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Sonntagsinterview

"Aspirin nehmen kann jeder"

Er weiß, wie man Kunstblut anmischt und ein Gesicht richtig grausam schminkt. Warum Guillermo del Toro nachts Monster verfolgen – und Harry Potter leiden sollte.
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Guillermo del Toro, mexikanischer Regisseur. - Foto: dpa
Herr del Toro, wir haben nachgerechnet: Sie dürften ungefähr bis 2017 ausgebucht sein.

Das kann nicht sein!

Doch. Sie gehen für drei Jahre nach Neuseeland, um „Die Hobbits“ zu verfilmen, danach stehen in Hollywood ein Remake von „Frankenstein“ sowie ein neuer Teil von „Hellboy“ an – und Ihre Vampirtrilogie erscheint auf dem Buchmarkt.

Ich werde nach Neuseeland fahren, ja, das ist sicher. Aber die Bücher sind fertig, und die anderen Projekte stehen nicht hundertprozentig fest, da kann sich noch viel tun.

Sie lehnen offenbar gerne Angebote ab, die für andere verlockend wären. Einen Harry-Potter-Film zum Beispiel, angeblich, weil Sie eine der drei Hauptfiguren töten wollten und nicht durften?

Ich bin ein Fan der Reihe, aber besonders die ersten Filme waren mir zu seicht. In den Büchern stellt Joanne K. Rowling Harry Potter in der Menschenwelt wie ein Waisenkind aus einem Dickens-Roman dar. In der Zauberei findet er dann einen Ausweg. Die Filme zeigen diesen Widerspruch viel zu niedlich. Seine Beziehung zu den Verwandten, die ihn nicht verstehen, sein Eintritt in die Welt der Zauberei, das ist visuell und schauspielerisch im gleichen Komödienrhythmus erzählt. Okay, das ist eine Möglichkeit, so eine Geschichte zu erzählen, aber eben nicht meine.

Was hätten Sie verändert?


Ich hätte eine stärkere Trennung von realer und magischer Welt eingeführt: Eine funktioniert als harte Realität, die andere als Rettungsanker. Und ich hätte, wie Sie schon sagten, auf jeden Fall einen der drei Helden sterben lassen. Mich langweilen diese Kindergeschichten, in denen keine der Hauptfiguren stirbt. Meine Töchter, sie sind neun und 13 Jahre, teilen meine Ansicht natürlich überhaupt nicht.

Die Produzenten kamen auf Sie zu, weil Sie als Experte für märchenhaften Horror gelten. Die „FAZ“ schrieb über Ihre Filme: „Seine Visionen sind, trotz aller Bizarrerie, zutiefst humanistisch.“

Ja, Monstern ein menschliches Gesicht zu geben, ist wichtig, damit man begreift, dass der Schrecken nie aus sich selbst, sondern immer aus dem Menschlichen erwächst.

Warum interessieren sich eigentlich die Menschen heute wieder so für Vampire?

Weil alles so unendlich langweilig geworden ist. Die Menschen haben total belanglose Träume und Wünsche. Sie wollen ein Star werden, ein neues Auto bekommen, tollen Sex haben und die Miete bezahlen können. Viel weiter reicht unsere Vorstellungskraft nicht. Im Gegensatz dazu wirken Vampire natürlich interessant.

Sind die Vampiren in den „Twilight“-Bestsellern von Stephenie Meyer auch interessant?

Nein, die nicht. Ich will lieber eine Geschichte hören über ein Mädchen, das hässlich ist, und einen Vampir, der verwest. Wenn ich von einer Geschichte höre, in der ein wunderhübsches Mädchen, noch dazu Jungfrau, einen toll aussehenden Vampir kennenlernt, dann steige ich aus. Die Tyrannei der Schönheit beherrscht bereits den Alltag. Da genügt es, sich eine Werbung von Calvin Klein anzuschauen. Warum soll ich das lesen oder verfilmen?

Welche Horrorszene der Filmgeschichte hätten Sie gerne verfilmt?

