Jetzt wollen plötzlich alle die Welt vor der Klimakatastrophe retten. Eine große Hoffnung ist Treibstoff aus Zuckerrohr. Beispiel Brasilien: Ethanol boomt – und das könnte am Ende den Regenwald gefährden.
Von Ruedi Leuthold Die Revolution ist grün und schmeckt süß, Saccharum officinarum, und sie will den Planeten befreien vom Fluch des Öls und den Katastrophen der Klimaerwärmung. Die Revolution, Familie der Süßgräser, begünstigt vom Klima der Subtropen, wächst und wächst und verwandelt Sonnenenergie in Zucker, 142 Kilogramm pro Tonne Zuckerrohr. Daraus wird Treibstoff, Agroenergie nennt sich das, und ihre größten Anhänger sind überzeugt, sie werde ihren wichtigsten Produzenten auch von den unglücklichen Abhängigkeiten der Kolonialisierung befreien. Die Welt wünscht sich das Ende der Ölherrschaft, sie will den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bremsen und erneuerbare Energien fördern, Brasilien pflanzt Zuckerrohr, produziert Ethanol, es herrscht das Fieber der grünen Revolution.
Unterwegs nach Ribeirao Preto, 300 Kilometer nordwestlich von Sao Paulo, das größte Zuckerrohrfeld der Welt, 28 Destillerien, Zentrum der technologischen Innovationen, die uns vorwärtsbringen. Ein Gebiet, das schon das neue Kalifornien genannt wird, das saubere Energie produziert und sich zu nie gekannter Vorherrschaft aufschwingt.
Wir fahren in einem Gol, hergestellt von Volkswagen in Brasilien, den Tank voller Schnaps, 50 Liter, gewonnen aus einer halben Tonne Zuckerrohr. Jede Tankstelle in Brasilien muss an mindestens einer Zapfstelle Ethanol ausschenken. Der Liter in Sao Paolo kostete 1,20 Reais, ungefähr 43 Cent, halb so viel wie das Benzin. Wir verbrauchen acht Liter auf hundert Kilometer, während links und rechts die ersten Wellen des grünen Meeres an die Industrielandschaft von Sao Paulo schlagen, Autobahn Anhanguera, Richtung Ribeirao Preto. Mit der gleichen Menge Benzin kämen wir etwas weiter, aber dafür setzt unser Motor keine Kohlendioxide frei und verschont die Luft von schädlichen Bleiemissionen.
Wir könnten den Tank unseres Fahrzeugs ohne weiteres mit Benzin nachfüllen. Ein Sensor im Auspuff misst die Gase, die bei der Verbrennung entstehen und berechnet daraus die Mischung von Benzin und Ethanol im Tank, ein Chip passt die Ventile und Zündkerzen des Motors an. Volkswagen, Fiat und General Motors waren im Jahr 2003 die Ersten, die Fahrzeuge mit flexibler Technologie verkauften, Ford, Renault und Peugeot folgten, Honda und Toyota werden die Nächsten sein, 77 Prozent der verkauften Neuwagen in Brasilien verfügen über „Flexpower“, zwei Millionen Fahrzeuge, die nach dem Anstieg des Ölpreises fast ausschließlich Ethanol tanken; das Land ersetzt jetzt schon fast die Hälfte des Benzins durch Alkohol – in den USA, bislang noch größter Ethanolproduzent der Welt, sind es drei Prozent.
Die Brasilianer produzieren den Liter Alkohol zu 20 US-Cent. Das ist die Hälfte von dem, was die Amerikaner für ihre Ethanolproduktion mit Mais benötigen, ein Drittel von dem, was die Europäer ihr Zuckerrübenschnaps kostet.
Der Rohstoff ist billig und die Nachfrage nicht absehbar. Um den Ausstoß an Treibhausgasen zu verringern, fügen die Brasilianer ihrem Benzin bis zu 25 Prozent Ethanol hinzu. 140 andere Länder, die sich im Kyoto-Protokoll dem Klimaschutz verpflichtet haben, wollen in nächster Zeit ihrem Benzin zwischen drei und zehn Prozent Alkohol beimischen – ein riesiger Markt tut sich auf. In Brasilien fiebert und zuckt die Zuckerindustrie, die bis vor kurzem noch ein Symbol der wirtschaftlichen Rückständigkeit und politischen Erstarrung war, in die Moderne.
