im Eurocity von Berlin nach Dresden mitreisenden, auf seine Art auch behutsam vampirischen Journalisten. „Und damit meine ich nicht, dass ich meinen Freund bei den Dreharbeiten kennengelernt habe, sondern meine Eltern und den Stasi-Streit. Das finde ich anstrengend und überflüssig.“
Für einen Augenblick, in dem die Erinnerung an manche penible Begegnung in ihr aufscheint, geht Anna Maria Mühes grundsätzliche, schöne Deutlichkeit in eine Strenge über. Die Strenge des Vatergesichts? Ach was, gleich ist da wieder, gerichtet an die auch sonst mitunter grenzenlose journalistische Erkundungslust, das entwaffnend strahlende Lachen: „Ich kenne euch doch!“
Vielleicht muss es so sein im Leben der Anna Maria Mühe: Die Durchbrüche in ihrer noch so jungen Biografie – und „Novemberkind“ etabliert sie endgültig als eine der großen deutschen Schauspielerinnen – gehen nur über Missverständnisse und Erklärungsnöte. Kaum jemand will ihr glauben, dass sie die beiden Rollen für diesen Film, die ihrer fernen Ost-Herkunft wie ihrem näheren Lebensdrama so auf die Seele geschrieben scheinen, aus purem professionellen Interesse angenommen hat. Dabei wird nicht nur vergessen, dass Filmstudent Christian Schwochow schon vor Jahren für seine Story recherchierte, den ersten Kinostoff über die vielen unbekannten aus der „Republikflucht“ erwachsenden deutschen Familienkatastrophen – lange vor Anna Maria Mühes eigener Elterntragödie. Sondern auch, dass das Schauspielerkind, das vier Jahre alt war, als die Mauer fiel und die Eltern sich trennten, wie ein Westkind aufwuchs, mit Ulrich Mühe und seiner neuen Frau Susanne Lothar jahrelang zwischen Berlin, Hamburg und Wien pendelnd.
Den Osten aus der Welt von „Novemberkind“ hätte sie sich wohl googeln müssen, sagt sie, aber es war dann Christian Schwochow, der ihn ihr faszinierend und konkret erklärte. Erst im Nachhinein auch habe er ihr gestanden, dass die Rolle ausdrücklich für sie gedacht war. „Da war ich natürlich geehrt als junge Schauspielerin.“
Total geehrt wird sie auch ganz am Anfang gewesen sein, an jenem legendären Abend im „Route 66“, dem American Diner in der Pariser Straße in Berlin-Wilmersdorf , wo Regisseurin Maria von Heland sie aus einer Geburtstagsfeier mit Freunden heraus spontan für „Große Mädchen weinen nicht“ castete. Da war Anna Maria 15 – und wer vermutete damals angesichts dieses fulminanten Hauptrollenstarts ins Kinofilmgeschäft nicht, dass da eine Heranwachsende von ehrgeizigen Eltern elegant in den Beruf bugsiert wurde? Dabei war es genau umgekehrt. Die Eltern wollten Anna Maria diese Lebensperspektive ausdrücklich ersparen, auch zu ihrem Schutz vor den Schattenseiten des unsicheren, von so vielen Wahrnehmungsmoden gesteuerten Berufs. Bis die Tochter sie doch überzeugt hatte – zuerst die Mutter, zu der sie kurz zuvor wieder von Wien nach Berlin gezogen war.
