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Libanon

Grenze ohne Gesetze

Gestern hat die deutsche Regierung den Marineeinsatz verlängert, der den Waffenschmuggel in den Libanon verhindern soll. Die eigentlichen illegalen Transporte finden jedoch ganz woanders statt: in den Bergen an der syrischen Grenze. Und keiner tut etwas dagegen – weil alle davon profitieren
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Die Sonne wirft kurze, scharf gezeichnete Schatten auf den rissigen Asphalt von Majdel Anjar. Kaum etwas regt sich in dem mittagsstillen kleinen Ort im Nordosten des Libanons, dessen niedrige Wohnblocks wie auf das spröde Bergland gewürfelt wirken.

Da kommen drei Lastwagen dicht hintereinander von der Hauptstraße in den Ort gefahren. Auf ihren Ladeflächen stapeln sich Gasflaschen. Die schweren Wagen halten in einer Sackgasse, schnell tritt ein halbes Dutzend Männer heran. Mit ruckartigen Handgriffen heben sie die blauen Metallbehälter herab und laden sie auf Lieferwagen um. Danach verschwinden sie in einer Lagerhalle, schleppen Säcke mit Zement hervor und wuchten sie auf die Ladeflächen. Wenig später setzen sich die Wagen wieder in Bewegung. Es geht zurück ins Nachbarland, zurück nach Syrien.

30 000 Menschen leben in Majdel Anjar, die meisten vom Schmuggel. Es geht um Gas oder Diesel, beides ist in Syrien viel billiger als im Libanon, oder es geht um Zement. Oder auch um Waffen.

Geliefert wird, was gebraucht wird. Damit hat sich die Bergregion zwischen den beiden Staaten längst zu einem gewaltigen Sicherheitsrisiko entwickelt. Und die Sicherheitskräfte kümmern sich kaum darum – während der Schmuggel von der Seeseite her mit großem Engagement bekämpft wird. Am gestrigen Dienstag beschloss die deutsche Regierung, einen entsprechenden Bundeswehreinsatz bis Ende 2009 zu verlängern. Die bisherige Bilanz des seit 2006 laufenden Einsatzes weist indessen null festgestellte Waffenschmuggelversuche aus.

Auf einem Felsvorsprung oberhalb von Majdel Anjar steht ein sehniger, unauffälliger Mann Mitte 30 mit kurzem hellbraunem Bart. Im Staub auf der Erde vor ihm überlagern sich verschiedene Reifenspuren. „Dies ist der Beginn von einem der Schmugglerpfade“, sagt Abu Alaa, der so nicht wirklich heißt, seinen richtigen Namen will er aber nicht veröffentlicht haben; er hat selbst über zehn Jahre lang als Schmuggler gearbeitet. Er weist auf die Bergkette, die an der Ostseite des Dorfes aufragt. Im Flimmern am Horizont zeichnet sich der Grenzübergang Masnaa ab. Eine beigefarbene Dreckwolke weht hinter einem Pickup-Truck her, der rund hundert Meter daneben den Hang hinauffährt. „Da hat sich wieder einer auf den Weg gemacht“, sagt Abu Alaa. „Die Soldaten sehen das genauso deutlich wie wir und unternehmen trotzdem nichts.“

Welche Produkte genau die Schmuggler über die Grenze schaffen, richte sich immer danach, was im einen Land gerade billiger verkauft wird, meist Treibstoffe, Textilien und Elektrogeräte. So wird Diesel in Syrien subventioniert und fließt in erheblichen Mengen in den Libanon – teilweise sogar durch Pipelines, die unter den Bergen verlegt sind. „Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten: Wer gute Kontakte hat, kann seine Lieferungen direkt über den Grenzübergang bringen“, sagt Abu Alaa. „Alle anderen nutzen die Pfade über die Berge. Einige davon sind breit genug für Autos, auf anderen kommen nur Esel voran.“ Rund 200 Tiere laufen täglich über den Abschnitt vor Majdel Anjar hin und her, viele von ihnen ohne menschliche Begleitung: Der Weg ist ihnen so vertraut, dass sie ihn allein zurücklegen.

