Wenn die Glocke gelungen ist, sprechen Gießer von grundtönig-exaktem Teiltonaufbau. Wenn die Glocke laut ist, sprechen Juristen von Abwehransprüchen nach §§ 1004/906 BGB. Wenn die Glocke kaputt ist, spricht nur noch einer: Kurt Kramer. Eine Begegnung mit Deutschlands Chefglöckner
Der Mann, den sie den Glockenpapst nennen, sitzt in seinem Reihenbungalow im Klangschatten der katholischen Sankt-Hedwig-Kirche, quasi direkt unter einem Glockenturm. Zufall, sagt er. Völlig im Gegensatz zum dröhnenden Getöse, in dem er die vergangenen Jahrzehnte in den Glockenstühlen stand, strahlt dieses Heim in Karlsruhe eine große Ruhe aus. „Ich höre“, sagt Kurt Kramer, 66, „noch immer sehr gut.“
Wie ja alle zu Weihnachten das Läuten der Glocken plötzlich sehr gut hören, nicht weil sagenhaft mehr geläutet würde als an ganz normalen Sonntagen, sondern weil für ein paar Tage der Lärm der Welt gedämpft ist. Nur einer kennt sich in Deutschland mit den Glocken derart aus, Kurt Kramer, der viele Jahre einem Gremium vorsaß, von dessen Existenz kaum einer weiß: dem Glockenberatungsausschuss des deutschen Glockenwesens, der ersten ökumenischen Institution, zu der sich Katholiken und Protestanten in Deutschland überhaupt hatten durchringen können, gegründet 1927, zuständig für das Läuten im Land. Zuständig für diese Kommunikation über unseren Köpfen, die, obwohl sie so regelmäßig stattfindet, kaum jemand wahrhaft hört. „Mit Glocken ist es wie mit Vögeln“, sagt Kramer. „Man merkt ihr Dasein erst, wenn sie plötzlich verstummen.“
Als man ihn 1972 fragte, ob er Vorsitzender des Glockenausschusses werden wolle, sagte er zunächst: „Niemals.“ Am gleichen Tag aber ging er, so weit reichte sein guter Wille, in die Landesbibliothek, um sich ein Bild zu machen. Kramer versank in der Kulturgeschichte, er las von den Anfängen in China, wo vor 5000 Jahren die Glocken geeicht wurden, damit im ganzen Lande die gleiche „Stimmung“ herrschte. Kramer streifte lesend Indien, wo die Tempeltänzerinnen zu Glocken tanzten, er lernte, dass ihr Klang in Mesopotamien als Schutzraum galt, weshalb das Leitpferd des Königs stets eine Glocke trug, nicht anders als heute beim Almabtrieb die Leitkuh in Appenzell. Kramer las von den ersten Mönchen, die zur Missionierung mit blechernen Handglocken von Irland aus in die Welt zogen. Er las von Karl dem Großen, der Geld gab für Bauten und Bronze in ganz Europa, für Glockentürme, die später, mit zunehmender Macht, die höchsten Gebäude sein sollten, ihre Türme weithin sichtbar, und lauter als Glocken war nichts. Die Menschen richteten sich auf, knieten nieder, aßen, beteten und schliefen in ihrem Takt. Kramer war fasziniert.
Ihm fiel auf, dass die letzten Veröffentlichungen zum Thema 15 Jahre zurücklagen. Offenbar gab es Arbeit. Nicht nur ihm selbst schien es bald, als fügten sich seine Ausbildung und seine Interessen zu einer geradezu idealen Kombination: das Musikalisch-Klangliche aus dem Musikstudium, das Architektonisch-Statische aus dem Architekturstudium. Kramer geriet langsam in Schwingung. In den folgenden Jahren machte er eine bahnbrechende Entdeckung: Jeder Turm hat eine messbare Eigenschwingung, eine Frequenz, die auch bei Wind angeregt wird. Keine Glocke darf man in dieser Eigenfrequenz schwingen lassen, sonst überträgt sie das 32-Fache ihres Gewichts auf den Turm. Diese Erkenntnis erklärte, warum nach dem Krieg so viele wiedererrichtete Glockentürme saniert werden mussten. Man hatte Joche aus Stahl eingebaut statt aus Holz, die Glocken waren schneller geworden und kamen gefährlich nahe an die Eigenfrequenz der Türme heran. Anfangs wurden die Stahljoche sogar direkt im Boden verankert, was dazu führte, dass die Schwingung sich direkt übertrug und am Bauwerk rüttelte.
