Der Luftschlag auf zwei von Taliban entführte Tanklaster in Afghanistan – wie wird er heute gesehen?
Der Ton ist anders, das Auftreten ist anders und die Linie ist es auch. Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich nicht gerade gewünscht, seine erste Pressekonferenz als Verteidigungsminister mit einem derart heiklen Thema wie dem umstrittenen Bombardement von zwei Tanklastern in Kundus bestreiten zu müssen. Auf der anderen Seite: Besser als bei diesem Anlass hätte gar nicht deutlich werden können, dass der Neue wirklich frischen Wind in den Bendler-Block hineinbringt. Offen distanziert sich Guttenberg nicht von seinem Vorgänger Franz Josef Jung, und er beteuert auch, dass er keinen Zweifel an der Einschätzung von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan habe. Aber neben ihm stand nicht der Vier-Sterne-General, der auf Dienstreise war, sondern dessen Vize Johann-Georg Dora.
Zu welchem Ergebnis kommt Guttenberg?
Das Urteil, das Guttenberg über das Verhalten des Obersten Georg Klein und seiner Soldaten abgibt, unterscheidet sich im Endergebnis nicht von dem Jungs und Schneiderhans. In Abwägung des „gesamten Bedrohungshintergrunds“ an jenem 4. September sei es „militärisch angemessen“ gewesen, die von Taliban entführten Tanklastzüge zu bombardieren. Doch der neue Minister räumt ein, was der alte nie so aussprechen wollte: Es habe „Verfahrensfehler“ gegeben bei Anwendung der Einsatzregeln der Afghanistan-Schutztruppe Isaf, und es habe offenbar zivile Opfer gegeben. Er persönlich gehe jedenfalls davon aus, sagt Guttenberg und versichert zugleich, dass er jedes dieser zivilen Opfer „von Herzen und zutiefst bedauere“. Gleichwohl komme er zu dem Schluss: „Selbst wenn es keine Verfahrensfehler gegeben hätte, hätte es zu dem Luftschlag kommen müssen.“
Wie Guttenberg zu diesem Schluss kommt, sagt er nicht – denn, leider, die Berichte, auf deren Basis er urteilt, seien nun mal geheim. Und die Nato habe sich auch nicht bereit erklärt, den „Geheim“- Stempel zu löschen – „ich hätte es mir anders gewünscht“. Eine Ausnahme von der Geheimnistuerei macht der Minister dann aber doch. Dass die entführten zwei Tanklaster sich in der Nacht auf einer Sandbank im Kundus-Fluss festgefahren hatten, ist schließlich bekannt. „Jetzt kann man zu dem Schluss kommen, dass die Tanklaster noch zwei Tage festgesteckt hätten“, sagt Guttenberg. Denkbar sei aber auch gewesen, dass sie in den nächsten fünf Minuten wieder flott gewesen wären. Dass es schon Anschläge gegeben hat, bei denen Taliban solche Tanklaster als rollende Bombe eingesetzt haben, ist bekannt. Oberst Klein, der in sehr kurzer Zeit entscheiden musste, habe aus seiner Wahrnehmung der Gefahrenlage heraus gehandelt – und im Ergebnis eben „militärisch angemessen“.
Ist die Angelegenheit damit erledigt?
Die Opposition mag sich dieser Darstellung so noch nicht anschließen. Vor der Presse hat Guttenberg am Freitag die Verteidigungsobleute der Fraktionen in Vertretung ihrer Fraktionschefs unterrichtet. Zwar loben Beteiligte danach ausdrücklich dieses Gespräch – Guttenberg habe alle Fragen beantwortet und sei präzise über den Nato-Bericht im Bilde gewesen – „der hat nicht nur die Zwischenüberschriften gelesen, sondern auch den Text“, sagt ein Teilnehmer. Doch könne man, sagt etwa der Grünen-Wehrexperte Omri Nouripour, die Regelverstöße unter Oberst Kleins Kommando nicht zur Lappalie erklären: „Das würde ja bedeuten, dass die Regeln unwichtig sind.“ Auch Guttenbergs Hinweis darauf, dass diese Regeln teilweise „widersprüchlich, verwirrend und auch veraltet“ seien, rechtfertige nicht den Verstoß dagegen. Der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold sieht sogar einen Grundsatzkonflikt heraufziehen. „Wenn er glaubt, in Afghanistan ist der Abwurf von schweren Bomben auf große Menschenmassen zu rechtfertigen, dann kann die Sozialdemokratie da nicht mehr mitgehen“, sagt Arnold. „Das ist nicht gerechtfertigt und nicht angemessen.“ SPD und Grüne rügen überdies die Geheimhaltung: So erfreulich es sei, dass Fehler zugegeben würden – das ersetze nicht eine offene Debatte darüber. „Die kann man aber nicht auf der Grundlage von Geheimpapieren führen“, kritisiert Nouripour.
