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Deutsche Teilung

Liebe ohne Grenzen

Sie im Osten, er im Westen – Helga und Wolfgang Aue führten eine Ehe über die Mauer hinweg. Nach dem 9. November stand dann erst recht nichts mehr zwischen ihnen. Es ist eine Geschichte, wie es sie so nur einmal gibt
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Geteilte Freude. Helga und Wolfgang Aue in den Zeiten ihrer erzwungenen Trennung und wieder vereint; das große Bild ganz oben zeigt die Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße in Berlin. Fotos: privat (3), dpa dpa
Sie sitzt im falschen Film neben dem falschen Mann, und sie sieht nichts. Vorne laufen ungarische Generäle über die Leinwand, aber andauernd schieben sich Köpfe vor ihre neugierigen müden Augen, Köpfe von großen Leuten, die vor ihr platziert worden sind hier im Kino Babylon inmitten von Berlins zernarbter Mitte, hier in der Abendvorstellung des 16. Juni 1954, in die sie hineingeraten ist, weil ihre Verabredung sie hat stehen lassen vor dem Rathaus Pankow, ihr erstes Rendezvous überhaupt, ein älterer Mann, den sie in einer U-Bahn so nett gefunden hatte, dass sie wegen ihm ihr hübsches Tweed- Kostüm trägt und die braune Baskenmütze, die sie schützt, als sie wartet vor dem Rathaus und wartet und wartet und an die Litfaßsäule starrt, ein ungarischer Geschichtsfilm im Babylon, liest sie und denkt an ihre Großmutter, die in Ungarn geboren ist, das lenkt ab, bis sie einsehen muss, dass ihr Rendezvous mit jeder leise verrinnenden Minute lauter zerplatzt, das beschämt sie so, dass sie sich nicht nach Hause traut, das kurze Stück zurück in die Wollankstraße, wo die Mutter wartet auf der Ostseite der geteilten Bürgersteige, an denen noch Pferdewagen fahren, dort in der Wohnung sitzt die Mutter, die Kindergärtnerin werden wollte, sich aber die Ausbildung nicht leisten konnte, und die sich freut, dass nun die Tochter diesen Traum lebt, aber heute Abend nach dieser Blamage will die junge Kindergärtnerin nicht heim und sich behüten lassen, sie will was erleben, da fährt sie eben allein ins Kino zu ihren ungarischen Wurzeln, sie nimmt die U-Bahn, die oben fährt über der Schönhauser Allee, eine Logenkarte gibt es noch im Babylon, aber was heißt schon Loge, wenn man hier hinten sitzt auf einem Stuhl neben dem Gang und vor sich große Köpfe hat?

Vielleicht sollte ich in den Gang rücken, denkt sie, etwas näher ran an den Mann da drüben, der kaum größer ist und auch den Hals reckt, sie hat ihn schon gesehen, als er im Programm blätterte, obwohl das Licht schon funzelte, Mann, ist der blöd, der sieht doch nichts!, flüstert sie sich in dem Moment zu, vielleicht ahnt er das, weil er sie kurz anschaut und sagt: „Eigentlich soll man nicht vorher das Programm lesen.“ Er legt es also zur Seite und lässt sich überraschen. Von ihr.

Helga Aue hat sich eine Kette umgelegt und Frühstück gemacht. Ihre Augen lachen, als sie sich beim Schmieren einer Ostschrippe an die Abendvorstellung vor 55 Jahren erinnert, die ihr Leben veränderte. „Es war ein schöner Film“, weiß sie noch, aber worum es ging, ist das so wichtig? Denn vor der Leinwand, ganz hinten in der Loge, da ist alles passiert. Eine Geschichte, die es so nur einmal gibt.

Sie rückt mit ihrem Stuhl auf den Gang, als er plötzlich „Au!“ ruft, weil er von drüben auch in die Gasse zwischen die großen Köpfe gerückt ist. Sie hat seinen Finger eingeklemmt mit ihrem Stuhl und sagt „Entschuldigung“ und blickt ihn das erste Mal richtig an und sieht sein schönes schwarzes Haar im Funzellicht, und so lässt sie sich in den Mantel helfen nach der Vorstellung und begleiten nach Pankow, sie laufen die Schönhauser Allee hoch in den Norden zur geteilten Straße, und sie betrachtet ihn und denkt, er hat so schöne blaue Augen, und sie reden miteinander und sie denkt, er kann so toll erzählen. Er lädt sie noch ein, aber sie trinkt keinen Alkohol, sie ist erst 17, und nachdem sie sich verabredet haben für ein nächstes Mal, fährt er zu sich nach Spandau, auch im Norden von Berlin, aber im Westen.

