Der Berliner Publizist Henryk M. Broder will an die Spitze des Zentralrats der Juden. Wie wahrscheinlich ist seine Wahl zum Präsidenten?
Seit drei Jahren ist Charlotte Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München. Am Donnerstag hat der Publizist Henryk M. Broder im Tagesspiegel angekündigt, sie im kommenden Jahr ablösen zu wollen. Broder hat in Büchern über die jüdische Kultur, das deutsch-jüdische Verhältnis, über Antisemitismus und Antiamerikanismus geschrieben. Er ist Mitbetreiber des publizistischen Netzwerks „Die Achse des Guten“. Die Reaktionen auf seine Ankündigung sind sehr unterschiedlich. Dass er gewählt wird, gilt derzeit als eher unwahrscheinlich.
Warum wirft Henryk M. Broder „seine Kippa in den Ring“, wie er es nennt?
Der umstrittene Publizist begründet seine Absicht, kandidieren zu wollen, mit dem „erbärmlichen Zustand“ des Zentralrats. Die amtierende Präsidentin „scheint von dem Job überfordert“, schreibt Broder. Das Gremium sei bedeutungslos geworden, seine Stellungnahmen würden „kaum noch wahrgenommen, weil sie inflationär zu allem und jedem“ abgegeben würden. Auch sei die Ausrichtung des Zentralrats als „Frühwarnsystem gegen politischen Extremismus und andere aufziehende Gefahren“ falsch. Dies bringe nichts. Stattdessen brauche es eine „aktive Politik im Dienste der Menschenrechte ohne politische Rücksichtnahme auf wirtschaftliche Interessen“. Darauf wolle er seinen Schwerpunkt legen, würde er gewählt. Auch wolle er sich um „gute Beziehungen zu den in Deutschland lebenden Moslems bemühen“.
Was ist der Zentralrat der Juden?
Das Gremium ist die oberste politische Vertretung der 23 jüdischen Landesverbände mit 107 Gemeinden und 120 000 Mitgliedern; es vereint orthodoxe, konservative und liberale Juden. Aufgabe des Zentralrats ist es auch, die Gemeinden bei ihren religiösen und kulturellen Aufgaben zu unterstützen, bei der Integration eingewanderter Juden aus der ehemaligen Sowjetunion zu helfen und neue Gemeinden aufzubauen. Zudem will der Zentralrat die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden fördern. Das Verhältnis der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zur Bundesrepublik wird in einem Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat und der Bundesregierung geregelt. Der Zentralrat wird jährlich mit fünf Millionen Euro von der Bundesregierung unterstützt, die er an die Landesverbände weiterleitet.
Welche Bedeutung hat der Präsident?
Er gilt als oberste moralische Instanz in Deutschland. Das macht das Amt so schwierig. Wer ist schon unfehlbar und könnte glaubhaft Moralapostel sein? Die Präsidenten Heinz Galinski, Ignatz Bubis und Paul Spiegel hatten den Holocaust überlebt. Das reichte als Legitimation. Auch Charlotte Knobloch ist in der Zeit des Holocaust aufgewachsen. In der moralischen Überhöhung des Amtes drücke sich die Sehnsucht der Deutschen nach dem „guten Juden“ aus, nach dem „Koscher-Stempel“, der Entscheidungen, Äußerungen und Verhaltensweisen „absegnen“ soll, drückte es der Schriftsteller Rafael Seligmann aus. Es könne nicht Aufgabe des Gremiums sein, „sich als das gute Gewissen Deutschlands aufzuführen“, kritisierte Henryk M. Broder.
Wann und wie wird der Präsident gewählt?
Der Zentralrat hat drei Organe: Ratsversammlung (Gemeindevertretung), Direktorium (Vertretung der Landesverbände und Großgemeinden), Präsidium (Exekutive). Das Präsidium wird alle vier Jahre gewählt, das nächste Mal im Mai 2010. Seine neun Mitglieder bestimmen den Präsidenten und zwei Vizepräsidenten. Um für das Amt kandidieren zu können, muss man dem Parlament oder dem Vorstand einer jüdischen Gemeinde in Deutschland angehören. Broder sagte, es gebe zwei Gemeinden, die ihn unterstützen würden. In vielen Gemeinden muss man längere Zeit Mitglied gewesen sein, bevor man sich um einen Posten bewirbt.