In den kommenden Jahren richtete Kramer seine ganze Sorgfalt auf das Geläut. Er wurde gerufen, wenn der Turm wackelte, das Gemäuer riss, wenn Glocken plötzlich blechern klangen. Mit hohem körperlichen Einsatz turnte er in den Glockenstuben herum, aufs Äußerste konzentriert. „Man darf sich nie sicher fühlen da oben“, sagt er. „Man muss immer hellwach sein.“ Wenn er einen Turm betritt, tätschelt er die Glocke zunächst, da gibt sie ihm einen ersten Ton. „Man hört Schäden eher, als dass man sie sehen oder messen kann“, sagt er. Zur Demonstration steckt sich Kramer jetzt die Zeigefinger in die Ohren, so macht er das, wenn es oben im Glockenturm dröhnt, er moduliert mit den Fingern den Klang im Ohr, mal mehr, mal weniger, und immer hört er andere Dinge.
Je nach Analyse legt Kramer Gewichte auf das Joch, damit die Glocke bei gleicher Zugkraft langsamer schwingt. Oder er lässt Klöppel verlängern. Ihm ist die Erkenntnis zu verdanken, dass viele Glocken in den letzten 50 Jahren so sehr strapaziert wurden wie in den 500 Jahren zuvor, der neuen Stahlklöppel wegen, die das Kupfer strapazierten. Nicht selten war es geraten, gleich eine neue Glocke zu gießen.
Sie haben hier, sagte er den Gemeinden, die Möglichkeit, mit einer bleibenden Inschrift auf einer bleibenden Glocke eine Botschaft für kommende Generationen zu hinterlassen. Wozu?, wurde er gefragt. Warum eine Verzierung bezahlen, die doch niemand sieht da oben im dunklen Gestühl? Ein Altar, antwortet dann Kramer, muss auch dort gearbeitet sein, wo es keiner sieht. So wie man ja auch betet, ohne dass es jemand sieht.
Der Preis einer Glocke zittert mit dem Tagespreis des Metalls.
Wenn es so weit ist, wenn 78 Prozent Kupfer sich mit 22 Prozent Zinn vereinen, dann schicken die Gemeinden ihre Abgesandten zum Beispiel in die Glockengießerei Bachert nach Karlsruhe, eine von sieben in Deutschland, mit Tradition bis ins Mittelalter. Sie sprechen dann mit Christiane Bachert, die anfing zu lachen, als sie ihren Mann kennenlernte und fragte: Was bist du? Glockengießer? Bis sie begriff, wie er von seinem Vater lernte, wann die Glockenspeise fertig ist, was sich abspielt zwischen 1020 und 1100 Grad Celsius, bis auch sie selbst ihre Tage auf dem Gelände zubrachte, wo es nach Lehm riecht und Stroh und Kohlefeuer, das unter den Lehmformen zum Trocknen brennt.
Kalt erwischt, sagt Christiane Bachert, würden die meisten von der überwältigenden Erfahrung eines Glockengusses. Diese Konzentration, die Stille, die eilige Bronze, die heiß in die Kanäle fließt. Glocken werden immer freitags gegossen, um 15 Uhr, zur Todesstunde Jesu. Dann werden die angereisten Besucher aus den Gemeinden um Schweigen gebeten, nicht etwa aus Andacht, sondern damit die Glockengießer, die Dirigenten der flüssigen Metallströme, sich mit normaler Stimme verständigen können. Was aber nicht verhindert, dass das profane Schweigen irgendwann doch in ein andächtiges kippt.
Es komme, sagt Christiane Bachert, in ihrem Beruf darauf an, dass man eine gute Rippe hat. Rippen sind die Querschnitte einer Glocke, an deren Form seit dem Mittelalter gefeilt wird. Aller Ehrgeiz fließt in die Form der Rippe, die kein Glockengießer je aus der Hand gibt, denn sie bestimmt den Klang und wird über Generationen weitergereicht. Wenn dann nach ein bis zwei Wochen die Glocke ausgekühlt, der Lehm abgeklopft ist und der erste Ton ertönt, dann weiß man, ob man Erfolg hatte. Ob die Glocke in der richtigen Höhe läutet, eine Klangqualität hat, die zu den anderen Glocken im Geläut passt, ohne deren Defizite zu betonen. Ist die Glocke gelungen, kleiden die Gießer ihr Lob in Worte wie grundtönig, voll, harmonisch, langer Nachhall, runder Klang, exakter Teiltonaufbau.
Vorbeifahrende kurbeln bei einem schönen Geläut automatisch das Autofenster herunter. Ah, die Glocken, eine stete Erneuerung des Glaubens! Für andere, weniger reife Persönlichkeiten, sagt Christiane Bachert, wirke das Geläut störend. Sie empfinden es als stetige Ermahnung. Als weise jemand sie dauernd auf ihre Schwächen hin. Seit den 70er Jahren lief dieses Gefühl, in das man sich gut hineinsteigern kann, im zivilrechtlichen Nachbarschaftsstreit häufig auf einen Abwehranspruch aus §§ 1004/906 BGB hinaus. Man fühlte sich gestört durch diese Anmaßung des Klangraums, man legte Aktenzeichen an, blätterte im Bundesemissionsschutzgesetz, und säuberlich unterschieden Gerichte zwischen liturgischem Kirchläuten und weltlichem Zeitläuten, zwischen sakralem und profanem Lärm. Ersterer ist als Religionsausübung zu dulden. Letzterer hat eventuell leiser zu geschehen.