Dieses „große Mädchen“, das schon in seiner ersten Rolle eher Kind war und Frau zugleich, mit jener dauerverletzlichen Reife, die aus ihrem Gesicht wahrscheinlich ein Leben lang spricht: Von den Schattenseiten des Berufs weiß Anna Maria Mühe schon alles. Oder sollte man sagen: Sie ahnt sie voraus, um gegen sie gefeit zu sein – so wie sie derzeit im Gespräch mit Fremden bei aller Vertrauensbereitschaft unaufdringlich Witterung aufnimmt und behält? Denn jene Schauspielerhölle, wenn neue Rollen im Terminkalender ebenso fehlen wie ersatzweise tröstende Sende- oder Starttermine, hat sie in acht Jahren Arbeit noch nie erfahren müssen. „Eine Sache“, sagt sie tiefernst, „war immer noch da.“
Aber die Selbstzweifel gibt es, und darüber spricht sie mit großer Offenheit. Von der Sorge, nach der so ungemein erschöpfenden und abschöpfenden „Novemberkind“-Arbeit nun lange nichts vergleichbar Großes mehr zu spielen zu bekommen. Von der Unruhe, wenn der „geliebte Stress“ fehlt, zum Beispiel der, auch „parallel zu drehen“. Von dem überkritischen Unbehagen, wenn sie sich selber auf der Leinwand sieht und hört. Von der Angst schließlich, dass das Publikum „vielleicht schon genervt“ sein könnte von ihrem Gesicht – obwohl: „Dieses Angesagt- und Nichtangesagtsein, das ist doch ein absurd krankes System.“
Auch wenn der Partner oder die Freundinnen und Freunde bei Anruf Trost spenden: „Da muss man selber durch.“ Und da geht Anna Maria Mühe auch durch. Vielleicht hilft der erfolgreichen Jungschauspielerin, die schon sechs große Kinofilme und mindestens doppelt so viele Fernsehfilme gedreht hat, Serien nicht mitgezählt, dabei das Herzenserbe ihrer Eltern. Vielleicht nicht gerade die Ungeduld, die sie von beiden zu haben glaubt, aber beider Offenheit. Dazu die kritische, allumfassende Neugierde des Vaters und das positive Denken der Mutter: „eine Kraft zu haben, die einem oft nicht zugetraut wird“.
Das geht im Erinnern bis ins Kleinste: Ein „Schisser“ sei sie gewesen als Kind, sagt sie, und dann habe sie mit zwölf einen von der Schule angebotenen Selbstverteidigungskurs für Mädchen als Beste bestanden. Und als sie damals, zusätzlich zum Klavier, plötzlich Trompete habe lernen wollen, Hauptsache laut, da habe „Papa“ das richtig „super“ gefunden.
Aber halt, spazieren wir nicht durch eine Kleinmädchenvergangenheit, mit jenem intimitätserhaschenden Blick, wie wenn man durch eine fremde Wohnung geht. Home Stories meidet Anna Maria Mühe ohnehin – auch jetzt, wo sie zum Wohle von „Novemberkind“ so hübsch mit Matthias Adler in der gemeinsamen Wohnung in Mitte posieren könnte, soll kein Medienmensch über ihre Schwelle. Gewiss, heute Abend ist sie erstmals bei „Beckmann“ zu Gast, aber da auch Roland Koch eingeladen ist, dürfte sich der Society-Faktor in Grenzen halten. Gehen wir zur Abwechslung ins Internet und gucken das „Showreel“ genannte Demoband auf der Seite ihrer Agentur Fitz + Skoglund, das Anna Maria Mühe zusammen mit Matthias Adler unlängst auf seinem Laptop neu geschnitten hat. Und gucken wir es, weil wir Überraschungen lieben, bis zu Ende.
Nach all den Ausschnitten aus Fernseh- und Kinosachen, in denen sie die Freundin seltsam gestörter Freundinnen spielt, das Kind dysfunktionaler Familien bis hin zum Sekten- und gar zum Vergewaltigungsopfer, nach all den Ausschnitten, in denen sie mal herzzerreißend weinen und mal nicht minder herzzerreißend schreien muss, führt ein sekundenkurzes „Outro“ hinaus, ins Offene. Es ist eine Szene aus „Was nützt die Liebe in Gedanken“, einem Film rund um eine treulose, abenteuerlustige Jungsverzehrerin, das Zauberwesen Hilde alias Anna Maria Mühe. Sommer. Außen. Nacht. Daniel Brühl und Anna Maria Mühe baden nackt in einem See. Und während sie sich langsam von ihrem Gegenüber ins Dunkle entfernt, sagt sie: „Ich möchte nie einem alleine gehören, auch nicht dir.“ So leise gleitet auch diese junge Schauspielerin ihrer Vergangenheit davon, ohne sie zu verlieren, sie hat längst damit angefangen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 17.11.2008)
Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »