Ab dem kommenden Montag soll sich auch in Berlin jeder gegendie Schweinegrippe impfen lassen können. Aber reicht der Impfstoff überhaupt?
Nachdem es bis vor kurzem relativ wenige Menschen gab, die sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen wollten, ist die Nachfrage jetzt deutlich gestiegen. „Wir führen keine Strichliste, aber gefühlt hat die Impfbereitschaft deutlich zugenommen“, sagt etwa Thomas Spieker, Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums. Aus seiner Sicht liegt das unter anderem an den aktuellen Berichten über teils schwere Verläufe der Schweinegrippe und neue Todesfälle.
Auch im Rest der Republik steigt die Nachfrage. Das Problem: Mancherorts wird der Impfstoff knapp. In Bayern, dem Bundesland mit der höchsten Zahl an bestätigten Fällen von Schweinegrippe (7477 von insgesamt 29 907), hätten etliche Praxen nicht genug Substanzen vorrätig, berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Es gebe erhebliche Probleme bei der Auslieferung, sagt Wolfgang Krombolz vom Bayerischen Hausärzteverband. Ärzte müssten Patienten oft wieder wegschicken.
Auch in Bonn müssen Impfwillige lange warten. „Für die kommende Woche haben uns die teilnehmenden Ärzte einen Bedarf von 12 000 Impfdosen gemeldet“, sagt Elke Palm, Sprecherin der Stadt Bonn. „Das Land Nordrhein-Westfalen liefert uns aber nur 6000 Einheiten.“ Die sollen zunächst dem medizinischen Personal und Hilfsorganisationen zugute kommen, um im Falle einer Grippewelle die Versorgung der Allgemeinheit sicherzustellen. Dann kommen chronisch Kranke an die Reihe. Die Allgemeinbevölkerung muss noch länger warten. „Es wurden teilweise Impftermine für die übernächste Woche vergeben, eher geht es nicht“, berichtet Palm. Vor drei Tagen war die Situation noch anders: „Chronisch Kranke haben Vorrang, aber auch vom Rest der Bevölkerung wird keiner weggeschickt, wenn er sich impfen lassen will“, hieß es aus dem Gesundheitsministerium. Ähnliche interne Vorgaben gab es beispielsweise auch in Schleswig-Holstein und Sachsen.
„Es kann sein, dass es hier und da zu vorübergehenden Engpässen kommt“, sagt jetzt ein Sprecher des Düsseldorfer Gesundheitsministeriums. Die Aktion laufe seit zwei Wochen, es müsse sich alles erst einspielen. „In Nordrhein-Westfalen ist der Impfstoff nicht knapp“, fügt er hinzu.
Thomas Spieker in Hannover sieht das anders: „Was wir bisher vom Hersteller bekommen haben, ist definitiv zu wenig, um die Impfbereitschaft zu befriedigen.“ 4,85 Millionen Dosen „Pandemrix“ will die Pharmafirma GlaxoSmithKline (GSK) in ihrem Dresdener Serumwerk für Niedersachsen produzieren. Dass die Gesamtmenge erfüllt wird, bezweifelt Spieker nicht. Nur sei der Umfang der wöchentlichen Lieferungen noch weit unter den Erwartungen. 388 000 Dosen kamen bisher an. „Im Spätsommer wurde uns für den jetzigen Zeitraum viermal so viel angekündigt, und selbst im Oktober waren es noch 50 Prozent mehr“, sagt Spieker. Eine systematische Pandemieplanung sei unter diesen Umständen „verdammt schwer“.
Grund für die geringen Liefermengen sind Probleme bei der Impfstoffproduktion. Um die benötigten Antigene zu gewinnen, müssen große Mengen an Schweinegrippeviren gezüchtet werden. Der Erfolg des Verfahrens hänge jedoch von vielen Faktoren ab, etwa der Temperatur, teilt GSK mit. Es werde zwar ständig an der Optimierung gearbeitet, doch es dauere, bis sich die Verbesserungen in erhöhten Impfstoffmengen zeigten. Von der Herstellung der Antigene über Abfüllung, Qualitätskontrollen bis zur Freigabe der jeweiligen Charge vergehen drei Monate. Ab Ende November werde die Liefermenge spürbar steigen, teilt die Firma mit. Bezogen auf den gegenwärtigen Engpass heißt es: „Derzeit liegen unsere lieferbaren Impfdosen unter der ursprünglich unter Vorbehalt kommunizierten Planungsmenge. Sie entsprachen aber dennoch stets den verbindlich zugesagten wöchentlichen Liefermengen an die Länder.“ Man gehe weiterhin davon aus, dass die insgesamt bestellte Menge bis zum ersten Quartal 2010 produziert und ausgeliefert sei.
Die Zeit drängt. Experten schätzen, dass die Zahl der Infektionen um den Jahreswechsel noch einmal deutlich ansteigt. Die Symptome wie Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen treten zwar auch bei den für die Jahreszeit typischen grippalen Infekten auf. Charakteristisch für die Schweinegrippe ist jedoch ein plötzlicher und heftiger Fieberschub zu Beginn der Krankheit.
Zur Behandlung sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts antivirale Medikamente wie Oseltamivir (Tamiflu) und Zanamivir (Relenza) geeignet. Selbst bei einer befürchteten Mutation des Virus H1N1 dürften die Arzneien wirksam sein. Das Gleiche erhofft man sich auch vom Impfstoff Pandemrix. Aufgrund der enthaltenen Wirkverstärker (Adjuvantien) werde der Immunschutz „verbreitert“, sagt Anke Helten von GSK. „Der Geimpfte entwickelt nicht nur Abwehrkräfte gegen das Virus, aus dem der Impfstoff gemacht wurde, sondern auch gegen Varianten davon.“
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.11.2009)
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ähnlich verhält es sich mit dem Genuss der Medien...