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Kuba

Leben und überleben lassen

Über 70 Prozent der Menschen auf Kuba sind nach Fidel Castros Revolution von 1959 geboren. Ein anderes System kennen sie nicht. Also arrangieren sie sich recht und schlecht, die Zukunftserwartungen sind gering und die Mahlzeiten auch. Eine Reise über die Insel, Teil zwei
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Straßenkindergarten in Baracoa auf Kuba. - Foto: laif
Wer auf Kuba in diesen Zeiten des Übergangs vom „Fidelismus“ zum „Raúlismus“ unterwegs ist zwischen den Provinzen Guantánamo im Osten des Landes und Pinar del Rio im Westen und die Menschen fragt, wie es ihnen gehe, bekommt meist die Antwort „regular“ zu hören. Regular bedeutet „so lala“. In der Hauptstadt Havanna, wo Sarkasmus und Galgenhumor die tägliche karge Mahlzeit würzen, hört man oft ein lachendes „vivo“, ich lebe, manchmal ein „sobrevivo“, ich überlebe. Jene, die schon viele Revolutionsjahre auf dem Buckel haben und durch nichts mehr aus dem Trott zu bringen sind, lassen eher ein „die Dinge gehen ihren Gang wie immer“ hören. Und dann gibt es noch das verniedlichende Wörtchen „igualitico“. Das ist eine ironische Metapher für Stillstand.

1000 Kilometer von Havanna und rund 100 Kilometer von Birán, dem Geburtsort der Castro-Brüder entfernt, liegt Baracoa, die von einem tropischen Paradies umschlossene, verträumte Küstenstadt am östlichsten Zipfel der Insel. Wo 1492 Christopher Kolumbus landete, blickt 516 Jahre später der Zimmervermieter Andrés Cruzata von der Dachterrasse seines Häuschens aufs weite Meer und antwortet auf die Frage, wie sein Leben und das seiner Familie so sei, mit einem beinahe trotzigen: „tranquilo“. Ruhig. Es ist die hiesige Version von „regular“.

Tranquilo, sagt der untersetzte, gut genährte Mulatte mit dem grauen Oberlippenbärtchen und dem kurz geschorenen Krauskopf, das sei für ihn ein Mensch, „der hilfsbereit ist und anderen Menschen keinen Ärger macht“. So spricht einer, der 1953, in jenem Jahr, als Fidel Castro in Santiago de Cuba noch vergebens gegen die Moncada-Kaserne anstürmte, zur Welt kam und zeit seines Lebens mit nichts anderem als der Revolution der Castros gelebt hat. Einer, der ihr immer zu Diensten war. In den 80er Jahren sogar als Soldat in Kubas Stellvertreterkrieg für die Sowjetunion in Angola. Jetzt erlaubt die Revolution dem Vater von drei Kindern, die Beletage des Häuschens an Touristen zu vermieten und ihnen auf der Terrasse Langusten zu servieren. Sehr viel mehr kann er vom Leben nicht erwarten. Er scheint zufrieden.

Der 27-jährige Sohn, ein schlanker Lockenkopf, der noch bei den Eltern lebt, scheint sich vom Leben noch etwas mehr zu erhoffen und versteht unter „tranquilo“ einen vorläufigen Zustand: „Tranquilo bedeutet für mich“, sagt Alexander Cruzata vorsichtig, „es möchte einer etwas unternehmen, doch die Umstände erlauben es nicht. Also muss er Geduld haben. Er muss sich sagen: Warte noch ein wenig, dann wird sich schon alles regeln.“ Aber: „Selbst wenn es jetzt unter Raúl Castro Veränderungen geben sollte – Spektakuläres wird nicht passieren. Die Revolution wird so weitergehen wie bisher.“ Irgendwie wirkt der gut aussehende junge Mann nicht glücklich. Wie eine Mahnung leuchtet in roten Großbuchstaben von einer weiß getünchten Mauer an der Ortseinfahrt von Baracoa das Fidel-Zitat: „Wenn die Jungen scheitern, wird alles scheitern. “

Aufzubegehren, auf die Straße zu gehen, zu protestieren wie die Jugend in Europa, das läge Alexander Cruzata und seinen Freunden so fern wie der Mond. Würde er aufbegehren, brächte es nur Unglück über die Familie, welche auf Kuba immer noch einen anderen Zusammenhalt hat als in Europa. Sie ist gerade in den ländlichen Regionen so fest in die soziale Kontrolle der Nachbarschaft eingezwängt, dass ein Ausscheren eine Isolation der Eltern und eine Gefährdung des Erreichten nach sich zöge. Also begnügt er sich mit seiner Rolle als Mädchenschwarm.

