Seit Tagen debattiert die Politik über die angeblich steigende Jugendgewalt. Wie straffällig sind Jugendliche wirklich? Und wie sieht die Entwicklung bei ausländischen Straftätern aus?
Stimmt der Eindruck, dass die Straftaten von Jugendlichen in den vergangenen Jahren zugenommen haben?
Nein. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) kommt zu einem anderen Ergebnis. Danach ist genau das Gegenteil richtig. Die Zahl tatverdächtiger Jugendlicher und Heranwachsender ist zwar bis 1998 angestiegen – auf rund 150 000 Kinder, 300 000 zwischen 14- und 18-Jährige und 240 000 Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren. Seitdem aber gibt es einen Rückgang. So ist die Zahl der tatverdächtigen Kinder bis Ende 2006 auf 100 000 gesunken, die der Jugendlichen auf 280 000. Bei den Heranwachsenden gab es kaum Veränderungen.
Trotz dieser insgesamt rückläufigen Tendenz wird Jugendkriminalität von Politik und Gesellschaft als besonders problematisch empfunden. Vor allem, weil Jugendliche überproportional häufig Straftaten begehen. Etwa zwölf Prozent aller Tatverdächtigen sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, während die Jugendlichen an der Bevölkerung nur einen Anteil von rund fünf Prozent haben. Besonders alarmierend wirkt, dass die Kriminalität insgesamt in den vergangenen zehn Jahren um 4,3 Prozent zurückgegangen ist, es bei der Gewaltkriminalität aber einen Anstieg um 15,6 Prozent gab – und 43 Prozent der Verdächtigen jünger als 21 Jahre sind.
Wie sieht die Entwicklung bei ausländischen Straftätern aus? Die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen insgesamt ist in den vergangenen Jahren gesunken, von 633 000 im Jahr 1997 (gleich 27,9 Prozent aller Tatverdächtigen), auf 503 000 im vorvergangenen Jahr (22 Prozent aller Tatverdächtigen). Vergleicht man den Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung – 8,8 Prozent –, sind diese in der Kriminalstatistik damit immer noch deutlich überrepräsentiert. Ein Vergleich mit der deutschen Bevölkerung bleibt aber schwierig. Denn zum Ausländeranteil in Deutschland zählen zum Beispiel Touristen und Illegale nicht, die in der Tatverdächtigenstatistik jedoch auftauchen.
Bemerkenswert sind drei weitere Entwicklungen. Während die Zahl der deutschen Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 21 Jahren von 389 000 im Jahr 1997 auf 429 000 Ende 2006 stieg, sank die Zahl der tatverdächtigen ausländischen Jugendlichen im gleichen Zeitraum von 129 000 auf 91 000. Außerdem finden sich unter den deutschen Tatverdächtigen mehr Kinder (4,7 Prozent), mehr Jugendliche (13,1 Prozent) und mehr Heranwachsende (11,1 Prozent) als unter den ausländischen, wo sich der Anteil der Kinder auf 3,5 Prozent beläuft, der Jugendlicher auf 9,1 Prozent und der Heranwachsender auf 9,0 Prozent. Und: Während es bezogen auf alle Deliktbereiche einen Kriminalitätsrückgang bei deutschen wie nichtdeutschen Kindern und Jugendlichen gibt, fällt er bei den Nichtdeutschen laut Kriminalstatistik stärker aus.
Einmal kriminell, immer kriminell?
Der Zweite Periodische Sicherheitsbericht der Bundesregierung vom November 2006 hält fest: Jugendkriminalität kommt in allen sozialen Schichten vor und ist als im statistischen Sinne „normales“ Phänomen zu bezeichnen. Ab einem Alter von zehn bis zwölf Jahren steigt die Quote der Tatverdächtigen. Mit 17 bis 18 Jahren erreicht sie ihren Höhepunkt, ab 20 sinkt sie. In der Regel gilt dabei erstens: je älter die Täter, desto schwerwiegender die Taten. Zweitens: Der Anteil weiblicher Tatverdächtiger schwankt zwischen 20 bis 32 Prozent, männliche Jugendliche begehen aber grundsätzlich sehr viel mehr Gewalttaten. Und drittens: Bei ausländischen Jugendlichen ist Körperverletzung mit 29,5 Prozent die häufigste Ermittlungsursache, vor Ladendiebstahl mit 22,9 Prozent. Bei Deutschen liegen diese beiden Delikte mit jeweils rund 23 Prozent gleichauf vor Sachbeschädigung mit 18,9 Prozent.