Die rund 250 Kilometer lange Grenze folgt im Groben den Gipfeln des Antilibanongebirges. 1920 hat die damalige französische Kolonialmacht die Trennlinie gezogen. Doch bis heute gibt es weder Zäune noch Grenzpfosten, über weite Strecken ist nicht einmal klar, wo der eine Staat endet und der andere beginnt. So gilt die Bekaa-Ebene, das Hochplateau am Ostrand des Libanon, als Zone der Gesetzlosigkeit. Polizei und Armee können Orte wie Majdel Anjar in der Regel nur betreten, nachdem sie sich die Genehmigung der Bewohner eingeholt haben.

Der nördliche Teil der Region steht unter Kontrolle der mächtigen schiitischen Hisbollah-Bewegung. Wenige Kilometer hinter Majdel Anjar tauchen ihre gelben Banner immer häufiger auf. Der Iran stattet die Organisation mit Waffen aus; über Syrien gelangen die Lieferungen in die libanesische Bekaa-Ebene. Vor allem seit dem 34-Tage-Krieg im Sommer 2006 zwischen Israel und der Hisbollah verlangen die Vereinten Nationen eine Sicherung der Grenze, um die ungebremste Aufrüstung der Extremisten zu stoppen. Wenig ist seither geschehen: Einem Bericht der UN zufolge, der Ende August veröffentlicht wurde, haben beide Seiten keinerlei Anstrengungen unternommen, gegen den Schmuggel vorzugehen.

Abu Alaa steigt in seinen Chevrolet und stampft aufs Gaspedal. „Die Geschäfte laufen, weil alle davon profitieren“, sagt er. „An der Grenze sind alle Ebenen geschmiert, vom Soldaten bis zum Befehlshaber. Die Generäle kassieren jeden Monat 5000 Dollar – dafür lassen sie die Lieferungen durch, ohne Fragen zu stellen.“ Er fährt runter in den Ort. Von den Balkonen der Häuser, die die Straße säumen, hängen schwarze Fahnen, ihr Stoff bläht sich träge im Wind. „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet“, steht auf ihnen geschrieben.

Mit einer angedeuteten Geste bittet Abu Alaa in sein Haus. In einer Ecke seines Wohnzimmers lehnt ein halbes Dutzend Kalaschnikows an der Wand. Sprengsätze und Munition sind sorgsam in der Vitrine aufgestellt. Der 34-Jährige setzt sich auf das Sofa neben dem Fenster und erzählt in kurzen, nüchternen Sätzen seine eigene Geschichte.

Majdel Anjar ist im Libanon bekannt. Von hier aus reisen künftige Attentäter in den Irak. Meist seien es junge Libanesen gewesen, hin und wieder Palästinenser, die sich dort Al-Qaida-nahen Zellen anschließen wollten, sagt Abu Alaa. Er selbst begann direkt nach dem Einmarsch der Amerikaner im Jahre 2003, Waffen in den Irak zu schaffen und auch Kämpfer. Er ließ sich nur die Fahrtkosten erstatten und verlangte keinen Lohn – er tat das aus Überzeugung.

Draußen liegt das zerklüftete Bergland wie unter einer Glocke aus Hitze. Irgendwo dort haben sie ihn erwischt, als er vor vier Jahren von einer Fahrt nach Bagdad zurückkehrte. Elf Monate saß er danach im Gefängnis. Er hatte zu spät erkannt, dass sich in Damaskus die politischen Vorzeichen geändert hatten: Direkt nach dem US-Einmarsch ließ Syrien die ausländischen Kämpfer zwar noch passieren, doch das änderte sich dann. Experten in Damaskus vermuten, dass der Staat die Gefahr für seine eigene Sicherheit erkannte: Einige der Extremisten kehrten nämlich aus dem Irak zurück und drohten, ihre Waffen gegen das säkulare Regime in Damaskus zu richten. Der Waffenschmuggel in den Libanon laufe jedoch weiter reibungslos, sagt Abu Alaa: „Mir ist kein Schmuggler bekannt, der je an der Grenze aufgehalten worden wäre.“

Abu Alaa ist einer der erfahrensten Kämpfer in Majdel Anjar. Als die Gefechte ausbrachen, begann er umgehend, das militärische Training der jungen Männer im Dorf zu intensivieren. Alle Gruppen, sagt er, rüsten derzeit massiv auf, um der Hisbollah besser gewachsen zu sein.