Mindestens sechs Zufälle braucht es, um sich zu verlieben. So schreibt es der tschechische Romancier Milan Kundera in seinem Buch über die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und die Schwere, die auf den Menschen östlich der Wollankstraße liegt, jene Leute, die das Besondere im Privaten suchen, vielleicht genau deshalb.

Helga und Wolfgang sind sich auch zu-zu-zu-zu-zu-zu-fällig im Babylon begegnet. Von nun an laufen sie gemeinsam durch die Stadt, die zwei ist und doch noch irgendwie eins, schon weil das Geld auf allen Seiten fehlt, auch ihm, denn einen Betrieb besitzt er gar nicht, wie er noch beim ersten Mal gemeint hatte behaupten zu müssen. Sie lässt sich von ihm zum Eis einladen, ihre Blusen kauft sie sich selber, denn schon Oma hatte gesagt: Von einem Mann lässt man sich nichts schenken. Oma bleibt skeptisch, weil Helgas neuer Freund gern ausgeht und sowieso viel älter ist. Wolfgang ist Kaufmann, er kann Englisch und Französisch und lässt sich von keinem was erzählen und von keinem unter den Tisch trinken. Er ist schon 31, als sie volljährig wird, nach dem Abi war er noch im Krieg.

All das erzählt er ihr, wenn sie von Pankow nach Schöneberg laufen durch die zernarbte Stadt, in der sie nach der Arbeit im Kindergarten Steine klopft, um eine Wohnung zugelost zu bekommen, die zupackende, auch mal vorlaute Helga. Sie ist froh, nicht mit einem dieser Jungen zusammen zu sein, die schon beim Buff in die Seite zusammenzucken, sondern mit einem Mann, der Bockwurst isst und ins Theater geht. Sie picknicken an der Havel, als Einzige, weil es noch zu kalt ist, so sehr wärmen sie sich schon. Und er beginnt ihr Briefe und Karten zu schreiben jeden Tag, „mit herzlicher Empfehlung an Deine Eltern“.

Er wohnt mit Mutter und Schwester zusammen, oft ist er unterwegs: Koffer packen, auf Messen fahren, handeln mit seltenen Gütern, mit Eisenröhren und sowjetischer Genehmigung über die Zonengrenzen, das ist seine Welt, so kommt er an Geld. Jeder lebt also sein Leben, und rückblickend will Helga nicht ausschließen, „dass er vorher mehrere Bräute hatte, aber keine Kinder nebenbei“, wie sie keineswegs nebenbei betont.

„Sie sind schwanger“, sagt der Frauenarzt. „Ich bin nicht schwanger“, antwortet sie, aber längst ist es passiert, weil sie damals nicht weiß, wie man das machen kann: keine Kinder kriegen. Sie sagt es ihm mitten auf der Wollankstraße, und er zögert keine Sekunde, sie zu küssen und im Kreis zu drehen. Als sie wieder stehen, sagt sie ihm: „Bevor du nicht richtig arbeiten gehst, heirate ich dich nicht.“ Kurz darauf schuftet der feingeistige Luftikus in einer Eisengießerei. Bald aber nennt er sich wieder Exportkaufmann und ist mit dem hellen Schweinslederkoffer unterwegs, bald kriegt sie ein zweites Kind, und als das erste in die Schule kommt, dürfen sie eine Wohnung beziehen in Pankow. Sie sind längst verheiratet, aber Nacht für Nacht soll er verschwinden, wo er hergekommen ist, nach West-Berlin, die Gesetze schreiben das mittlerweile vor. Manchmal hält er sich dran, läuft vor Mitternacht los durch die Stadt, in die schon heimlich Mauersteine geschafft werden. Oft bleibt er auch, selbst wenn die Nachbarn tuscheln und ihm eine Fahne geben zum Raushängen am Republikgeburtstag. Ohne ein Wort schmeißt er sie weg.