Zwischen zwölf und achtzehn Monaten braucht das Zuckerrohr, um die erste Reife zu erreichen, dann kann es in weiteren fünf Jahren jährlich geschlagen werden, bis sich seine Kraft erschöpft. Eine Bewässerung ist nicht vonnöten, das Klima fördert das Wachstum wie nirgendwo sonst. Der Most aus der Alkoholproduktion dient als Dünger, der Einsatz von Pestiziden ist geringer als bei Zitrusfrüchten, Soja oder Kaffee. Die Felder schlucken mehr Kohlendioxid, als ihr Destillat verursacht, sie verringern damit den Klimaeffekt, und wenn bei der Herstellung von Ethanol ein Liter Öl verloren geht, entsteht achtmal so viel an Energie aus nachwachsendem Rohstoff.
Und jetzt wächst das grüne Meer, es bedeckt Hügel und Täler, verdrängt Sojabohnen und Kakao, besetzt Rinderweiden, das Landwirtschaftsministerium meldet jährlich neue Rekordernten, 471 Millionen Tonnen im Jahr 2006, zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr, geerntet auf 6,2 Millionen Hektaren, Zuwachs fünf Prozent, dreißig neue Fabriken werden dieses Jahr eröffnet, die den Rohstoff zu Zucker oder Alkohol verarbeiten, hundert neue Fabriken bis ins Jahr 2010, Investitionen von zehn Milliarden Dollar alleine in diesem Jahr. Ströme von Schnaps fließen aus dem grünen Meer, 17 Milliarden Liter aus der letztjährigen Ernte, drei Milliarden für den Export in 41 Länder, und schon in diesem Jahr werden die Einnahmen aus dem Ethanolverkauf den Fleischexport übertreffen.
Goldgräberstimmung im Nordwesten von Sao Paulo, seit selbst der amerikanische Präsident die Abhängigkeit der USA vom Öl beklagt und Brasilien zum Vorbild in der Nutzung von erneuerbarer Energie ernannt hat. Bill Gates investiert in Ethanol, der Großinvestor George Soros hat für 200 Millionen Dollar eine Destillerie gekauft, die Gründer von Google besuchten die Region von Ribeirao Preto auf der Suche nach einem sinnvollen Einsatz für ihr Geld. Noch aber befindet sich der größte Teil der 350 Zuckerrohrfabriken in den Händen weniger einheimischer Familien.
Für eine Lösung der Energieprobleme kann sich die Welt aber nicht allein auf Biokraftstoffe verlassen. Um bis zum Jahr 2025 nur zehn Prozent des Benzins zu ersetzen, würden 205 Milliarden Liter Ethanol gebraucht. Brasilien kann, so hat die Universität von Campinas ausgerechnet, die Hälfte davon liefern, ohne ökologisch sensible Gebiete zu berühren.
Wir umfahren Ribeirao Preto, die aufstrebende Metropole im Innern des Staates Sao Paolo, höchste Lebensqualität im Land, seit es aufwärtsgeht mit dem Zucker. Vorbei an den grünen Stauden, die sich schwer im Wind wiegen, im Ohr die Stimme von Alfred Szwarc, Berater der Zuckerrohrindustrie, der in seinem Büro in Sao Paolo alle Einwände der Besucher mit einem Lächeln beiseitewischt.
– Monokultur?
– Aber es waren die Europäer, die uns die Monokultur gebracht haben, und sie selber kultivieren immer noch ihre großen Weizenfelder. Die USA haben ihren Mais, Australien und Argentinien wirtschaften mit Monokulturen, die Frage ist doch, ob die Monokulturen umweltverträglich sind. Und mit der neuen Gesetzgebung im Staat Sao Paulo, der die Produzenten zwingt, Flussufer zu schützen und gerodeten Wald wieder aufzuforsten, hat das Zuckerrohr eine bessere Ökobilanz als alle anderen Kulturen.
– Die Verdrängung von Kleinbauern?
– Brasilien bebaut 60,6 Millionen Hektar Agrarfläche und hat Reserven von 90 Millionen Hektar. Das Amazonasgebiet eignet sich nicht für den effizienten Anbau von Zuckerrohr, dort sind keine Projekte geplant. Dank neuer Technologien werden wir innerhalb von fünf Jahren in der Lage sein, die Produktion um 40 Prozent zu erhöhen, ohne einen zusätzlichen Hektar zu bepflanzen.