Wer würde Broder unterstützen?
Der Historiker Michael Wolffsohn zum Beispiel. Broders Kurs wäre „die richtige Linie“. „Wenn wir hier leben wollen, dann müssen wir als jüdische Gemeinschaft ein neues Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft finden“, sagte Wolffsohn. Der Zentralrat müsse durch intellektuelle Argumente überzeugen und nicht wie jetzt durch Alarmismus und Einschüchterung. Wolffsohn teilt Broders Kritik, die jetzige Präsidentin Knobloch sei überfordert. Er ist kürzlich aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde München zurückgetreten, der Knobloch vorsteht.
Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin und selbst Mitglied im Präsidium des Zentralrats, findet, es wäre eine „spannende Sache“, würde Broder für das Amt kandidieren. Er sei ein „angenehmer Gesprächspartner“. „Ich würde ihn sogar selbst ins Direktorium des Zentralrats wählen, weil er die Diskussion sicherlich beleben würde“, sagte Süsskind. Sie glaubt aber nicht, dass er eine Chance habe. Für dieses Amt sei doch mehr Ernsthaftigkeit gefragt. „Henryk Broder ist für den Zentralrat, was Gabriele Pauli für die CSU war“, sagte der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik.
Wer hätte etwas gegen seine Kandidatur?
Dieter Graumann, Vizechef des Zentralrats, würde Broder für eine „grandiose Fehlbesetzung“ als Präsident des Gremiums halten. In diesem Amt müsse man Menschen zusammenführen können, nicht polarisieren. Seligmann findet, Broder gebärde sich mit seiner Ankündigung, kandidieren zu wollen, wie ein „Hofnarr“. Die Hauptaufgabe des Zentralrats sei es, sich um die Belange der Juden und der jüdischen Gemeinden in Deutschland zu kümmern. Darin habe Broder keinerlei Erfahrung.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.10.2009)
Kommentare [ 28 ] Kommentar hinzufügen »
Das weiß natürlich auch der Broder. Doch die Zentrale hat er ordentlich aufgescheucht.
Tabulos offen ist er, die Meute erreicht er damit nimmer. Trotzdem, sein Angebot ehrt ihn.
Er gilt als oberste moralische Instanz in Deutschland."
Knapp (ja gut, das lässt auch viele Informationen liegen), prägnant, vergleichsweise neutral.
Ich glaube aber, das "Spiel" besser nachvollziehen zu können.
Naja, "Tagesspiegel" halt!
Nicht der Zentralrat ist der Auffassung, er sei die oberste moralische Instanz. Diese Rolle wird von außen zugewiesen.
Damit zur allgemeinen Freude umzugehen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Unter diesem informellen Label agieren zu müssen, dürfte der Obamaschen Freude am Friedensnobelpreis ähneln.
„Er gilt als oberste moralische Instanz in Deutschland.“ (Claudia Keller)
Mit dem Wort „gelten“ ergibt sich in der angewendeten Form – einfach gesagt – von selbst, dass das Satz-Subjekt einer „Fremddefinition“ unterliegt, einer von außen kommenden Bestimmung:
[2] intransitiv: wert sein, einen bestimmten Wert haben
[3] mit "als" oder "für": einen bestimmten Ruf haben, angesehen werden als
(http://de.wiktionary.org/wiki/gelten)
Daher irritiert mich Ihr kritischer Unterton gegenüber Frau Keller.
„Nicht der Zentralrat ist der Auffassung, er sei die oberste moralische Instanz. Diese Rolle wird von außen zugewiesen.“ („selberdenker“)
Ich als „Außenstehender“ unterstelle Ihnen allerdings, dass es wohl sehr, sehr gute Gründe für diese Ihre Präzisierung geben könnte. Eine „liegengelassene Information“?
Ansonsten möchte ich Ihnen grundsätzlich meine Anerkennung für all Ihre Beiträge in der Diskussion aussprechen, die Broders Kandidatur betreffen. Form, Stil und inhaltliche Bestimmtheit provozieren mich auch, von meiner üblichen Zurückhaltung bei der Smiley-Vergabe abzurücken. Ich mache hiermit für diese meine Maßnahme allein Sie verantwortlich.
