In Deutschland herrscht Religionsfreiheit. Mit anderen Worten, jeder darf jeden Quatsch glauben. Wer glaubt, dass er von einem Känguru abstammt oder von Außerirdischen, darf dies gern tun. Die Religionsfreiheit gilt auch für die auf 6000 deutsche und maximal 100 000 amerikanische Personen geschätzten Scientologen. Sie glauben, dass sie von Außerirdischen abstammen, den Thetanen. Die Thetanennachfahren sind traumatisiert, weil ihre Ahnen von einem bösen Mann auf die Erde gebracht wurden, um sie in Vulkane zu werfen. Gegen Bezahlung heilt Scientology das Vulkantrauma. Wer dieser kleinen, durchgeknallten Gruppe die Gefahr einer Weltverschwörung zuschreibt, wie einst die Nazis den Juden, der sollte sich lieber Sorgen um den eigenen Geisteszustand machen.
Die Scientologen betreiben angeblich Gehirnwäsche. Tut das nicht jede Religion, zumindest in den Augen derjenigen, die zufällig nicht an sie glauben? Wenn man der Ansicht ist, Wein in Blut verwandeln zu können, wie die Katholiken, klingt das auch nicht gerade vernünftig, und wenn junge Männer sackartige Gewänder anziehen, ihre Familien verlassen, den Job kündigen und ein Schweigegelübde ablegen, wie gewisse Mönche, dann verhalten sie sich mindestens ebenso irrational wie ein Scientologe. Der Islam unterdrückt die Frauen, er ist trotzdem nicht verboten. Im Gegensatz zum Islam haben es die Scientologen sogar zu einer Art Reformation gebracht, es gibt die „Freie Zone“, die sich vom Ur-Scientologentum abgespalten hat und irgendwie anders tickt. Abtrünnige werden übrigens von fast allen Religionen mit besonderer Wut bedacht und psychologisch unter Druck gesetzt, auch da sind die Scientologen keine grundsätzliche Ausnahme, auch wenn sie heftiger Druck ausüben als andere.
Woher stammt die spezifisch deutsche Scientology-Paranoia? Da kommt einiges zusammen. Scientology ist amerikanisch, ist kapitalistisch, reich und geldgierig, ist eine kleine, aber selbstbewusste Minderheit, wird von den mächtigen Marktführern auf dem Religionsmarkt als Konkurrenz empfunden. Ich verteidige den Scientologywahnsinn nicht. Ich sage nur: Regt euch ab. Gibt es eine vernünftige, demokratische Religion? Nein. Deswegen müssen Religion und Staat getrennt sein, den Staat will man demokratisch und halbwegs vernünftig. Solange der Wahnsinn nicht an der Macht ist, hält die Welt allerdings ziemlich viel Wahnsinn aus.
Wer sich den Scientologen anschließt, ist selber schuld, auch dies kann der Staat nicht regeln. Und Tom Cruise ist immerhin ein recht guter Schauspieler.
Kommentare [ 2 ] Kommentar hinzufügen »
Wenn man wie er Scientology auf der gleichen Ebene sieht wie die Weltreligionen, ist das ungefähr so, als wenn ein Philosoph ernsthaft Platon auf die Ebene einer billig-Fernsehserie (über Außerirdische o.ä.) diskutieren würde. Er macht den selben Fehler wie viele Esoteriker, die auch glauben, alles gleichsetzen können. Kurz: Martenstein ist hier absolut inkompetent - er hat wenig Niveau.
Scientology ist wirklich gefährlich. Abgesehen von psychischer Ausbeutung (es geht S. tatsächlich nur um Kommerz) ist S. aber vor allem: penetrant. Wie alle Missionare, ganz gleich ob Christlich, atheistisch oder islamistisch.
Über mich ist neulich eine Schar ca. 19-jähriger Mädchen mit Fragebogen (von Scientology) hergefallen. Die haben eine Penetranz an sich - nicht zu fassen. Nur wenige "militante Atheisten" sind nerviger, sorry-.