Münchener Verhältnisse in der deutschen Hauptstadt: Explodierende Mietpreise, Yuppisierung und Verschlimmbesserung des Stadtbildes. Bürger und Autonome gehen geschlossen auf die Barrikaden. Dabei ist genau das die ganz normale Entwicklung einer Metropole, meint Gerd Nowakowski.
Aktion Glasbruch“ erfolgreich, meldet Carlo von der Gruppe „Bonzenpack wegscheppern“ in der aktuellen Ausgabe der linksradikalen Postille „Interim“. „Wenn die sich hier breitmachen, können wir bald die Koffer packen“, wird die Aktion gegen eine Luxuswohnanlage begründet. So denken manche. Die verquasten Sprüche gegen eine Yuppisierung der Stadt und Vertreibung der Mieter durch kapitalkräftige Investoren sind zwanzig Jahre alt, derzeit aber treffen sie einen Nerv. Auch Berliner, die mit den radikalen Linken nichts gemein haben, sind von steigenden Mieten, teuren Sanierungen, Umwandlungen und der Veränderung im Zentrum beunruhigt. In der Sprache der Autonomen: Da ist was in Bewegung.
Berlins Mitte boomt. Investoren verbauen Milliarden, das ist die gute Nachricht. Fabrik-Lofts mit luxuriösem Standard, exklusive Townhouses oder schicke Apartments in denkmalgeschützten Bauten sind der Renner. Ob Wohnprojekte mit Dachgarten und Swimmingpool in Mitte oder der Umbau des ehemaligen Kammergerichts in Charlottenburg – die Nachfrage ist riesig. Direkt neben dem „Berliner Ensemble“, wo Bertolt Brecht die Schrecken des Haifisch-Kapitalismus beschwor, sollen 500 Komfortwohnungen gebaut werden. Mancher hält Mitte schon für das neue München.
Das spürt man. Die Mieten sind deutlich gestiegen. Noch sind sie niedriger als in Bayerns Hauptstadt, doch prozentual zu den weit niedrigeren Berliner Einkommen sind Münchner Verhältnisse nach Expertenmeinung schon erreicht. Vor allem im Zentrum wird Wohnraum knapp. Weil der soziale Wohnungsbau nicht mehr subventioniert wird, preiswerte Wohnungen nicht gebaut werden und durch die wachsende Zahl von Single-Haushalten die Nachfrage wächst, ist der Leerstand auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gesunken. Besonders verteuert haben sich Ein-Raum-Wohnungen – auffällig oft auch mit schlechter Qualität auf den vom Amt erlaubten Höchstsatz für einen Hartz-IV-Empfänger von 352 Euro.
Die Nachfrage aus dem Ausland verstärkt den Verdrängungsdruck. Die Kunden kommen aus New York, der hippen Kunstszene wegen, oder aus Stockholm, wegen der hier vergleichsweise spottbilligen Wohnungen. Im Trendbezirk Prenzlauer Berg, so sagen Untersuchungen, ist die frühere Bevölkerung nahezu ausgetauscht. Mieter fühlen sich unzureichend geschützt. Die von Berlins Sparsenator Thilo Sarrazin auf Rendite verpflichteten städtischen Wohnungsunternehmen sind kein Regulativ mehr und auch der Mietspiegel bei Neuvermietungen kein scharfes Instrument. Das befeuert den Protest. Die Pläne eines neuen Stadtviertels an der Spree rund um die Kreuzberger Oberbaumbrücke haben nicht nur Autonome auf die Barrikaden gebracht. Die Gegner sehen keine einzigartige innerstädtische Entwicklungschance, sie fürchten um den Wildwuchs von szenigen Strandbars und alten Industriebauten, die den Bezirk so sympathisch unaufgeräumt machen.