Mein Lieblingsfilm ist „Frankenstein“ von James Whale, aus dem Jahr 1931. Ein poetischer und beängstigender Film. In der Originalfassung gibt es eine Szene, in der Frankenstein Blumen ins Wasser wirft, dann hat er keine Blumen mehr und wirft das Mädchen hinterher. Man sieht nicht, wie er es tut, weil die Kamera nur ihn zeigt. Aber man weiß es und stellt sich die Szene im Kopf vor. Eine meisterhafte Leistung.

Und aus jüngerer Vergangenheit?

Ich mag den schwedischen Film „So finster die Nacht“. Wissen Sie, es gibt die Regel, dass Vampire nicht durch die Haustür hineingelangen, außer, wir fordern sie dazu auf. Und das Mädchen kommt in die Wohnung hinein, bricht die Regel, beginnt zu bluten und beweist so dem Jungen, dass sie sich für ihn aufopfern würde. Eine wunderbare Szene! Und so schmerzhaft, wenn man sie anschaut.

Sie können den Schmerz genießen?

Nein, aber ich finde schmerzhafte Erfahrungen erzieherisch. Ich bin der Überzeugung, dass man sie unbedingt zulassen muss. Eine Aspirin nehmen, wenn man sich mies fühlt, das kann jeder.

Wann haben Sie zuletzt von einer schmerzhaften Erfahrung profitiert?


Wahrscheinlich, als mein Vater 1997 entführt wurde.

Er wurde 72 Tage gefangen gehalten, damit Sie Lösegeld bezahlen. Sie drehten mit „Mimic“ gerade Ihren ersten Film in Hollywood.


In diesen 72 Tagen habe ich natürlich furchtbare Ängste ausgestanden, aber auch gelernt, meinen Vater zu akzeptieren, wie er ist. Wir haben uns oft gestritten, bevor er entführt worden ist. Ich wollte, dass er sich mir gegenüber stärker öffnet, mehr an meinem Leben teilnimmt. Das alles war unter diesen Umständen natürlich plötzlich irrelevant.

Sie haben danach Mexiko verlassen und leben mit Ihrer Familie in Los Angeles. Bekommen Sie manchmal noch Albträume von der Entführung?

Nein, wenn ich einen Albtraum habe, ist es immer derselbe: Zombies jagen mich eine Treppe hoch, ich muss vom Dach des Hauses auf das des nächsten Hauses springen. Und dann wache ich auf.

Und warum werden Sie gejagt?


Gucken Sie mich an. Ich bin dick und saftig.

Glauben Sie im realen Leben an übernatürliche Kräfte?


Ja, sie sind nur extrem selten. Ich habe schon einige seltsame Dinge erlebt. Einmal sah ich den Geist meines verstorbenen Onkels, ein anderes Mal ein Ufo. Da war ich nachts mit einem Freund auf einem Highway in Mexiko unterwegs. Die Straße war leer, nur am Horizont bewegte sich ein Licht hin und her. Wir hielten an, hupten, schalteten die Scheinwerfer an und aus, und das Ding kam direkt auf uns zu. Es war höchstens zwei Kilometer von uns entfernt, wir konnten erkennen, dass es eine Art Raumschiff war. Voller Panik fuhren wir weg. Das Ding verfolgte uns etwa fünf Minuten, dann drehte es ab.

Alles klar, Herr del Toro!


Glauben Sie mir, ich bin der Skeptiker in unserer Familie. Ich sage immer zu den anderen, das ist nicht wahr, wenn sie etwas erzählen. Mein Vater sah einmal meine Mutter in unserer Wohnung, vier Stunden bevor sie tatsächlich mit dem Taxi vom Flughafen kam. Das sind normale Erlebnisse in Mexiko. Wir glauben an eine alltägliche Magie.

„Die Saat“ haben Sie den Monstern Ihrer Kindheit gewidmet. An welche denken Sie zuerst?

Als Kind hatte ich lebhafte Träume. Ich erinnere mich, dass wir einen glänzenden Teppich besaßen und in meinen Träumen wurde er zur amorphen Masse mit zwei großen Augen. Ein anderes Mal sah ich einen Faun mit Hörnern und langen Ziegenbeinen hinter einem Kleiderschrank. Er wurde das Vorbild für den Faun in „Pan’s Labyrinth“.