Zumal, hätte er anfügen können, andere mit den angeblichen Geheimnissen sehr viel lockerer umgehen. Egon Ramms, deutscher General, aber als Kommandeur des Nato-Hauptquartiers in Brunssum dem Bündnis unterstellt, sagt offen, was am 4. September in Kundus falsch gelaufen ist: Die Bomber-Piloten, die Klein zur Luftunterstützung angefordert hatte, hätten ausdrücklich darum gebeten, vor dem Bombardement im Tiefflug über den Schauplatz donnern zu dürfen. Das ist das übliche Vorgehen, um Unbeteiligte in die Flucht zu treiben. Doch Klein hatte abgelehnt. Wie viele Zivilisten starben, als die F-15 ihre Bomben ausklinkten und die zwei Tanklastzüge in die Luft jagten, ist bis heute unklar – 17 bis 142 nennt der Nato-Bericht.
So etwas, sagt der Grüne Nouripour, dürfe nicht mehr passieren. Die neue Direktive des Isaf-Oberkommandierenden Stanley McChrystal, nach der zivile Opfer zu vermeiden seien, müsse „das oberste Gebot“ gerade auch des deutschen Afghanistan-Einsatzes sein. Tatsächlich gelobt die Bundeswehrführung Besserung: Man habe schon damit angefangen, die Ausbildung zu verbessern, berichtet General Dora; die Überarbeitung des Regelwerks werde national wie international jetzt zügig beginnen.
Was droht Oberst Klein?
Ob die Regelverstöße für Oberst Klein noch Folgen haben werden, ist offen. Mit einem Disziplinarverfahren muss er nach Guttenbergs Aussage nicht rechnen. Ob er vor ein Strafgericht kommt und wenn ja, welches, ist seit Freitag offener denn je. Denn die sächsische Generalstaatsanwaltschaft in Dresden hat am gleichen Tag die Bundesanwaltschaft um Klärung der Frage gebeten, ob der Luftschlag in Kundus rechtlich womöglich unter das Kriegsvölkerrecht fällt. „In Afghanistan könnte ein bewaffneter Konflikt im Sinne des Völkerstrafgesetzbuchs vorliegen“, erklärte die Dresdner Anklagebehörde. Guttenberg fand den Gedanken ersichtlich gut: Er würde, sagte der Neue, von einem „nichtinternationalen bewaffneten Konflikt“ in Teilen Afghanistans sprechen.
Tatsächlich würde es für die Bundeswehr und den Minister eine erhebliche Erleichterung bedeuten, wenn sich die deutsche Justiz dieser Sicht anschließen würde. Zwar setzt das Völkerstrafrecht militärischem Vorgehen ebenfalls Grenzen. Sie sind aber erheblich weiter gezogen, als wenn der Bombardierbefehl nach normalem Strafrecht beurteilt würde. Die Bundesanwaltschaft ließ denn auch schon wissen, dass sie jedenfalls aufgrund der öffentlich zugänglichen Quellen keine Anhaltspunkte für ein Kriegsverbrechen sehe.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.11.2009)
Kommentare [ 18 ] Kommentar hinzufügen »
meint
hansholst
Olli
Fakt ist, ich möchte mich unter den jetzigen Bedingungen nicht für das deutsche Volk in Afghanistan einsetzen müssen - schon gar nicht als verantwortlicher Offizier...
Sie möchten jedoch wie stets, selbst noch im Ungefähren richtig liegen, "man kann es vielleicht auch so sehen".
Wieviel vielleicht denn?
Den, den Sie da ohne eigene Kenntnis unter der Rubrik "Neuling" einordnen, hat sich im Übrigen professionell von zu vielen Vielleichts verabschiedet.