;-)))
In diesem konkreten Fall schien mir, angesichts der gewählten Formulierungen das unabwendbar, was dann auch passiert ist: Dadurch, dass sie nicht geschrieben hat, wem der Zentralrat als oberste moralische Instanz gilt, würde ihr diese Bewertung zugerechnet werden.
Mir übrigens gilt der Zentralrat auch als eine moralische Instanz, insofern er sich nicht nur um die eigenen Belange kümmert, sondern auch in der Lage ist, solidarisch auf Probleme anderer Minderheiten zu reagieren. Das heißt nun nicht, dass ich immer mit allen Aussagen einverstanden wäre.
Aber manchmal mag ich irren, manchmal der Zentralrat. Der sich kein Dogma von Unfehlbarkeit anmaßt (vgl. Kramers Entschuldigung für eine überzogene Kritik an Sarrazin).
Ansonsten: Danke für die Komplimente!
Ich kenne Herrn Broder nicht persönlich, aber es ist mir unheimlich, wie er das, was ich denke, in Worte fassen kann und mir aus der Seele spricht.
Leider wird ihm wohl der Posten versagt bleiben. Die Hardliner und Lobbyisten werden das zu verhindern wissen.
na , zum Glück gibt es diese Hardliner und Lobbyisten , die einen Hr, Broder in diesem Fall verhindern können.
Er spaltet zynisch und ist für so einen Posten ungeeignet, wie auch z.B. Hr. M. Friedmann ungeeignet wäre.
2. Reinickendorf ist meines Wissens keine Religionsgemeinschaft. Das mag für die Einwohner betrüblich sein, erklärt aber jedenfalls teilweise das erschreckende bundesweite Desinteresse an Reinickendorf.
3. Reinickendorf erhält soweit ich weiß, nicht täglich, auch anonyme, Briefe, die es anpöbeln, bedrohen und seine Vernichtung wünschen.
4. Was hindert den Reinickendorfer Bezirksbürgermeister, seinen Senf zu was auch immer hinzuzugeben?
5. Man muss Hardliner nicht mögen, ok. Rechnen Sie Herrn Broder den Softies zu?
6. Die Interessenvertretung der Religionsgemeinschaften sind eine Form des Lobbyismus. Wenn Sie die nicht grundsätzlich ablehnen, sondern Herrn Broder dort eine führende Rolle wünschen, dann haben stören Sie sich wohl an etwas anderem.
7. An was?
Natürlich böte es sich auch an, einen Zentralrat der Angler und einen Zentralrat der Busfahrer zu gründen. Die werden dann auch automatisch zur obersten moralischen Instanz.
Und?
als alles und abschließende Stellungnahme des Zentralrats der Juden in Deutschland "verkauft"?
Darauf kommt es an.
Keine Reaktion vom Präsidium. Kann sie nicht, will sie nicht, oder schlimmer: Darf sie nicht?
Das ist nun ein eher untypisches - mir gleichwohl sympathisches - Umgehen mit einer Entgleisung.
Und "verkauft" wird als Vokabel ja auch oftmals in der Nähe der Juden platziert. Jedenfalls von manchen.
Dieter Graumanns Meinung aber, Broder wäre als Präsident eine „grandiose Fehlbesetzung“, weil er polarisiere, kann ich nicht nachvollziehen, außer er versteht das Amt des Präsidenten so, dass dieser dem Mainstream hinterher hecheln müsse. Und dass Weichsspüler Seligmann mit Broder nicht "kann", ist sowieso kein Geheimnis.
als alles und abschließende Stellungnahme des Zentralrats der Juden in Deutschland "verkauft"?")
Vermutlich, weil die Journalisten einfach nur Herrn Kremer angerufen haben und es gar keine offizielle, allseits abgesprochene Stellungnahme des ZdJ gibt.
Wenn man sich die Homepage des ZdJ mal anguckt, sieht man schnell, dass es da gar kein Bedürfnis gibt, "zu allem seinen Senf dazuzugeben", wie es so oft feindselig heißt.