– Die Situation der Zuckerrohrschneider?
– Kein anderer verdient so gut wie ein Landarbeiter der Zuckerrohrindustrie im Staat Sao Paulo. Ich will nicht verschweigen, dass es Probleme gibt, unterbezahlte, schlecht behandelte Arbeiter, vor allem im Nordosten des Landes. Im entwickelten Südosten haben wir einen Konflikt zwischen Umweltschutz und Arbeit. Dort werden die Felder vorher verbrannt, das verschmutzt allerdings die Luft der Umgebung. Das Gesetz sieht vor, dass das Abbrennen der Felder innerhalb von 20 Jahren vollständig verboten ist. Bis dann wird das Zuckerrohr maschinell geerntet werden. Aber es liegt jetzt schon am Konsumenten, das Ethanol dort zu kaufen, wo soziale und ökologische Standards berücksichtigt werden.
– Gibt es einen Betrieb, der in jeder Hinsicht vorbildlich ist?
– Es gibt viele. Einer ist die Fabrik von Santa Elisa in Sertaozinho, 30 Kilometer von Ribeirao Preto entfernt.
Die Fabrik von Santa Elisa ist ein dampfendes, rauchendes, hämmerndes, stöhnendes Ungeheuer im eintönigen Land des Zuckers, umgeben von riesigen Tanks, behütet von uniformierten Sicherheitskräften. Die Mühle, 114 Meter lang, mahlt täglich 32 000 Tonnen Zuckerrohr, der Saft wird innerhalb von 12 Stunden in 40 000 Säcke Zucker (50 kg) und 1,5 Millionen Liter Alkohol verwandelt. Die zerstoßenen Fasern der Pflanze werden verbrannt und treiben eine Dampfmaschine an, die alle Energie herstellt, welche die Fabrik benötigt und zusätzlich 60 Megawatt ins lokale Stromnetz einspeist. Die Arbeit der Maschinen wird von Computern überwacht, man sieht fast keine Menschen, obwohl Santa Elisa 5000 Arbeiter beschäftigt. Die meisten von ihnen arbeiten auf dem Land. Sie werden mit firmeneigenen Bussen auf die Felder gebracht, Santa Elisa unterhält Kinderkrippen und hat ein eigenes Alphabetisierungsprogramm; die Firma lässt sich ihre sozialen und ökologischen Anstrengungen nach internationalem Maßstab zertifizieren.
Eine Gefahr für die Umwelt besteht allerdings: Der Zuckerrohranbau könnte langfristig doch andere Kulturen wie Soja und Rinderzucht verdrängen und damit den Druck vergrößern, das Regenwaldgebiet am Amazonas landwirtschaftlich zu nutzen. Ärmere Teilstaaten wie Minas Gerais und Mato Grosso haben kaum die Möglichkeit, den Cerrado, die Savannenlandschaft Zentralbrasiliens, wirksam zu schützen und die Überdüngung der Böden zu verhindern. Die Nahrungsmittelproduktion ist in Brasilien durch den Zuckerrohranbau nicht gefährdet, denn die Landreserven sind groß. Das ist dort anders, wo das Ethanol aus Mais produziert wird und wo sich die Agroindustrie durch bessere Preise versucht sehen mag, statt für den Magen für den Tank zu produzieren.
Wir fahren weiter in unserem Gol, über staubige Landstraßen, entlang unendlicher Zuckerrohrfelder, ihr Feld in der riesigen Fläche können die Besitzer nur noch mithilfe des Satelliten orten, mit uns Silvio Donizetti, Gewerkschaftssekretär der Landarbeiter in Ribeirao Preto. Und dann, von einem Augenblick auf den andern, befinden wir uns in der Hölle der Vergangenheit, wo das Zuckerrohr die Krankheit Brasiliens ist und nicht das Medikament.
Ein abgefackeltes Zuckerrohrfeld, auf dem nur die nackten, rußigen Stängel überlebt haben. Eine Schar dunkler, vermummter Gestalten, die in einem stummen Wettstreit Reihe für Reihe vorrückt und die Stauden mit einem langen Messer zu Boden schlägt, 900-mal die gleiche Bewegung in der Stunde, sie zu einem Haufen schichtet, dessen Länge am Ende des Tages gemessen wird, 150 bis 200 Meter, die Arbeiter werden nach Tonne bezahlt, wer fleißig und kräftig ist, bringt es auf drei, vier Minimallöhne im Monat, ein guter Verdienst, eine schreckliche Arbeit.