Ganz im Gegensatz zu den alten, meißt nichtssagenden Hasen der Zunft.
- das entnehme ich aktuell der ARD - der "Wehrexperte" vergaß wohl hinzuzufügen: "... aber nur, wenn wir nicht mehr in der Regierung sind."
Und Dank an "Ekki" für seine Abschussgenehmigung für Zivilisten - warum diese vor Ort waren, da konnte man sogar in anderen Blättern was nachlesen
Aber ich glaube, das mit den regelwidrigen, geheimen Operationen wird nihct funktionieren. In My Lai in Vietnam hat man auch versucht, das regelwidrige Töten von 500 Zivilisten militärisch zu vertuschen. 18 Monate hat es gedauert, dann kam die Wahrheit raus. Auch über Kundus werden wir die Wahrheit erfahren, dann wird es keinen Platz mehr geben für Vertuscher von der NATO oder Herrn Guttenberg.
"Guttenberg: Zu den Details kann ich nichts sagen, diese sind von der Nato als geheim eingestuft."
"Guttenberg: Ich versuche, in diesem Amt eine klare Sprache zu finden und ein Höchstmaß an Transparenz an den Tag zu legen."
http://www.sueddeutsche.de/,tt3l1/politik/305/493650/text/
Gut, halten wir fest, dass Guttenberg mit der NATO alles verheimlicht und das zynisch Transparenz nennt. Was war die militärische Lage?
Zwei gestohlene Tanklastwagen sitzen stundenlang auf der Sandbank fest. Zivilisten kommen und leeren die Tanks, um den Sprit zu Hause zu verwenden. Keiner von denen hat deutsche Soldaten angegriffen, keiner von den Opfern wurde gewarnt vor der Bombardierung. Beides war militärisch vorgeschrieben. Das wissen wir auch trotz Guttenbergs Verheimlichungsversuchen, die er zynisch Transparenz und klare Sprache nennt.
Guttenberg definiert die Lage nun so, dass wenn man die Tanker flott bekommen hätte, und man die Zivilisten dazu hätte bewegen können, den Sprit zurückzufüllen, dann hätte theoretisch die Möglichkeit bestanden, dass vielleicht damit ein Angriff ausgeführt werden könnte. So wie Taliban argumentieren könnten, dass die in Deutschland gelagerten Atomwaffen der USA theoretisch auch gegen den Iran verwendet werden könnten.
Guttenberg meint nun, dass diese Art von Präventionskrieg normaler Operationsmodus der Bundeswehr sei, wie er von den USA im Irak an den Tag gelegt wurde. Das aber ist eine fundamentale Änderung der deutschen Militärdoktrin. Bei den USA hat diese Militärdoktrin dazu geführt, dass weltweit alle Botschaften der USA streng militärisch bewacht werden wegen der möglichen Reaktionen auf die willkürlichen Präventionsschläge.
Diese Militarisierung und Radikalisierung sind die Konsequenzen von geheimen Militäroperationen wie in My Lai oder Kundus. "Bürger in Uniform"
sie sehen es aus der ex ante sicht, mit allen informationen, die uns jetzt vorliegen.
entweder sind wir bereit, dort mit militärischen mitteln vor zu gehen, oder wir sollten dortr raus, aber ratz fatz.
diese militäroperationen auf polizeiniveau können und werden nicht klappen.
und mein lieber jandark:
ist ihnen vielleicht schon einmal der gedanke gekommen, dass die nato in dem bereich über aufklärer und agenten verfügt, die informationen in der fraglichen nacht weitergegeben haben?
diese informationen können nicht preisgegeben werden, das sollte doch wohl klar sein.
an die natoberichte kommen jedoch alle möglichen nationen ran, ich denke daher nicht, dass irgendetwas vertuscht werden kann.
nur:
man muss selbst bei einem fehler die taliban mit informationsherausgaben auch noch stärken, so etwas ist auf kleinerer flamme zu regeln.
Mir sind schon viele Gedanken gekommen, aber selten habe ich mich darauf verlassen, dass Leute, denen man Kriegsverbrechen an Zivilisten nachsagt, sagen, dass alles das, was sie gemacht haben, super geheim ist und sie nichts zu ihrer Entlastung verraten dürften.
