Bienen zu halten ist hier illegal – aber beliebt. Denn Honig aus der Bronx oder Brooklyn gilt als delikat. Warum nun auch Bienen der Provinz entfliehen und New York bevölkern.
Es war ein sonniger Sonntagnachmittag vor ein paar Wochen, als ungefähr zehntausend Bienen an den staunenden Passanten vorbei die Lexington Avenue hinunterflogen. Das New York Police Department alarmierte den hausinternen Bienenspezialisten, um den riesigen Schwarm einzufangen und zurück in sein Zuhause auf einem Baum zwischen der 80. und der 81. Straße zu eskortieren. Am nächsten Tag wurde die Bienenkönigin allerdings mitsamt ihrem Hofstaat von der Upper East Side auf eine Farm in Connecticut verfrachtet. Bienen sind in New York nämlich von offizieller Seite unerwünscht. Bienenzucht ist verboten.
Laut Artikel 161.01 des Gesundheitsgesetzes zählen Bienen neben Geiern und Walen zu einer langen Liste „wilder Tiere“, deren Haltung oder Verkauf in der Stadt strikt untersagt sind. Das hält freilich gewisse New Yorker nicht davon ab, sich trotzdem als Imker zu betätigen. Gewisse? Dutzende sind es, und täglich scheinen es mehr zu werden.
Allein in den letzten paar Monaten hat sich Schätzungen zufolge die Zahl gehegter und gepflegter Bienenstöcke auf Dächern und in Hinterhöfen rund um den Hudson und den East River verdreifacht. Im Dezember vergangenen Jahres wurde die New York City Beekeepers Association gegründet. Der Verband, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, bietet Kurse für Neulinge an, er vermittelt Raum für Bienenstöcke und verkauft Grundausrüstungen. Mittlerweile umfasst er 180 Mitglieder.
Jetzt liegt dem Stadtrat außerdem eine Initiative zur Legalisierung der Bienenzucht vor. Die Chancen auf Erfolg stehen gut. Bürgermeister Michael Bloomberg profiliert sich nur allzu gern als Freund von Natur und Nachhaltigkeit. Und ohnehin ärgert es jeden echten New Yorker, in Sachen Honig hinter Städten wie San Francisco, Chicago oder Seattle zurückzuliegen, wo die Bienenzucht legal ist. Auch in London und Paris ist das so. In Berlin verfügt jeder Bezirk über einen eigenen Imkereiverein, von „Wuhletal 1864“, dem ältesten, bis zu den größten in Spandau und Reinickendorf.
Bienen gedeihen in der Stadt hervorragend, oft besser als auf dem Land. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es in der Stadt immer ein paar Grad wärmer als auf dem Land, das verlängert den Arbeitstag der Bienen. Dann sind Flora und Fauna in Städten enorm vielfältig. In New York haben Bienen die Wahl zwischen Ginkgos und japanischem Staudenknöterich, zwischen den Seerosen im Central Park und dem Arabischen Jasmin, der Terrassen in Tribeca ziert. In ländlichen Gebieten sind Bienen dagegen häufig auf Monokulturen angewiesen, die nur wenige Tage oder Wochen blühen. Hinzu kommt, dass von der Landwirtschaft eingesetzte Pestizide der ländlichen Idylle großflächig den Garaus machen, während die Gärtner der Quartiersgärten in Williamsburg oder Queens – Gegenden New Yorks, die nicht so dicht bebaut und befahren sind wie Manhattan – garantiert keine Gifte einsetzen.
Satte 30 Kilogramm Honig haben ihre zwei Bienenkolonien der Opernsängerin BJ Fredricks bisher beschert. Bei Megan Paska, die seit Ostern ihre Zucht ebenfalls auf einem Hausdach in Brooklyn betreibt, waren es 30 Kilogramm Honig aus einem einzigen Bienenstock. Fürs erste Jahr ist das rekordverdächtig. Die Nachbarn der beiden Frauen haben nichts dagegen. Etwaige Zweifler, die anfangs Bienenattacken wie im Film befürchteten oder zumindest defekte Klimaanlagen mit Filtern voller Tierleichen, waren restlos bekehrt, nachdem sie an der Verkostung der ersten Ernte teilgenommen hatten.
Die 51-jährige BJ Fredricks, die 29-jährige Megan Paska, die sich mit Kindermode beschäftigt, oder der Hirnforscher Patrick Gannon, 52 – sie alle verbindet nichts außer ihrer Bienenleidenschaft. Und selbst diese ist unterschiedlich motiviert. Gannon, der zwei Kolonien im Garten seines Hauses auf City Island östlich der Bronx sein Eigen nennt, formuliert es so: „Für mich gibt es nichts Entspannenderes, als nach einem anstrengenden Tag mit einem Glas Wein meinen Bienen zuzusehen.“ Er liebe die Geräusche, den Duft der Stöcke, das sei wie Meditation für ihn. Seine beiden kleinen Töchter wiederum finden die Bienen toll, weil sie damit ihre Spielgefährten beeindrucken können. Die fünfjährige Hannah nimmt bei solchen Gelegenheiten vorsichtig eine Biene in die Hand und belehrt ihre Freunde: „Die stechen nicht, nur wenn sie angegriffen werden, die machen Honig!“ Im Fall der Gannons dieses Jahr fast 100 Kilo.
