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Hungrige Welt

Das Ende der Kolonialzeit

Die reichen Länder dieser Welt sorgen sich um ihren Reichtum. Sie haben Angst davor, Benzin und Elektrizität könnten knapp werden. Und geradezu panisch reagieren sie auf das, was sie als "Wohlstandsflüchtlinge" bezeichnen, ein gemein den wahren Wortsinn verschleiernder Begriff.
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Die Flüchtlinge, die aus Mexiko nach Nordamerika und aus Afrika nach Europa kommen wollen, flüchten nicht vor dem Wohlstand, sondern sie laufen ihm nach – hin zu uns, die diesen Wohlstand nicht nur bewahren und mit Zähnen und Klauen verteidigen, sondern auf Kosten der weniger entwickelten Welt ständig mehren. Dies jedenfalls ergab gerade eine im Auftrag der Weltbank und der Welternährungsorganisation FAO erarbeitete Studie. Der Vorwurf vor allem an die USA, Kanada, Australien und Westeuropa lautet, auf einen einfachen Nenner gebracht, diese reichsten Staaten der Erde würden den Rest des Planeten wie Kolonien behandeln. Natürlich wiesen die Regierungen dieser Länder eine solche Beschuldigung empört zurück, würde sie offiziell, etwa vor den UN, vorgebracht. Aber was die mit der Expertise beauftragten Wissenschaftler herausfanden, ist genau dies. Indem die Industriestaaten, durchaus guten Glaubens, der dritten Welt ihr vermeintlich überlegenes Wirtschafts- und Agrarsystem aufzwingen und ihre ökonomische Macht ausspielen, ruinieren sie diese Länder.

Simple Beispiele gibt es genug. Die Europäische Union subventioniert den Bau immer größerer Fischfangflotten und kauft Fangrechte vor den Küsten Afrikas auf. Mit dem Ergebnis, dass die portugiesischen und spanischen Trawler die traditionellen Fischgründe etwa der Senegalesen abräumen, und diese dann, völlig verarmt, auf maroden Kähnen an die Küste der kanarischen Inseln segeln, um dort auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Oder unsere Tendenz, vom Geflügel nur noch das Brustfleisch zu essen, den verwertbaren Rest der Tiere aber zu Dumpingpreisen auf asiatischen Märkten abzusetzen – und damit die dortige, die heimische, kleinbäuerliche Geflügelzucht zu ruinieren. Oder die Forderung der Welthandelsorganisation nach generell freiem Marktzugang, der den entwickelten Ländern zwar nützlich ist, den Aufbau eigener Agrarstrukturen in den Entwicklungsländern aber verhindert. Oder unser Irrglaube, Kunstdünger, künstliche Bewässerung und genetisch verändertes Saatgut, Dinge, die in Amerika zu höheren Erträgen führen, seien auch auf den kargen Böden Schwarzafrikas die richtige Antwort auf Hunger und Not. Oder der Aberwitz, dass in Südamerika der Anbau von Nahrungsmitteln zurückgeht, weil immer mehr Pflanzen an Vieh verfüttert oder in Biokraftstoffe umgewandelt werden.

Die Lehre aus all dem ist, dass wir uns wieder angewöhnen müssen, mehr Fragen zu stellen und weniger Gewissheiten zu verkünden. Die vermeintliche Überlegenheit unserer, der westlichen Lebensführung, erweist sich als Desaster, wenn ihre Regeln weltweit angewandt werden würden, weil dafür die Ressourcen der Welt nicht reichen. Das heißt nicht, ab sofort müssten sich Kargheit und Depressionen breitmachen. Viel hat mit Einsicht zu tun, und hinter manchem Verzicht steckt in Wahrheit ein Stück Gewinn an Lebensqualität.

Spötter würden wohl anmerken, reichlicher Lohn für ein bisschen weniger an Bequemlichkeit und Luxus sei ein deutlicher Rückgang von Gicht, Zucker und Herzkrankheiten. Darüber kann man ja sogar mal ernsthaft nachdenken, wenn schon keine andere Einsicht greift.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 17.04.2008)
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Kommentare [ 4 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von ludwigalfons ludwigalfons ist gerade offline | 17.4.2008 9:12 Uhr
Unbewohnbar
Die 1. Welt mit 500 Millionen Aufsteigern aus der 3. Welt unbewohnbar machen, läßt die restlichen Milliarden in der 3. Welt desorganisierter denn je zurück.
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von commentator commentator ist gerade offline | 17.4.2008 14:46 Uhr
Der Kommentar von Appenzeller
ist einer der seltenen zu diesem Thema, der lesenswert weil "richtig" ist.

Zu ludwigalfons wäre anzumerken, dass die "restlichen Milliarden" vermutlich viel weniger desorientiert sein werden, als er annimmt. Sie werden ihre legitimen Ansprüche sehr wohl zu adressieren wissen.
Allerdings zeichnet sich ab, dass sich das weniger geordnet als katastrophisch vollziehen wird. Wenn er allerdings darin das Desorganisierte sehen sollte, ist ihm zuzustimmen.

Basis des globalen Dilemmas ist das totale Unvermögen der, als solche nicht existierenden, Weltgemeinschaft, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen und Gesellschaftssysteme sozialer Verantwortung zu etablieren.
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von friedrich.lautemann friedrich.lautemann ist gerade offline | 17.4.2008 15:36 Uhr
Die letzte Ursache
Die Flüchtlinge, die zu uns kommen wollen, als "Wohlstandsflüchtlinge" zu bezeichnen, ist blanker Zynismus und als solcher unüberbietbare Dummheit. Es handelt sich um Desperados, die vor tödlicher Armut fliehen. Sie tun es um zu überleben; dabei riskieren sie ihr Leben. Sie kommen aus Ländern, denen wie die Studie zeigt, die Industriestaaten ihre eigenen Vorstellungen aufzwingen und dabei ihre ökonomische Macht in ruinöser Weise ausspielen - "durchaus guten Glaubens", wie Gerd Appenzeller schreibt. Nein, dreimal nein: nicht guten Glaubens! Sie wissen sehr wohl, was sie tun, die Regierungen der reichen Länder. Es ist ihnen egal, was sie anrichten. Es geht ihnen ja gut; und wozu sind die Armen und Schwachen da, wenn nicht zur Mehrung des eigenen Wohlstands? In einem hat der Autor Recht: die Menschheit müsste mehr Fragen stellen - neue. Zum Beispiel: Was ist die letzte Ursache für diese deprimierenden Sachverhalte? Ist es vielleicht die Lieblosigkeit als Ergebnis wahnvollen Denkens?
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von wilhelm wilhelm ist gerade offline | 17.4.2008 20:42 Uhr
„Basis des globalen Dilemmas ist das totale Unvermögen“
Hä? Unvermögen? Nein, die Mächtigen und Reichen haben überhaupt kein Interesse an „sozialer Verantwortung“. Das ist nicht zynisch: Das ist so. Ja, geschwatzt wird viel, aber „an ihren Taten werdet ihr sie erkennen“. Und, wie man hinzufügen muss, an ihren Unterlassungen.

Ende des Kolonialismus? Der Westen hat nur eingesehen, das landeseigene Regime besser geeignet sind ein Land auszubeuten, als eine fremde Zwangsverwaltung. Und wo der K. tatsächlich zu Ende ist, da gebärden sich die Regierungen oft schlimmer als die ursprünglichen Kolonialherren. Tja, die Schwarzen sind in diesem Sinne eben auch nur Weiße.

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