Der Essener Energiekonzern RWE bietet ab sofort "Pro-Klima-Strom" an - doch dieser Klimatarif ist anders als herkömmliche Ökostromtarife: Das Angebot enthält vor allem Atomstrom. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier bekräftigte dagegen, dass er keine Zukunft für die Atomkraft in Deutschland sehe.
Berlin -
Der Essener Energiekonzern RWE bietet als erstes Unternehmen bundesweit einen Atomstromtarif für Privatkunden an. Unter dem Namen „Pro Klima Strom 2011“ vermarkten die RWE-Vertriebstöchter ab dem 15. November ein Angebot, das aus einem Mix von 68 Prozent Atomstrom und 32 Prozent Strom aus Wasserkraftanlagen besteht. Buchbar ist der neue Tarif ab sofort. Geliefert wird – zum Beispiel bei der für Berlin zuständigen Tochter Envia M (Cottbus) – ab dem 1. Januar.
Der Preis für das Atomstromangebot liegt nach Angaben von RWE-Finanzchef Rolf Pohlig leicht über dem normalen RWE-Haushaltstarif. Allerdings soll es nach seinen Worten in den nächsten drei Jahren keine Erhöhungen geben. Bei den anderen Stromtarifen des Konzerns zeichnen sich schon für das nächste Frühjahr weitere Preiserhöhungen ab, weil die Strombeschaffungspreise des Konzerns in diesem Jahr deutlich gestiegen seien.
RWE ist neben Eon der größte Kernkraftwerksbetreiber in Deutschland. Unter anderem betreibt der Konzern die beiden Kraftwerksblöcke im hessischen Biblis, die ohne die vom Unternehmen vehement geforderte Verlängerung der Reaktorlaufzeiten spätestens 2010/2011 stillgelegt werden müssen.
Im Prospekt wirbt RWE mit der angebliche Klimafreundlichkeit des neuen Produkts. So fielen bei der Erzeugung von einer Kilowattstunde „Pro-Klima-Strom“ 0,0018 Gramm radioaktiver Abfall und null Gramm CO2-Emissionen an. Die entsprechenden Durchschnittswerte bei der 2006 bundesweit gelieferten elektrischen Energie lagen dagegen Branchenangaben zufolge bei 0,0008 Gramm radioaktivem Abfall und 520 Gramm CO2 Andere Stromkonzerne wie etwa die Düsseldorfer Eon AG sehen die Atomstrominitiative der Essener eher skeptisch und planen bislang keine gesonderten Atomstromtarife. Auch der Vattenfall-Konzern hat derzeit keine Pläne in dieser Richtung.
Der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Laurenz Meyer, bezeichnete den Atomstromftarif als „spannendes Angebot“. Für das Klima seien regenerative Energien und Atomenergie die „beste Alternative“. Interessant sei außerdem, dass RWE für drei Jahre einen Festpreis anbiete. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dieses Angebot eine Chance hat.“ Der Politiker war lange Zeit beim RWE-Vorläufer VEW und auch bei RWE beschäftigt. Weil bekannt wurde, dass er in seiner Zeit als CDU-Generalsekretär von RWE weiter bezahlt wurde und auch von anderen Vergünstigungen des Konzerns profitierte, trat er im Dezember 2004 zurück.
Nach Ansicht von RWE-Finanzchef Pohlig hat die Akzeptanz für die Kernenergienutzung in der breiten Bevölkerung in letzter Zeit merklich zugenommen. Darüber könnten auch die Proteste gegen den jüngsten Atommülltransport nach Gorleben nicht hinwegtäuschen. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier bekräftigte dagegen, dass er keine Zukunft für die Atomkraft in Deutschland sehe. Vor dem Hintergrund der aktuellen Proteste sprach er von einer nicht verantwortbaren Energie. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte, Grund für die Schärfe der Proteste gegen den Transport nach Gorleben sei die Ankündigung von CDU und CSU gewesen, sich von dem unter Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg zu verabschieden. Nach Angaben des niedersächsischen Innenministeriums waren mit rund 14 500 Menschen in diesem Jahr dreimal mehr Demonstranten im Wendland als beim letzten Transport vor zwei Jahren. Der Castor-Zug hatte erst Dienstagnacht mit einem Tag Verspätung Gorleben erreicht. mit ce
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12.11.2008)
Kommentare [ 3 ] Kommentar hinzufügen »
"Ökostrom" vom Vattenfall: 18,54 Cent/kWh + 82,80EUR Jahresgebühr
Der Bau von AKW's, die Uranförderung, Transporte und die Brennelementherstellung sorgen für ca. 31 g/kWh (Windenergie: ca. 19 g). Also null CO2 ist eine glatte Lüge!
Uran ist ein endlicher Rohstoff - nach Expertenmeinung max. 65 Jahre noch verfügbar.
Das "spannende Angebot" (?) basiert auf einer Hochrisikotechnologie, die keine langfristige Zukunft haben darf, denkt man an mögliche Terroranschläge, Endlagerproblematik oder über 1.000 (bekannte!) Zwischenfälle in europäischen Reaktoren.
Zur Klarstellung: Den Atomausstieg hat nicht nur "RotGrün" beschlossen, sondern dieser Konsens erfolgte bei Zustimmung durch die Industrie!
Die Blockierung von RWE & Co. (auch wenn die Werbung tlw. anderes suggeriert) der immens wichtigen Erweiterung erneuerbarer Energieformen kann in jedem Fall dadurch verhindert werden, dass man dieses Atomstromangebot eben nicht unterstützt!
Das Thema ist außerdem zu wichtig, um bei der nächsten Wahl auf eine Partei zu setzen, die die o.g. Punkte nur als Probleme unserer nächsten Generationen ansieht!