Bettina Utz, Grafikdesignerin und ebenfalls Imkerin, führt den plötzlichen Bienenenthusiasmus so vieler Städter neben der nie vergehenden romantischen Sehnsucht nach der Natur auf ein wachsendes Umweltbewusstsein zurück. „Urban Gardening“ ist zu einer richtigen Bewegung geworden. „Die Leute wollen wissen, woher ihr Essen stammt und wie es angebaut wird. Es ist ihnen nicht mehr egal, wenn Luft und Böden vergiftet werden, bloß damit sie am Abend eine Tiefkühlpizza in die Mikrowelle schieben können.“
Dass gerade Bienen zu den neuen Öko-Lieblingen wurden, hat einen Grund. Sogar der Eishersteller Häagen-Dazs hat die Tierchen für sich entdeckt und eine Werbekampagne mit dem Slogan „Help the Honey Bees“ gestartet. Botschaft Nummer eins: Kauft Vanilla Honey Bee“. Botschaft Nummer zwei: Die Bienen sind in Gefahr.
Vor gut zwei Jahren berichteten die Medien erstmals über das mysteriöse Zusammenbrechen ganzer Bienenvölker, das offenbar keinen Erdteil verschont. Man bezeichnet das Phänomen als Colony Collapse Disorder (CCD), ihm sind allein in den USA inzwischen 2,9 Millionen Kolonien zum Opfer gefallen. Die Ursachen dafür sind nach wie vor unklar. Vielleicht ist eine Milbe daran schuld, dass Stöcke bis auf wenige verdorrte Insektenkörper verlassen vorgefunden werden, vielleicht eine Immunschwäche.
Fest steht: Ein Drittel aller Gemüse und Früchte, die wir essen, verdanken wir den Bienen. Genauer: Der Bestäubung durch Bienen, die in Tiefkühltrucks quer durchs Land transportiert werden, um auf Hunderten von Obst- und Gemüseplantagen ihre Arbeit zu verrichten.
In den USA ist die Bienenzucht so hoch industrialisiert wie ein Großteil der Landwirtschaft. Das hält Andrew Coté zumindest für einen Grund für das Massensterben. Der 37-Jährige ist Kopf und Herz der New York City Beekeepers Association. Wenn er nicht an einer Universität in Connecticut japanische Literatur lehrt, spricht er über Bienen. Ihn überrascht es gar nicht, dass keine einzige Stadtbiene dem CCD erlegen ist: „Wir tun den Bienen sicher keinen Gefallen damit, dass wir sie schon im Februar meilenweit zum Bestäuben von Mandelplantagen schleppen und sie sich buchstäblich zu Tode schuften lassen, solange noch irgendwo da draußen eine unbestäubte Blüte vorhanden ist.“ Lokal und regional: Das sind für ihn die Versorgungswege der Zukunft.
Was Cotés Honig betrifft, geht es lokaler tatsächlich nicht. Jeden Mittwoch verkauft Coté auf Manhattans bekanntestem Markt am Union Square den Ertrag seiner Bienenvölker, von denen das nächste keine zwei Blocks von seinem Stand entfernt lebt. Coté betreut über 100 Kolonien, verstreut über ganz New York. Zum Teil sind es seine eigenen, zum Teil die von Freunden und Bekannten. Wer ihn über die wunderbaren Eigenschaften von Honig und Pollen, von Gelée Royal, Harz, Wachs und Waben schwärmen hört, wünscht sich wenigstens vorübergehend ganz dringend ebenfalls einen Bienenstock aufs Fensterbrett.
Gelegentlich schlendert ein Polizist aus der nahen Wache an Cotés Stand vorbei und probiert ein Löffelchen Honig. „East Village“ steht auf einigen Gläsern, „Brooklyn“ auf anderen. Der Mann des Gesetzes weiß genau, dass die Herkunft dieser Produkte höchst ungesetzlich ist. Doch in New York gilt: Solange niemand klagt, wird niemand gejagt.
Und bitte, auch im Garten des Weißen Hauses in Washington steht seit kurzem ein Bienenstock. So kriminell kann die Sache mit dem süßen Stoff also nicht sein.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.08.2009)
Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »
Denn auf dem Land sterben ganze Populationen weg- man sagt, das liegt an den immer noch versprühten Pestiziden auf den Feldern.
Vielleicht ist das in USA genauso- Bienenschwärme hat man dort auch schon in anderen Großstädten registiert...