Ziemlich tranquilo verläuft in Baracoa denn auch das Wochenendbesäufnis zweier Hundertschaften gelangweilter Jugendlicher auf der schwach beleuchteten und von den Hurrikans arg ramponierten Strandpromenade, dem Malecón. Auch als auf einmal ein schwerer alter Kipplaster sowjetischer Bauart sich langsam einen Weg durch die im Scheinwerferkegel nur langsam ausweichende und sich danach sofort wieder schließende Menge bahnt, bleibt alles ruhig. Nur für einen Augenblick blitzt eine unterschwellige Anspannung, ein kurzes Innehalten im allgemeinen Palaver auf und suggeriert eine vage Ahnung von dem, was passieren könnte, schlüge aus geringem Anlass die Stimmung plötzlich um. Wenn der Lkw beispielsweise einen Jugendlichen versehentlich anführe, könnte sich die allgemeine Unzufriedenheit, die zu spüren ist, plötzlich entladen. Diese Art von Versammlungen junger Menschen, die mit der Dose „Cristal“-Bier und der Rumflasche unter funzeligen Straßenlaternen abhängen, sind seit einiger Zeit landesweit in Mode. Und werden von der Polizei und dem Geheimdienst argwöhnisch beäugt. Vor allem in Havanna. Als es dort 1994 am Malecón zu einem Aufruhr unzufriedener junger Leute kam, vermochte ihn Fidel Castro persönlich allein durch sein Erscheinen zum Verstummen zu bringen. Aber Raúl ? Er verfügt nicht über dieses Charisma und diese Autorität, die andere kuschen ließe.

In einem schmutziggrauen Wohnblock eines in die Jahre gekommenen Plattenbauviertels im Westen von Havanna lebt Eloy Gutierrez Menoyo. Sein Wohnzimmer im fünften Stock liegt nur ein paar Kilometer von Fidel Castros Wohnsitz sowie jener abgeschirmten Klinik im feinen Diplomatenquartier Siboney entfernt, wo der Máximo Líder derzeit medizinisch betreut wird. Der hagere, schmächtige Mann mit dem schütteren Haar und der großen Brille ist nicht irgendwer. Zehn Jahre jünger als Fidel Castro, bekleidete er vor einem halben Jahrhundert mit Anfang 20 ebenfalls den Rang eines Comandante, als er Revolutionstruppen in Zentralkuba befehligte. Nachdem die Castro-Brüder sich dem Sowjetkommunismus zugewandt hatten, wandelte sich Gutierrez Menoyo zum Regimegegner. 22 Jahre verbrachte er bis Mitte der 80er Jahre wegen eines Umsturzversuchs im Gefängnis.

Jetzt sitzt er 72-jährig in seinem karg möblierten Wohnzimmer und kritisiert mit mächtig tönender Stimme, dass niemand im Lande protestiere, niemand sich beschwere. „Es gibt keine Protestkultur. Warum nicht? Weil der polizeiliche Unterdrückungsapparat das verhindert.“ Er scheint der einzige Oppositionelle zu sein, den Castro ernst genommen hat. Jedenfalls ist Gutierrez Menoyo der einzige Regimegegner, den Fidel Castro jemals empfangen hat. Immerhin drei Stunden lang, so versichert Menoyo, habe er mit Castro diskutiert und ihm seine Meinung gesagt. „Wir leben in einem System, das absolut zu nichts mehr taugt. Das Land ist dauerhaft zurückgeblieben“, schimpft er und fordert: „Die Jugend muss eine neue Revolution im Lande auslösen. Auf friedliche Weise natürlich.“ Aber wie? Über 70 Prozent der Menschen auf Kuba kamen nach dem 1. Januar 1959 auf die Welt. Sie kennen nichts als diese Revolution.

Die Regierung, sagt Menoyo, rede derzeit viel von „notwendigen“ Veränderungen. Um das Land zu verändern, müsse auch das vor über 40 Jahren über Kuba verhängte US-Embargo aufgehoben werden. Um der moralischen Glaubwürdigkeit willen sei es aber auch höchste Zeit, dass die kubanische Regierung das über ihr eigenes Land verhängte „Embargo“ bürgerlicher Freiheiten aufhebe und einen Übergang zu einer Demokratie einleite. Was sein Land jetzt brauche, sei „die Gewährung von Freiheiten“ wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit und die Zulassung beruflicher Selbstständigkeit.

Die Elite im Partei- und Staatsapparat in Havanna und den Provinzen gedenkt jedoch, die Macht fest in der Hand zu behalten. Was ihr angesichts einer zersplitterten, konzeptions- und führungslosen Opposition auch nicht schwer fällt. Wie in jenen Jahren nach dem Ende des Kommunismus in Osteuropa, als das kubanische Bruttosozialprodukt um 34 Prozent einbrach und die sogenannte „Periodo Especial“, die „Sonderperiode“, ausgerufen werden musste, in der Kuba über ein Jahrzehnt lang eine Art „Kriegswirtschaft in Friedenszeiten“ durchlebte, scheint Raúl Castro auch heute als der starke Mann. Als Kuba damals am politischen und wirtschaftlichen Abgrund stand, kommandierte er die einstmals stärkste lateinamerikanische Streitmacht in einer weltweit beispiellosen Aktion als Friedensarmee in die landwirtschaftliche Produktion ab. „Bohnen sind wichtiger als Kanonen“, lautete die von ihm ausgegebene Losung.