Warum bedanken Sie sich bei den Monstern?

Weil sie die einzigen Kreaturen waren, die mir damals Beistand geleistet haben. Sie haben mir nicht mehr geschadet als die reale Welt.

Sie reden von Ihrer nicht ganz so rosigen Schulzeit in Mexiko.

Kinder können sehr grausam sein. Als ich neun war, gab es in meiner Schule einen Jungen, der mir einmal ins Ohr flüsterte, er würde mich aus dem Fenster schubsen und den Lehrern erzählen, es wäre ein Unfall gewesen. Ich glaubte ihm. Er war ein starker Bursche, ich war dünn, blass und ruhig. Außerdem hatte er zuvor einen anderen Jungen mit einem Kompass übel zugerichtet.

Wie ging die Geschichte aus?

Am Ende schlug ich mich mit ihm. Dann entschied ich mich bewusst, dick zu werden. Ich aß eine Unmenge an Torten und Kuchen, besonders Möhrenkuchen. Ich überkompensierte und tue das bis heute. Ich bin ziemlich schüchtern, aber mache das mit meinem Körper wieder wett.

Haben Sie damals Ihre imaginären Monster um Superkräfte beneidet?

Nein, ich beneidete die Ameisen, weil sie unter der Erde lebten und dort eine geheime Welt hatten. Heute denke ich, das war der unterbewusste Wunsch, wieder in den Mutterleib zurückzukehren, weil die Wirklichkeit so hässlich war.

Denken Sie dabei auch an Ihre Großmutter, eine streng religiöse Katholikin?

Sie meinen, weil sie mir den Teufel austrieb? Nein, das war lustig. Als ich elf war, glaubte ich schon nicht mehr an die Bibel – im Gegensatz zu meiner jüngerem Schwester. Ich ärgerte sie einmal, lachte sie aus, weil sie betete. Sie begann zu weinen, meine Großmutter fing an zu beten, ich lachte noch mehr, und schon war der schönste Exorzismus im Gange: Meine Oma spritzte mir Weihwasser ins Gesicht. Da musste ich natürlich noch mehr lachen.

In Ihrer Kindheit haben Sie die Märchen der Gebrüder Grimm gelesen. Sind Märchen die besseren Horrorgeschichten?

Jemand hat mal gesagt, Märchen sind Gruselgeschichten im Schafspelz. Das trifft es gut. Die Mechanismen und die Magie ähneln sich. Es werden bestimmte Sachen einfach vorausgesetzt. Zum Beispiel, dass ein Riese irgendwo lebte und Menschen aß. Jorge Luis Borges schrieb, der psychologische Roman ist ein junges und arrogantes Konzept des Geschichtenerzählens, das die Fantasie verdrängt. Er empfahl Parabeln und Märchen als Erzählmodelle.

Was läuft denn in Märchen anders als in modernen Geschichten?

Märchen folgen ihrer eigenen Logik. Der Erzähler kündigt eine Regel an, und man kann sicher sein, dass sie gebrochen wird. Wie im Grimm’schen Märchen „Der goldene Vogel“. Wir erfahren, dass es zwei Käfige gibt, einen aus Gold und einen aus Holz. Niemals soll der Held den Vogel in den goldenen sperren. Und natürlich tut er genau das. Mir gefallen die Märchen der Gebrüder Grimm, weil sie oft eine moralische Geschichte mit verstörender Grausamkeit erzählen. Ich finde diese Widersprüche großartig. Der Erzähler richtet über Gut und Böse, ist aber fasziniert davon, wie Aschenputtels Schwester ihren Zeh abschneidet und den Schuh mit Blut füllt.

Wann waren Ihre beiden Töchter alt genug, um die Grimm’schen Märchen zu hören?

Sie haben sie noch nicht gelesen, aber sie dürften es. Sie schauen sich lieber Filme an, nach den „Transformers“ sind sie ganz verrückt.