Sie haben alles, was dazu nötig wäre.

Aus dem Zentrum von Majdel Anjar ragt eine gewaltige, schmucklose Moschee mit flaschengrün gestrichenem Kuppeldach. Die Minarette sind mit Lautsprechern ausgestattet, die den Gebetsruf dröhnend über die flachen Dächer tragen. Als der Gottesdienst endet, löst sich ein untersetzter Mann mit gerötetem Gesicht aus der Menge der Gläubigen. Er stellt sich als Dawoud Shamaa vor, doch auch er hat sich den Namen nur ausgedacht.

Dawoud Shamaa ist 44 Jahre alt. Er zog 2006 in den Krieg im Irak. Shamaa ist kein trainierter Kämpfer. Sein Ziel war, sich als Selbstmordattentäter in die Luft zu sprengen. Er ist einer der wenigen, die zurückgekehrt sind.

Sein Haus liegt nur wenige Straßen von der Moschee entfernt. Ein Regal voller golden bedruckter Bücher bedeckt die Längsseite seines Wohnzimmers. Seine Frau bringt Fruchtsaft und Pistazien auf einem Silbertablett. „Ein Freund von mir sagte: ,Lass uns losziehen und Geschichte schreiben, anstatt zu Hause zu bleiben und Nachrichten zu schauen‘“, erzählt er. Also schlossen die beiden sich Abu Mussab al-Sarkawi an, dem Al-Qaida-Führer im Irak. Doch Sarkawi wurde getötet, bevor Shamaa als Attentäter zum Einsatz kam.

Heute arbeitet er an der Universität von Beirut, dort lehrt er Politikwissenschaften. Nur am Wochenende ist er in seinem Heimatort Majdel Anjar. Dann aber nutzt er die Gelegenheit, sein Gehalt aufzubessern: „Ich schmuggle Diesel und verdiene damit an einem Tag mehr als in einem ganzen Monat als Universitätsprofessor.“

Dann spricht Dawoud Shamaa vom westlichen Kolonialismus in der arabischen Welt und der Pflicht eines jeden Muslims, Gottes Willen auf Erden zu verwirklichen. „Im Koran steht geschrieben: ,Greift sie so an, wie sie euch angreifen‘“, sagt er. „Im Grunde genommen hat die Hisbollah uns einen Gefallen getan, als sie die sunnitischen Viertel von Beirut angegriffen hat. Denn damit zwingen sie die Sunniten zur Reaktion, sie bringen sie dazu, mehr Gewehre zu kaufen und treiben sie in den Extremismus.“

Dann kramt er aus einer Schublade ein Foto hervor, lächelt zufrieden und sagt: „Das Bild wurde vor wenigen Wochen aufgenommen, während der Beerdigung eines Kämpfers aus Majdel Anjar, der im Irak getötet worden ist.“ Eine grüne Flagge umhüllt den Sarg, ringsum drängen sich junge Männer. Jeder von ihnen reckt ein Sturmgewehr in die Luft.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.09.2008)
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Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von zardoz zardoz ist gerade offline | 10.9.2008 10:34 Uhr
Ein Mandat ...
ohne Wirkung. Wie immer, dürfen die Militärs nur beobachten, nicht eingreifen. Ob Libanon oder Darfour, immer dasselbe Spiel. Keine Befugnisse, etwas mit Waffengewalt zu unterbinden. Wozu dann Soldaten ?? Rausgeschmissenes Geld.

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