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Geheimnis Forschung

Was die Welt zusammenhält

Sechs Milliarden Euro für den Superbeschleuniger am Genfer See. Und was ist, wenn am Ende nicht viel Neues herauskommt? Hätten wir die Steuergelder nicht besser in die Bekämpfung von Armut oder Aids gesteckt? Cerns Wert lässt sich nicht in Zahlen fassen. Es geht um die Suche nach unserem Ursprung.
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Was lässt sich nicht alles gegen den Superbeschleuniger am Genfer See einwenden! Blenden wir mal den ganzen Unsinn um den vermeintlichen Weltuntergang aus, bleiben immer noch vernünftige Einwände.

Da ist insbesondere der Vorwurf, beim Teilchenbeschleuniger des europäischen Kernforschungszentrums Cern handele es sich um eine gigantische Geldverschwendung. Auf mehr als sechs Milliarden Euro belaufen sich die Gesamtkosten des Projekts, und für was? Die Physiker bestreiten es nicht einmal, nein, sie sprechen es offen aus: Es wäre möglich, dass beim größten Experiment, vor dem die Menschheit steht, nicht viel Neues herauskommt. Das ist das wirkliche Worst- Case-Szenario des Giganten von Genf.

Das klingt natürlich nicht so spektakulär wie ein alles verschlingendes Schwarzes Loch. Doch wäre nicht auch dies, das wahre Nichts, eine Katastrophe? Wie lassen sich der ganze Aufwand, die Milliarden, die jahrzehntelange Planung und Bauzeit überhaupt rechtfertigen? Hätten wir unser Steuergeld nicht besser in die Bekämpfung von Armut oder Aids gesteckt statt in ein so riskantes Unternehmen, das kein Menschenleben rettet?

Eine Standardentgegnung lautet: Na ja, immerhin gibt es doch den einen oder anderen Spin-off. Am Cern wurden das World Wide Web und andere Technologien erfunden. Manche lenken die Aufmerksamkeit auf die Völkerverständigung: Am Cern arbeiten Amerikaner und Iraner Tür an Tür, auf Abendpartys tauschen Inder und Pakistaner Rezepte aus.

All das stimmt, und all das ist wunderbar – und geht doch am Kern der Sache vorbei. Das Technik-Argument klingt eher hilflos, ein bisschen nach: Raumfahrt ist zwar teuer, aber schließlich verdanken wir ihr die Teflonpfanne.

Machen wir uns nicht kleiner, als wir sind! Ja, das Cern entzieht sich der unmittelbaren Verwertbarkeit, ja, es pfeift auf die McKinseyisierung unserer Gesellschaft, und gerade daraus erwächst sein Wert. Der Physiker Victor Weisskopf hat die Teilchenbeschleuniger einmal als „gothische Kathedralen des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Der Vergleich trifft es: Wie an den großen Kirchen des Mittelalters arbeiten Generationen von Menschen hier an etwas, das weit über sie, weit über den Einzelnen hinausgeht. Nur wird nicht Gott zelebriert, sondern die Natur. Der Mensch, wir selbst, darum geht es am Cern: darum, herauszufinden, woher wir kommen, was wir sind, was der Ursprung aller Dinge ist. Das Risiko dabei: dass wir den letzten Ursprung nie finden werden. Was ist uns dieses Wagnis wert? Was sind Träume wert? Ist es gut, eine Oper oder Weltliteratur oder überhaupt Begeisterung und die Entfesselung der Fantasie in Euro umzurechnen?

Wir sind das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, vielleicht im Universum, das sich auf die Suche nach seinem Ursprung machen kann. Wie klein wären wir, würden wir es nicht tun! Das Cern weckt die Faszination für diese Welt – nicht zuletzt für junge Leute, die sich in die Physik, die Biologie, die Forschung stürzen. Gibt es einen besseren Beitrag zur Bekämpfung von Krankheiten?

Cerns Wert lässt sich nicht an einem Aktienkurs ablesen, weil das Cern, wie unsere gesamte Kultur, viel mehr ist als etwas, das sich in Zahlen fassen lässt. Der Gründungsdirektor des US-Teilchenlabors Fermilab, Robert Wilson, wurde einmal von einem Kongressabgeordneten gefragt, was seine Forschung zur Verteidigung der Nation beitrage. Wilsons Antwort: nichts. Sie trage bloß dazu bei, dass sein Land etwas zu verteidigen habe.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.09.2008)
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Kommentare [ 5 ] Kommentar hinzufügen »

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von unbekannt | 10.9.2008 22:20 Uhr
Faszination für diese Welt

Den will ich sehn, der fasziniert ist von dieser Welt. Den will ich sehn.

Aber das faszinierende an dem Ergebnis des Experiments wird sein, dass es alle Modellvorstellungen über den Haufen wirft.
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von unbekannt | 10.9.2008 22:33 Uhr

Was mir gerade einfällt:

Womöglich brauchen wir das Ding noch für die Erzeugung eines Magnetfeldes, wenn das natürliche demnächst ausfällt. Es gibt Leute, die in diesem Zusammenhang fest glauben, dass die Welt an den Rand einer Katastrophe geraten wird, diese jedoch im letzten Augenblick verhindert werden wird. Vielleicht spielt der Beschleunigerring da eine Rolle.
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von gerjan gerjan ist gerade offline | 11.9.2008 7:53 Uhr
Hier ist einer!
@ southcarolina: Ich bin fasziniert von dieser Welt und sicherlich nicht alleine!

@Bas Kast: Danke für diesen Artikel, fernab von unqualifizierten Untergangsszenarien und ignoranten Ablehnungshaltungen!
Zudem geht es hierbei um weitere Grundlagenforschung, deren technischen Nutzen man nie vorhersagen kann. Oder ahnte Maxwell, was seine Betrachtungen des Elektromagnetismus uns heute einbringen?
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von katharinameyer katharinameyer ist gerade offline | 11.9.2008 8:53 Uhr
Wie klein wären wir würden wir es nicht tun!
Vielen Dank an Bas Kast, der es wieder geschafft hat, mit viel klareren Worten als ich es vermag zu beschreiben, was die Faszination dieses großen Experiments ausmacht - und dabei, quasi im Vorbeigehen, der Grundlagenforschung den richtigen Stellenwert zugeordnet hat.
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von unbekannt | 11.9.2008 9:22 Uhr
Grundlagenforschung
ist eine wichtige Sache. Die Frage, wo unser Ursprung oder unsere Ursprünge sind, ist spannend. Aber der Glaube, die Physik würde Ursprung/Ursprünge finden ist so abenteuerlich wie die Schöpfungsgeschichte oder andere unterhaltsame wie spannende Mythen.

Vielleicht findet man den Ursprung unseres Universums. Derzeit spricht hierfür gar nichts. Man kommt an den Urknall nicht heran, und selbst wenn, wüsste man nicht, was vor dem Urknall war.

So aufregend die Ursprungssuche der Physik ist, mir reicht es völlig aus, dass ich meinen Ursprung kenne. Jedenfalls dann, wenn alles wirklich so war, wie meine Eltern es mir erzählt haben. Und wenn es ganz anders war, es ändert an meinem Leben so gut wie nichts.

So ist es auch mit der Urknallhypothese. Man braucht sie nicht, um die Schöpfungsgeschichte als albern zu empfinden. Und was die Welt zusammenhält, würde auch mit einer Theorie des Urknalls nicht beantwortet. Hierzu gibt es genügend Forschung, die näher am Problem ist.

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