Müssen Sie sich mit Ihren Töchtern auch einen Familienfilm wie „101 Dalmatiner“ ansehen?

Ich liebe Disney! Sehen Sie, ich habe in Los Angeles ein separates Haus, in dem ich meine Horrorsammlung horte – 350 Stücke, die ich in den vergangenen 15 Jahren gesammelt habe. Da habe ich Gemälde und Skulpturen von Hansruedi Giger, der die Alien-Figuren entworfen hat, ich besitze klassische Bilder vom Heiligen Georg und dem Drachen und auch viel Disney-Kunst: den Drachen aus „Dornröschen“ oder Bilder von Ivan Earl, der die Hintergründe für die Zeichentrickfilme malte.

Alles hängt schön nebeneinander an der Wand?


Sie müssen sich das Haus so vorstellen, als würden Sie sich in meinen Kopf befinden. Die Wände sind dunkelrot gestrichen. Rechts befindet sich eine Bibliothek mit vielen Büchern, die Bibliothek des Horrors. Links geht es zu einem Korridor, in dem Leichennachbildungen, Skulpturen von Ungeheuern oder Requisiten aus Filmen liegen. Die Fahrer von DHL sind immer sehr erschrocken, wenn ich die Tür öffne, weil sie nur die Leichen sehen. Meine Nachbarn halten mich für wahnsinnig. Sie fragten meinen Gärtner neulich: Arbeiten Sie für diesen Verrückten?

Die Nachbarn wissen nicht, wer Sie sind?

Nein, ich weiß ja auch nicht, was sie tun. Wahrscheinlich sind sie alle Zahnärzte.

Die können wenigstens Blut sehen. Sie auch?

Nein, mir wird dann immer schlecht.

Tatsächlich? Können Sie denn Filmblut sehen?

Das ist kein Problem. Ich habe als Maskenbildner jahrelang Blut nach meiner eigenen Spezialrezeptur zubereitet.

Und wie schmeckte Ihr Blut?

Nach Zucker, weil viel Maissirup darin ist. Von dem Geruch wird einem leicht übel. Man mischt natürlich rote Farbe hinzu – und je nach Nuance etwas Grün, Blau oder Gelb. Am Ende kommen noch Zinkoxid-Flocken oder Mehl hinzu, um der Flüssigkeit ein wenig Textur zu geben. Herrlich …

Verraten Sie uns als Make-up-Künstler, wie man ein Gesicht so richtig hässlich macht?

Die meisten denken, das ginge mit großen Zähnen oder riesigen Stirnfalten. Das finde ich einfach herabwürdigend gegenüber den Betroffenen!  Ich sage meinen Maskenbildnern immer: Neutralisiert die Gesichter. Macht sie leer, eiskalt und so richtig gefühllos. Das ist viel gruseliger als jede Halloween-Maske.

Wie läuft Halloween gemeinhin bei Ihnen ab?


Als Kind ging ich immer als Werwolf. Ich hatte eine Wolfsmaske, dazu trug ich die Hände und Füße eines Gorillas. Das letzte Mal warf ich mich in ein Piratenkostüm. Und ich maskiere natürlich immer meine Familie. In der Küche trage ich ihnen Make-up auf, das dauert bei meiner Frau und meinen Töchtern jeweils 90 Minuten. Sie wollen immer als Kätzchen gehen! Was soll ich tun?

Jetzt mal ehrlich: Gibt es etwas, vor dem Sie sich wirklich fürchten?

Natürlich. Vor den Banken. Die Banker können sich hinter Gesetzen verstecken, wenn etwas schiefgeht. Es war doch Bertolt Brecht, der sagte: Es ist ein größeres Verbrechen, eine Bank zu gründen als sie zu überfallen. Ehrlich, manchmal würde ich gerne eine Bank überfallen.

Und was wäre der größte Horror im Filmgeschäft für Sie? Würden Sie zum Beispiel „Pretty Woman“ neu verfilmen?

Nur über meine Leiche. Da glaube ich wirklich lieber an Vampire als an eine glückliche Prostituierte mit einem Herzen aus Gold.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.11.2009)
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