„Es ist Sonntag – scheinbar ein Sonntag wie jeder andere. Ich drehe verschlafen meinen Kopf zur Seite und blicke auf den gleichmäßig atmenden Wolfgang. Ich will aufstehen, nach den Kindern sehen, Wolfgang murmelt träge, und ich stelle das Radio an. Die Sonne scheint, sie dringt schwül in unsere kleine Wohnung. Doch auf einmal ist das alles vollkommen egal, denn wir hören diese Stimme aus dem Radio und die letzten Worte lähmen unsere Gedanken, hallen in unseren Ohren: Friedliebende West-Berliner mit gültigem Personalausweis dürfen an folgenden Grenzübergängen die Grenze passieren … Gebannt sitzen wir im Bett, eng umschlungen, wartend. Schon kurz danach werden unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Für den einen Teil unserer Familie, der im Osten lebt, ist von nun an der Zugang in den Westteil der Stadt verwehrt.“

Helga Aue hat die Geschichte vor ein paar Jahren so erzählt, ganz privat ihrer Enkelin Katja. Die hat sie aufgeschrieben für einen Schülerwettbewerb: Kinder fragen ihre Großeltern nach dem Mauerbau. Der Text wurde 40 Jahre nach dem 13. August 1961 im Tagesspiegel veröffentlicht, und nur deshalb ist es so, dass Helga überhaupt noch mal reden will über das, was ihre Ehe trennen sollte, aber doch nicht konnte. Obwohl sie im Osten blieb für immer. Und Wolfgang im Westen.

„Wir gehen in die Wohnung meiner Mutter, die uns Mittag macht, aber die Kinder sind die Einzigen, die mit Appetit essen. Stumm sitzen wir da, blicken uns verstohlen an, bis Wolfgang plötzlich aufsteht und sagt, er müsse unter Leute. Wir wissen, dass er in sein Stammlokal fahren wird, um zu diskutieren – was tun; und wenn es nur Reden ist. Weg von den schweigenden traurigen Frauen, denkt er sicher, doch ich kann nicht über eine Politik debattieren, die darüber bestimmt, was aus mir und meinen Kindern wird.“

Katja, die Enkelin, die das festgehalten hat und inzwischen von Pankow hinaus nach München gezogen ist, sagt heute: „Vielleicht sind sie ja deshalb so lange zusammengeblieben.“ Deshalb: Das ist die Mauer mitten durch die Wollankstraße.

„Als er wiederkommt, sieht er geschafft und sehr müde aus. Er weiß, dass er heute Nacht auf jeden Fall zurück muss, und ich weiß, dass ich auf jeden Fall hierbleiben werde. Er verabschiedet sich von den Kindern, und mir fällt auf, wie er angestrengt versucht, so zu wirken, als wäre alles ganz normal und das Wiedersehen am nächsten Tag die sicherste Sache der Welt. In dem Moment bin ich ihm dafür so unheimlich dankbar und kann meine eigene Unsicherheit vergessen. Das hält eine ganze Weile an … bis er mich zum Abschied küsst … bis die Tür hinter ihm zufällt … bis seine Schritte im Treppenhaus verstummen. Und dann bin ich allein mit den Kindern. Ich erzähle ihnen, dass der Vati vielleicht für eine Weile verreisen muss.“

Die DDR will die Scheidung. Helga lehnt ab. Die DDR lässt Wolfgang nicht mehr einreisen. Sie geht zu ihrem Ende der Wollankstraße und schaut hinauf zum S-Bahnhof, der auf seiner Seite liegt, über den geteilten Bürgersteigen, das sind jetzt ihre Verabredungen. Die DDR errichtet eine Sichtsperre. Ihnen bleiben Briefe. Oft schreibt sie ihm das, was die Kinder ihr sagen: „Lieber Vati, sag den Polizisten, ob Du wieder zu uns darfst und bei uns schlafen kannst.“ Sie muss weinen und sich trösten mit dem Gedanken, dass es Fernfahrer und Seemänner gibt und deren Frauen das aushalten. Sie verguckt sich mal in einen anderen; was Wolfgang drüben macht in der Zwischenzeit, in der Weihnachten um Weihnachten vergeht, das weiß sie lieber nicht.

Eine Fernbeziehung nennt man das heute wohl, jeder hat seine Freiheiten, jeder lebt in seiner Welt mit seiner Familie, seinen Freunden, seinem Beruf, aber ganz ohne den anderen geht es nicht, schon gar nicht nur in Gedanken. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viele Jahre so traurig sein kann und trotzdem gut weiterlebe“, sagt Helga heute. Und dann schreibt er zurück: Ich komme zur Leipziger Messe. Drei Jahre sind vergangen. Sie verabreden sich, und es wird ein ähnlich aufregender Anfang wie im Babylon.

Die Messen in Leipzig – ab 1964, zweimal im Jahr. Die gemeinsamen Urlaube in Ungarn – ab 1967, einmal im Jahr. Seine Besuche in Ost-Berlin – zunächst mit westdeutschem Pass, ab 1971 mit Passierschein, mehrmals in der Woche. Abends gehen sie in eine Kneipe nach Rosenthal ganz oben im Norden vom Berliner Osten, aber immer ohne Übernachtung, das gibt manchmal Streit. So spielen sie Familie und Freiheit gleichzeitig. Ist das Liebe?