Es sind wohl eher Journalisten, die ihre Botschaften gern ein bisschen mit tollen zitierten O-Tönen untermauern möchten und deshalb bei ZdJ-Mitgliedern anrufen in der Erwartung, das Mitglied der "höchsten moralischen Instanz" (das sich selbst ganz sicher nicht so sieht!) möge das antworten, was sie in es "hineingefragt" haben.
Glücklicherweise fallen wir darauf nicht rein und sind zu 99,99% nicht antisemitisch.
Vielleicht gehört dann hinterher die ganze Welt zur Achse des Guten.
Manchmal ist das ja noch unterhaltsam, aner immer öfter nur peinlich
mog
Der ZdJ vertritt seine eigenen Interessen, so wie der BDI oder die Katholische Kirche.
Wie, um alles in der Welt, kommen Sie auf die Idee, dass der Präsident des ZdJ - egal jetzt mal wer es ist - als oberste moralische Instanz gilt?
Das mag ja für Sie vielleicht so sein, und für einige andere auch, bloß, dann schreiben Sie es doch auch so.
Ich bin bei gewissen Entscheidungen der Regierung Israel kritisch. Ich stelle aber niemals die Existenzrecht und die Verteidigungsrecht von Israel in Frage. Genauso bin ich bei extremistischen Tendenzen bei Palästinensern sehr kritisch, jedoch stelle ich, das Recht auf einen friedlichen Staat Palästina, neben Israel nie in Frage.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist mindestens auch für mich, eine moralische Instanz. Der Präsident oder die Präsidentin dieses Zentralrates gilt sehr wohl als oberste moralische Instanz. Der Kandidat für diese Stelle muss gewisse Qualitäten haben.
Wer diese Funktion ausübt muss in der Lage sein, unter seinen Mitgliedern, zu integrieren und zu vermitteln. Wer gern spaltet und polarisiert ist nicht geeignet. Wer den Holocaust relativieren möchte, damit die „ Mehrheitsgesellschaft“ die Juden mehr liebt, mehr duldet oder mehr akzeptiert, auch nicht!
Shalom
eleni001
Wahrscheinlich aber jemand, der sich von Fall zu Fall durch seine besondere Integrität dazu als geeignet erweist.
Aber ganz bestimmt kein/e Vorstzende/r/e einer Interessenvertretung!
Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist eine säkuläre Organisation. Er hat das Recht auf Meinungsäußerung und Gehör.
Aber er hat per Definition keine Richtlinienkompetenz.
Genau das aber schein Henryk M. Broder besser erkannt zu haben als Charlotte Knobloch. Insofern wäre seine Nachfolge in diesem Amt ein Fortschritt.
Reinhard Rupsch
Für mich stellt sich die Frage ...
warum wird die persönliche Meinung von Herrn Kremer
als alles und abschließende Stellungnahme des Zentralrats der Juden in Deutschland "verkauft"?
Darauf kommt es an.
Keine Reaktion vom Präsidium. Kann sie nicht, will sie nicht, oder schlimmer: Darf sie nicht?
Vielleicht liegt es daran, dass Juden keinen „Stellvertreter Gottes auf Erden“ brauchen????
Wie sieht es denn bei den Katholiken aus? Was der Papst verkündet, ist doch auch bindend, oder etwa nicht?
Sie brauchen sich nicht den Kopf zerlegen: Ich weiß, dass es bei Katholiken Ignoranten gibt, aber die gibt es auch bei den Juden.
Jeder Fanatismus ist hirnlos, besonders der religiöse. Wenn Juden, Christen und Moslems behaupten, es gäbe nur EINEN Gott, dann frage ich mich, weshalb sie Religionskriege führen. Sollte es nicht egal sein, wie man ihn ruft. Meine Kinder rufen mich auch anders als meine Nachbarn. Meine Freunde sprechen mich auch anders an als vollkommen Fremde, trotzdem bin ich die gleiche Person.
Warum gönnen Sie den Juden keinen Interessenverband, der die abschließende Meinung nach außen trägt? Juden können einen BRODER ertragen, während der Papst Widersacher mit dem Bann belegt.