Berlin leuchtet – wer hier investiert und kreativ wird, kann helfen, jene Arbeitsplätze zu schaffen, die Berlin so dringend braucht. Zum Besten der Stadt. Mehr Wohlstand für alle, das wäre ein Schmierstoff gegen soziale Reibungen: ein akzeptabler Preis für Veränderung. Aufzuhalten ist die Entwicklung nicht. Wie in jeder normalen Metropole eben. Daran muss sich Berlin gewöhnen. Es gibt eben kein Recht darauf, im Zentrum zu wohnen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 29.06.2008)
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Es ist ein Merkmal der Stadtentwicklung unter Klaus Wowereit, dass die Stadt den Regierenden wichtiger geworden ist als die Menschen, die in ihr leben. Berlin soll wachsen, und sich entwickeln, die Berliner, die echten Berliner, in Ost und West, werden dabei behandelt, als wären sie nur der Ballast der Geschichte. Das Austauschen der Beölkerung wie im Prenzlauer Berg ist keineswegs nur höhere Gewalt, sondern gewollte Entwicklung. Das System Wowereit frisst seine Kinder.
Es ist legitim, gegen seine Vertreibung und Entwurzelung politischen Widerstand zu leisten. Keinen Widerstand zu leisten, wäre dumm.
Sehr geehrter Herr Nowakowski, wenn Sie schreiben "es gibt kein Recht im Stadtzentrum zu leben", dann sollte dies bitte auch für die Zuzügler gelten.
Die Arbeitsplätze, die z.B. im Kreativbereich geschaffen werden, werden wieder mit Zuzüglern besetzt. Die Zuzügler bleiben unter sich, und bilden geschlossene wirtschaftliche und urbane Kreisläufe.
Am Ende haben wir ein wirtschaftlich effizientes Berlin ohne Berliner, ein europäischer Klon von New York, welcher so scheinheilig wirkt wie Euro-Disney bei Paris. Dies kann keine Perspektive für Berlin sein.
Aber zumindest hätte der Tagesspiegel einige Abonnenten mehr.
Ich wünsche Berlin eine deutliche Steigerung der wirtschaftlichen Dynamik, dann kommen auch mehr einkommenstarke Menschen nach Berlin, die dann idealerweise auch ihre Steuern hier zahlen. Dann kann den sog. "Autonomen" auch weiterhin das Transfereinkommen gezahlt werden.
Hoffe das das Kalkuel der Autonomen aufgeht und das Intresse der Kauf- und Spekulationslustigen nachlaesst.
Wer nicht begreift das Berlin nur "funktioniert" wenn es Berlin bleibt, hat sich gerade den Prenzlauerberg nicht genau angesehen. Strassenzug um Strassenzug hat sich dort die Langeweile breit gemacht. Fuer zugezogene Schwabe hat das sicher noch seine Reiz, der Berliner zieht sich nach Moabit, Neukoelln oder Lichtenberg zurueck.
Waehrend der Berliner bereit ist alles mit seiner beruehmten Schnauze zu regeln, heisst es dort (im P Berg) jetzt immer wieder "das regelt mein Anwalt" (falsch parken, laute Musik, zugestellte Buergersteige, Geruchsbeleastigung - alles ein Fall fuer die Justiz-im Prenzlauerberg).
Tut mir leid, das ist nicht Berlin, und damit geht der einmalige Flair von Berlin verloren. Wenn Berlin nur noch ein Klon von Muenchen, New York oder London ist, wird es sich eben auch an diesen Staedten messen lassen muessen.
Wir können natürlich auch die Berliner samt Berlin unter Denkmalschutz stellen. Dann bauen wir eine Mauer drumherum und stellen eine Handvoll "Bitte Füttern"-Schilder auf. Aber so weit waren wir ja schon mal.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0609/berlin/0059/index.html
Grundstücke kaufen und dann schnell zum halben Preis weiterzureichen ist jedenfalls nicht wirklich das, was man unter rationaler Haushaltsführung versteht.
Berlin hat eine rosige Zukunft vor sich und die Grundlagen dafür haben viele Akteure, aber eben auch der Senat geschaffen. Die Kulturförderung trägt dazu bei, den Berliner Charme zu erhalten und es ist ganz normal, dass sich die Stadt wandelt. Ist wäre naiv zu glauben, man könne die Stadt in ihrem heutigen Zustand konservieren. Leben - und lebendig ist Berlin ja nun wirklich - bringt Veränderungen mit sich. Die Begeisterung für die Stadt ist riesig im Ausland und diese positive Energie kommt allen zugute. Nur sollte man sich nicht hinter jahrelang gezüchteten Idiologien und Vorurteilen verstecken und Schwarzmalerei betreiben. Berlin ist Millionenstadt und es macht Spass hier zu leben - mit oder ohne Luxuswohnungen in der Innenstadt.