Aber, sagt Kurt Kramer, auch das Zeitläuten habe metaphysischen Gehalt, denn es vergegenwärtige den Ablauf des Lebens. Ein Memento mori, das an die Vergänglichkeit gemahnt und die ständig notwendige Vorbereitung auf den Jüngsten Tag. Aus Hospizen und Krankenhäusern weiß Kramer, dass sich die Schlaflosen nicht etwa gestört fühlen durch das Schlagen der Glocken in der Nacht, sondern im Gegenteil geführt und begleitet. Schlimmer sei ihnen die Stille, denn sie ist dem Tod zu ähnlich.
Verkehr ist lauter als Läuten, Bankgebäude sind höher als Kirchen. Früher gab es den „Sprengel“, eine geografische Klangmarkierung, die so weit reichte, wie man die Glocken noch hörte. Das Raum-Zeit-Kontinuum in den Händen der Kirchen. Und wenn es heute auch nicht mehr so ist, dass die Glocken den Takt für den Tag angeben, so lebt in ihrem Takt doch Kurt Kramer. Der gräbt jetzt, nach seiner Pensionierung im vergangenen Jahr, immer neue geschichtliche Details zur Glocke aus. Etwa, wie viele Glocken in welchen Kriegen zu Kanonen umgeschmolzen wurden. Napoleon brachte es auf 100 000, nur um später aus den Kanonen wieder eine Siegesglocke für Notre Dame gießen zu lassen.
Noch befriedigender findet Kurt Kramer seine Berufung, wenn er sich in die liturgische Bedeutung der Glocken vertieft. Er stieß auf die zwölf Glocken am Rocksaum des Priesters im Alten Testament. Warum zwölf? Da wurde er erst in der jüdischen Zahlensymbolik fündig: Vier, die Zahl der Welt, vervielfacht mit Drei, der Zahl des Göttlichen, ergibt Zwölf, Symbol für das Unbegreifliche, für das, was wir uns nicht mehr an zwei Händen abzählen können. Kramer, Katholik, beide Hände in der Luft, lacht.
Er würde, schätzt er mal, alle großen europäischen Geläute am Klang erkennen. Paris, Westminster, die Hosanna in Freiburg, die Gloriosa in Erfurt, die Petersglocke des Kölner Doms. Seit 1985 ist er durch Europa gereist mit dem Ziel, den Klang der Geläute zu sammeln. Er hat dafür Grenzer überlistet und Kontakte spielen lassen, damit Küster ihm Geläut aufnahmen, an das er selbst nicht herankam. Damit die Glocken für ihn läuteten, brauchte Kramer immer wieder Genehmigungen „von ganz oben“, womit in sozialistischen Staaten die Regierung gemeint war, Kramer lächelt über diesen Irrtum. Oft schlich er um Kirchen herum, um den günstigsten Punkt zu finden, bevor er sein Sennheiser Richtmikrofon aufstellte, das in der Lage ist, das Läuten vom Verkehrslärm zu trennen.
Es gibt ja tatsächlich eine Ebene des Unerklärlichen bei den Glocken, sagt Kramer. Ist es nicht seltsam, dass die Glocken auf jeden wirken? Egal, ob der an einen Gott glaubt oder nicht? Dass die gleiche Moll-Terz in einem Glockenton mal fröhlich-feierlich und mal traurig klingt? Dass so viele Völker eine metaphysische Bedeutung sehen in den Glocken? Als käme mit dem Schall auch ein göttlicher Hauch.
Die Glocke, glaubt Kramer, spricht einen Urinstinkt an. Sie wirkt unmittelbar. Dafür spricht, dass nach Kriegen das nicht vorhandene Geld oft als Erstes für Glocken ausgegeben wurde. Dass Menschen, die keiner Kirche angehören, für Glocken spenden. Und dass selbst ausgetretene Kirchenflüchtlinge wollen, dass eine Totenglocke für sie läutet.
Ein Mann und sein Metier. Bei Klangproben kann Kurt Kramer (kleines Bild) das Geläut mächtiger Glocken mitunter nur dosiert genießen. Foto: Mauritius
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(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 24.12.2009)
Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »
eine Glocke aus dem Jahr 1502.Bei der Jubiläumsfeier vor 7 Jahren
konnte im Rahmen der Besichtigung auch die aufwändige Arbeit der
Zimmerleute bewundert werden.Denn,jeder Klang oder Zusammenklang
ist auch abhängig vom Glockenstuhl.Ein Faszinosum ist jedoch,das
das Berühren mit dem Fingernagel bereits das volle Klangerlebnis
im Kleinen hervorruft.