Helga Aue, die diese Liebe nun schon seit sieben Stunden zu erklären versucht und dabei vom Kaffee und den Ostschrippen zum Rotwein übergegangen ist, steht auf und wühlt im Plattenregal. Sie holt eine Scheibe hervor, legt sie auf den Spieler, den er ihr einst mitbrachte, es knistert, und dann singt ein Chor das Lied der Berge, „La Montanara“, ganz schwer. Und sie erzählt: „Immer, wenn er diese Platte auflegte, blieb er danach länger weg.“ Kumpels in Salzburg warteten auf sein Fernweh, „dass er eine Freundin haben könnte, daran hab ich nie gedacht“. Wolfgang liebte eben das Leben, und dafür liebte sie ihn. Ihre Augen leuchten wieder, als sie schwärmt von den Spaziergängen durch Buda- und durch -Pest, von den Fahrten zum Balaton. Von Jahr zu Jahr werden die Kinder erwachsener und verstehen immer mehr, dass gerade das Schwere das Leben besonders macht.

Kehlkopfkrebs. Diese seine Diagnose ändert alles. Es ist schon 1985, manches ist einfacher geworden, darum beantragt er, in ein Krankenhaus zu dürfen in jener Stadt Berlin, in der seine Frau wohnt, denn im anderen Berlin kann sie ihn ja nicht besuchen. Er rückt ein nach Buch ins Klinikum und reißt ein paarmal aus aus seinem engen Zimmer, weil sie plötzlich die Freiere ist. Die Ärzte sorgen sich um ihn auch nach der Operation, geben ihm Atteste über die „Notwendigkeit ambulanter Nachuntersuchungen“ – das heißt, dass er im Osten bleiben darf, bleiben soll. Seine Aufenthaltsgenehmigung wird verlängert, wieder und wieder, er zieht bei ihr ein, die Kinder sind aus dem Haus, und zuweilen stützt sie ihn bei einem Spaziergang, so dass sie Arm in Arm laufen und er sie fragt: „Jetzt bist du glücklich, oder?“ Und sie antwortet: „Ja.“

Als die Ärzte, die ihre Liebe verstehen, in Rente gehen, können sie keine Atteste mehr schreiben. Das Ende ist abzusehen, die Ausreiseregelung droht abzulaufen. Termin: Dezember 1989.

Wolfgang hat Geburtstag am 9. November, im Jahr 1989 wird er 67. Die Kinder sind gerade auf West-Besuch – sie haben sich eine Genehmigung geben lassen für eine Reise zu seinem Geburtstag. Im Chaos der untergehenden DDR ist niemandem aufgefallen, dass der Jubilar bei seiner Frau geblieben ist und mit ihr in ihrer gemeinsamen Lieblingskneipe sitzt in Rosenthal im äußersten Nordosten, dicht an der Mauer, die sie schon lange nicht mehr trennt, die es nie konnte. Als sie hören, dass alles vorbei ist, stoßen sie an und schlendern nach Hause wie damals nach ihrem zu-zu-zu-zu-zu-zu-fälligen Kennenlernen, ganz langsam. Vor dem Fernseher singt sie die Nationalhymne, er sitzt daneben mit großen Augen. Als auch an der Wollankstraße wieder zwei eins sein darf, macht sie rüber. Zu ihm.

Sie spazieren durchs ganze Berlin und reden und reden, sie machen Urlaub in Budapest und in Salzburg, sie ziehen zusammen in seine Neuköllner Wohnung und machen doch jeder ihr eigenes Ding – als er plötzlich nicht mehr ans Telefon geht zur verabredeten Zeit, ist sie gerade im Erzgebirge bei Verwandten. Sie beerdigt ihn im Januar 2002 in Pankow auf dem großen Friedhof, auf dem auch ihre Mutter ruht, dem Friedhof, der früher direkt an die Mauer grenzte und der heute einfach nur im Norden liegt. „Alle Tage ist kein Sonntag“, sagt Helga Aue heute und lacht nicht nur mit den Augen, sie stellt ihr Glas ab und lacht so sehr, dass ihre Kette wackelt. „Ich hatte ein schönes Leben.“

Heute am 9. November wäre er 87 geworden. 20 Jahre nach dem Mauerfall. 48 Jahre nach dem Mauerbau. 55 Jahre nach dem falschen Film neben dem richtigen Mann. Helga wird Wolfgang heute mit einer Flasche Piccolo besuchen. Einen Schluck auf dich, einen auf mich. Und einen auf uns.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.11.2009)
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