Vielleicht sollte mann vorher mal die Jenigen fragen, die in anderen Großstädten die gleichen Probleme haben und gerne die reichen Zentren aufgeben würden, wenn sie damit die Probleme in den Randlagen los würden. Das Loft Konzept des Senates und des Bezirkes Friedrichshain-Kreuzberg ist auch eine Entscheidung gegen das produzierende Gewerbe in Mitte und dessen Arbeitsplätze. Wer von denen einmal den Umzugswagen voll hat, der zieht gleich ganz aus Berlin weg, weil es im Umland wesentlich attraktivere Flächen gibt.
Diese sind aber mit ihren Kunden und Dienstleistern hoch vernetzt, was zu weiterem Wegzug oder Schließungen mit Arbeitslosen führt.
Das "Wir machen erst mal dicht und sehen was passiert" Konzept des Senates zeugt von einer tiefen Hilflosigkeit.
Grüße aus Mitte.
"der Berliner zieht sich nach Moabit, Neukoelln oder Lichtenberg zurueck. "
und das mit dem bevölkerungsaustausch im p'berg, is auch sehr traurig, aber das ging ja schon vor über zehn jahren los, also die szene in den f'hain gewechselt ist... weil der p'berg damals diesen flair entwickelt hat, bei dem heute nicht nur die autonomen diesen "oberflächlichen" ;) brechreiz bekommen... aber leider is diese entwicklung auch für den f'hain beschlossene sache... dort wird ja auch alles früher oder später saniert und seelenlos gemacht...
dem berliner, bleibt eigentlich nur noch die chance in den ehemaligen westteile zu ziehen, weil dort die zugezogen schon von der berlinschnauze kultiviert oder abgeschreckt sind.
Es ist einfach schlimm, wenn eine Gesellschaft derart kapituliert vor den Interessen dieser Partikularen!
Den Zuzug von Menschen mit Geld kann man eben nicht verhindern und will man vielleicht ja auch nicht generell.
Und kann mir mal bitte jemand erklären, was ich unter dem Begriff "Szene" verstehen soll?
Ich weiß nur, dass jeder Stadtteil, jede Bar und jede Gruppierung, die dieses Label bekommt oder sich selbst gibt, schon dem Untergang geweiht ist. Denn in diesem Wort schwingt etwas Elitäres mit. Und man braucht sich nicht wundern, wenn alle dazugehören wollen.
Anstatt im Geringsten in der Veränderung die Chancen und Perspektiven für den einzelnen zu erkennen, sieht man seinen geringen Lebensstandard auch noch bedroht und ruft nach dem Staat,der dem so Mutlosen dann bitte durch autoritäre Amtsführung Leistungsfähigere und Zahlungskräftigere vom Hals halten soll. Ein Wohnungsamt, das bestimmt, wer wo wohnen darf. Wie ganz früher.
Aber früher war sowieso alles besser.
"Gerd Nowakowski stellt im Tagesspiegel eine ganz normale Entwicklung vor: Es wird teuer, in der Stadt zu wohnen, und die einheimische Bevölkerung kann sich das nicht leisten. Im Kern ist etwas dran an der Meinung, dergleichen ließe sich nicht aufhalten. Dies unwidersprochen hinzunehmen, kann man freilich von den Betroffenen nicht erwarten, das kann sich allenfalls der überlegene Chronist erlauben, der über den Dingen schwebt und es besser weiß. Dieser wäre, wie Chat Atkins sagt, “Fatalist”.
Ist er aber nicht, weder das eine noch das andere. Er ist vielmehr ein Claqeur der Macht, einer, der zustimmt, um dabei zu sein. Er ist der Herr Schmidt, der alles mitmacht, weil er gern regiert wird und alles gut und richtig findet, was der Zeitgeist ihm zuflüstert.
Der Artikel ist ein Leuchtsignal neoliberaler Unmenschlichkeit, weil er die Wirklichkeit benennt und opportunistisch gutheißt, obwohl ihm die Tragik für die Betroffenen völlig bewußt ist"