Auch Frauen befinden sich auf dem Feld, aber das entdecken wir erst später, die Menschen sind kaum zu erkennen unter den von Ruß und süßem Saft und Schweiß verklebten Gesichtern. Die Felder werden vor der Ernte angezündet, um das scharfkantige Blattwerk zu entfernen und den Schneidern die Arbeit zu erleichtern. Manchmal müssen die Gemeinden das Abfackeln verbieten, weil die Luft zu trocken ist und der Ruß aus den Zuckerrohrfeldern die Kinder der umgebenden Dörfer krank macht. Dann verdienen die Erntearbeiter weniger, weil sie nur langsam vorwärtskommen.
Aber das ist nur ein Anachronismus der Zuckerrohrernte. Es ist den Biotechnologen mit neuen Kreuzungen gelungen, den Zuckergehalt der Pflanze und deren Produktivität jährlich um zwei Prozent zu steigern. Mithilfe des Zuckergehalts wird auch der Preis des Zuckerrohrs bestimmt; je höher er ist, desto teurer kann der Besitzer die Ernte verkaufen. Nur enthält die Pflanze bei höherem Zuckergehalt weniger Wasser und verliert so an Gewicht; die Arbeiter, die pro Tonne bezahlt werden, verdienen weniger, statt am Mehrertrag zu profitieren.
Das erklärt uns Silvio Donizetti, der Gewerkschaftssekretär, mit traurigem Gesicht. Nein, sagt er, das Zuckerrohr ist nicht für den Menschen gemacht. Das Zuckerrohr ist die Hölle.
Die Krankheit Brasiliens begann im 16. Jahrhundert mit den portugiesischen Eroberern, die im Zuckerrohr ein Mittel fanden, die riesigen Gebiete zu verwalten. Die Großgrundbesitzer im Nordosten Brasiliens, vom König geschützt, wurden mit Sklaven beliefert und versorgten dafür das Imperium mit Zucker. Bis heute sind in dieser Region politische Macht und Großgrundbesitz eng verbunden, es herrscht das Prinzip der Ausbeutung und Gleichgültigkeit gegenüber den Arbeitskräften. Pernambuco und Alagoas, die ursprünglichen Zuckerrohranbaugebiete, zählen jetzt zu den ärmsten Gebieten der Welt. Die Produktionsanlagen sind veraltet, und wenn Berichte in den Zeitungen auftauchen über Zuckerrohrarbeiter, die unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten, dann kommen sie meistens aus dieser Region.
In Ribeirao Preto begannen italienische Einwanderer in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Anbau. In den 70er Jahren, nach der ersten Ölkrise, förderte die Militärregierung die Produktion von Alkoholtreibstoff, es entstand weltweit das größte Anbaugebiet von Zuckerrohr. Heute zählt der Sektor zu den modernsten und effizientesten der Welt.
Nur für die Arbeiter wurde nichts gemacht, sagt Silvio Donizetti, der Gewerkschaftsvertreter. Auch wenn einiges besser geworden ist. Zeit für das Mittagessen. Ein Minimallohn, wenn es regnet und niemand arbeiten kann. Keine Kinderarbeit. Geregelte Arbeitszeiten.
– Und warum, Silvio Donizetti, verteidigen Sie eine unmenschliche Arbeit, deren Mechanisierung kaum noch aufzuhalten ist?
– Diese Leute werden alle arbeitslos sein, wenn Erntemaschinen sie ersetzen. Es gibt keinen Sozialplan, keine andere Beschäftigung. Und die Regierung von Präsident Lula tut nichts.
In Brasilien setzt die Regierung darauf, dass sich die Zuckerrohrindustrie unter dem Druck der Konsumenten ihre eigenen ethischen und ökologischen Richtlinien zur Ethanolproduktion schafft. Nicht geäußert hat sie sich zu einem Szenario, das ebenfalls absehbar ist: Was geschieht, wenn der Ethanolexport plötzlich die Inlandversorgung gefährdet – auch sie ist von der raschen Entwicklung überrumpelt.
Ein Markt geht auf, in Brasilien herrscht der Zuckerrohrboom, noch gibt es keine Regeln und keine Sicherheit, und niemand kann sagen, ob das grüne Gold tatsächlich die Heilung Brasiliens ist. Oder immer noch die Krankheit.
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