Der von der NATO verhängte Geheimschutz macht die Täter nur noch verdächtiger. Bewegungsunfähige Tanklaster, deren explosive Ladung durch Zivilisten gelöscht wird, eignen sich nicht für Angriffe auf deutsche Soldaten, die nicht mal in der Nähe sind, um angegriffen werden zu können. Da nützen auch keine Halluzinationen geheimer Zuträger.
Mit solch einer abstrusen Logik wäre jeder Angriff von Taliban auf deutsche Städte legitim, in denen US-Atomwaffen gelagert werden, die theoretisch auch zum Auslöschen der Taliban verwendet werden können.
Die Wahrheit dagegen ist, dass wir den Krieg in Afghanistan seit 2001 verloren haben und uns nicht zu einer ehrenvollen Kapitulation trauen, wie 1918. Statt zu kapitulieren in einem Krieg, den wir nicht gewinnen können, töten wir statt dessen Zivilisten und halluzinieren nicht bestehende Gefahren. So reiht sich dann Kriegsverbrechen an Kriegsverbrechen bis uns die Afghanen schändlich verjagen, so wie sie die Russen, die Briten, die Perser, die Makedonier unter Alexander und alle anderen Gutmenschen verjagt haben, die sie mit militärischer Gewalt zu einem anderen Lebensstil überzeugen wollten.
Der eigentlich Kollateralschaden dabei für uns ist, dass das Märchen vom "Bürger in Uniform" geplatzt ist. Den toten Zivilisten ist es egal, ob Söldner von Blackwater in Falludscha, GIs in My Lai oder Bundeswehrbeamte ihnen rechtswidrig (in Guttenberg-Deutsch: regelwidrig) das Leben verkürzen. Und unsere Soldaten stehen mit Blackwater, GIs udn Russen in einer Reihe.
"Israel muss in den Vereinten Nationen eine herbe Niederlage einstecken: Gegen den heftigen Widerstand der Regierung in Jerusalem nahm die UN-Vollversammlung den sogenannten Goldstone-Report über israelische und palästinensische Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen im Gaza- Konflikt an. Die UN zählten 114 Ja- Stimmen gegen 18 Nein-Stimmen bei 44 Enthaltungen. Neben Israel lehnten auch Deutschland und die USA eine Annahme des Dokuments ab."
http://www.tagesspiegel.de/politik/international/nahost/Gaza-Krieg-Israel-Nahost;art2662,2943386
Das ist die real. existierende Transparenz, von der Herr Guttenberg sprach. Regeln werden nicht eingehalten, Völkerrecht gebrochen, auf die Verhältnismäßigkeit unserer Verfassung verzichtet.
In My Lai tötet unser NATO-Partner USA 500 Zivilisten.
In Kandahar halfen wir unserem NATO-Partner USA einen Staudamm zu bombardieren in der Operation Enduring Freedom.
In Falludscha engagiert unser NATO-Partner USA Blackwater, bei denen auch ehemalige Bundeswehrsoldaten arbeiten, die von unseren Steuergeldern trainiert wurden, die dann in Falludscha für die große Sache des Westens zahlreich Zivilisten töten.
In Serbien hilft unsere Bundeswehr unserem NATO-Partner USA Brücken, Kraftwerke, Wasserwerke, Tracks von Traktoren mit Bauern und die chinesische Botschaft zu bombardieren.
Angela Merkel sorgt dafür, dass der Einsatz unserer Truppen in Afghanistan im Wahlkampf nicht diskutiert wird.
Wenn unsere Truppen große Mengen Zivilisten ohne Vorwarnung und ohne Grund tötet, sprechen wir von "Regelverletzungen", über die wir nicht öffentlich sprechen wollen, weil die Guttenbergsche "Transparenz" in bester SED-Dialektik Geheimhaltung vorsieht.
Weder unsere Bürger wollen in überaus großer Mehrheit diese "regelwidrigen" Einsätze, die als Landesverteidigung kaschiert werden, noch erobern wir mit diesen globalen rechtswidrigen Kreuzzügen die Herzen der Mitbürger dieser Welt.
Jeder, der sich schon mal mit Guerillakampf befasst hat, weiss, dass diese Kämpfer nicht immer in einer Uniform herumlaufen.
Der Oberst konnte machen was er will, es war immer falsch...
MAKSAS