Aus dem kriminellen Verhalten junger Menschen könne dabei, wie der Bericht zeigt, nicht abgeleitet werden, dass sie „auch langfristig delinquent bleiben.“ Es gebe jedoch Wiederholungs- und Intensivtäter, die Politik und Justiz besonderes Kopfzerbrechen bereiten. Eine Studie des Bundesjustizministeriums aus dem Jahre 2004 bestätigt dies: Zwei Drittel aller Verurteilten werden nicht rückfällig. Am seltensten die wegen Mord und Totschlag Verurteilten – sowie diejenigen, die nur eine Geldstrafe aufgebrummt bekommen. Bemerkenswert mit Blick auf die Jugendkriminalität aber ist: Täter, die zu einer freiheitsentziehenden Jugendstrafe ohne Bewährung verurteilt wurden, werden besonders häufig rückfällig.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.01.2008)
Kommentare [ 25 ] Kommentar hinzufügen »
1. sind die Betroffenen keine Wähler (weil Jugendliche) und
2. werden sich auf jeden Fall mehr Wähler von Koch & Co. animieren lassen, ihr Kreus bei den "law & order"-Parteien zu machen, als umgekehrt
PS: Die Polizeistatistik erfasst Tatverdächtige, d.h. werden zu einer Straftat 10 Personen vernommen, erkennungsdienstlich behandelt usw., so tauchen alle 10 in der Statistik auf, obwohl es sich um 1 Delikt handelt. Sprich wenn die Zahlen in einem bestimmten Milieu steigen, heißt das nicht unbedingt, daß dort auch die Kriminalitätsrate gestiegen ist, sondern allenfalls, daß die Polizei, aus welchen Gründen auch immer, in diesem Milieu häufiger ermittelt hat.
Laut „Bild am Sonntag“ kommt die hessische CDU nur auf 42%.
Nach dieser Thematisierung für mich kein Wunder.
Das ist doch sehr einfach zu durchschauen.
Siehe die Kritik vom Altkanzler, Schröder:
Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund sind im vergangen Jahr um zehn Prozent angestiegen. "Ich habe Herrn Koch und Frau Merkel noch nie darüber reden gehört", rief er aus.
Das Problem ist, daß Koch etwas sehr richtiges in Wahlkampfzeiten zugespitzt formuliert hat. Im Kern hat er ja nichts unvernünftiges gesagt.
Das schreibt einer, der keine CDU wählt.
Trotz Fußballweltmeisterschaft und „Love-Parade“ lag 2006 die Gesamtfallzahl Berlins erstmals seit der Wiedervereinigung wieder unter 500.000 Straftaten und ist damit die
niedrigste Fallzahl der letzten 16 Jahre.
http://www.berlin.de/imperia/md/content/polizei/kriminalitaet/pks/pks_berlin_2006.pdf
Es geht um unsere Sicherheit, auf die wir gem. GG Art.2 (2) ein Grundrecht haben, dessen Gewährleistung uns dieser Staat schuldet, so lange Polizei und Justiz noch nicht privatisiert sind.
Zum Thema: Trotzdem ist es wichtig, annährend ein Bild zu haben vom empirischen Bestand und das geht nur über Statistik.
Tatverdächtige:
Kinder 2006 - 100 487, // 2005 - 103 124 -2 637 -2,6%
Jugendliche 2006 - 278 447, // 2005 - 284 450 -6 003 -2,1%
Heranwachsende 2006 - 241 824 // 2005 - 247 450 -5 626 -2,3%
Ich denke jetzt kann sich jeder ein Urteil selber bilden.
Ich sehe das genau so wie Sie und lehne auch eine Privatisierung von Polizei und Justiz ab.
man muss seine Statistiken selber fälschen und gleich interpretieren, sonst wird das nichts,
im aktuellen SPIEGEL steht eine Verlaufsstatistik (S.23), die beteiligten Altersgruppen betreffend.
Die könnte man so interpretieren:
Leute, ist alles nicht so schlimm, wir haben zwar mit jüngeren ein Problem, wenn die aber erstmal 30 sind, sind das alles brave Bürger.
Oder man könnte schließen,
wenn wir denen genügend Östrogene verpassen( oder die Testosterone abarbeiten lassen), haben wir das Problem gelöst.
Das ist doch alles Quatsch.
Das einzige, was wohl helfen würde (und da weiß ich nicht wie das zu bewerkstelligen wäre), wäre eine totale Dezentralisierung der Betroffenen.
Erst dann könnten die diversen sozialpädagogischen Programme erst richtig greifen.
Auch Kochs Camps sind völlig sinnlos.
Wenn die Kids nach Ableistung in ihr Sozialmilieu zurück kommen, stehen sie vor den gleichen Problemen wie vorher.
Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll...
Auch geht es mich überhaupt nichts an, was die in ihren Heimatländern so treiben,
Ein Gegenbeispiel wären da nämlich die Sprösslinge der Ostaussiedler:
Die waren meist zuhause ganz brave Söhnchen und rasten hier unter der Situation sozialer Isolierung erst richtig aus.
Es bleibt dabei:
Statistiken immer selbst fälschen
und dann auch noch das Interpretationsmonopol beanspruchen,
sonst geht gar nichts...
Es ist immer wieder schön, zu unterschiedlichsten Themen ab und an auf Kommentare derselben umfassend gebildeten Menschen zu stoßen.
http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/358/150981/
Was bringt es eigentlich, hier um Zahlen und deren Interpretation zu streiten?