Das „Time-Magazine“ charakterisierte Fidel vor langer Zeit einmal als „das Herz“ der Revolution, Raúl indessen als deren „Faust“. Raúl hat dem Älteren seit dem Sieg der Revolution am 1. Januar 1959 als Verteidigungsminister stets den Rücken freigehalten und den Militär- und Sicherheitsapparat mit harter Hand geführt. Wenn es in den ersten Wochen und Monaten nach dem Sieg der Revolution um die Verhängung und Vollstreckung von Todesurteilen gegen die Folterer und Mörder ging, die dem Regime des gestürzten Diktators Fulgencio Batista gedient hatten, war Raúl, der den Spitznamen „Casquito“ (Stahlhelmchen) trug, skrupelloser als Fidel. Anfang 1959 soll er sogar persönlich bei Santiago de Cuba die Hinrichtung und das Verscharren einer Gruppe von 70 Personen befehligt haben.

Die Identifikation mit dem System scheint auch jetzt noch erstaunlich hoch. Die Ikonographen der Revolution haben es vor allem seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa verstanden, die Helden der Revolution, Fidel Castro und Che Guevara, in die Ahnenreihe der Freiheitskämpfer um den Schriftsteller und Nationalhelden José Martí zu integrieren. Der hatte die Kubaner in die letzte Phase ihres Bürgerkriegs gegen die Kolonialherren geführt, die 1898 die Unabhängigkeit von Spanien, zugleich aber die Abhängigkeit von den USA brachte. Daraus wurde Kuba schließlich von Fidel Castro befreit, der sich zeit seines Lebens als Erbe Martís stilisierte und für die Kubaner erstmals so etwas wie ein nationales Bewusstsein schuf. Heute hält ein sozialistisch ausgeformter Nationalismus und ein an den Befreiungskämpfern des 19. Jahrhunderts ausgerichteter Nationalstolz das Land zusammen. Die Freundschaft mit dem Sowjetkommunismus scheint nur noch in der Erinnerung der alten Garde, als Episode auf dem Weg in die völlige Unabhängigkeit, zu existieren.

Die Generation der nationalistischen „Fidelistas“ nimmt aber inzwischen – anders als früher – kaum noch ein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, über korrupte Funktionäre und Polizisten, über Schlendrian und Disziplinlosigkeiten zu schimpfen. Mehr denn je beklagen die Menschen landauf, landab den Mangel an Wohnungen, die miserablen Verkehrsmittel, nicht zu Ende geführte öffentliche Arbeiten, das Verschwinden von Waren auf dem Weg zum Verbraucher und deren Wiederauftauchen auf dem Schwarzmarkt, die steigenden Preise für Elektrizität, Fleisch und Gemüse.

Inzwischen hat sich das ganze Land unter der Oberfläche in einen blühenden Schwarzmarkt verwandelt, der sich aus dem Diebstahl öffentlichen Eigentums nährt. Das Bestehlen des Staates hat offenbar solche Ausmaße angenommen, dass Vizepräsident Carlos Lage die Spitzenfunktionäre von Staat und Partei dringend zu intensiveren Kontrollen aufforderte. Wörtlich sagte er: „Vorrangigstes Ziel eines Vorgesetzten muss sein, dass er nicht bestohlen wird.“ Den Experten um Raúl Castro schwant, dass das Schattenwirtschaftssystem nur eingedämmt werden kann, wenn es aus der Illegalität befreit wird. Das wäre zu schaffen, indem das kubanische Wirtschaftssystem dem chinesischen Modell folgend zu einer Art kommunistischem Kapitalismus umgebaut würde, das marktwirtschaftliche Spielräume zuließe. Bis dahin heißt es für die Bevölkerung jedoch weiter: warten und ausharren. Und auf die eigenen Kräfte bauen.

So wie jene resolute 20-Jährige in Banes im Osten der Insel, wo die afrokubanischen Kulte zu Hause sind. Wie sie eines schwülen Sommertages bestens gelaunt mit ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter auf der Veranda ihres alten Holzhauses sitzt und vorrechnet, dass keiner von ihnen genug zum Leben habe, meint sie schließlich lachend: „In der Karibik und in Lateinamerika heißt es über uns, wir Kubaner hätten nicht nur Humor, sondern wir seien auch Zauberer. Denn immer wieder vollbrächten wir Wunder mit dem wenigen, was uns zur Verfügung steht, um zu überleben.“



Der erste Teil der Inselreise erschien am 11. September.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.09.2008)
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