Zeitung Heute : A la française

BORIS KEHRMANN

Die Akademie für Alte Musik mit vier Brandenburgischen KonzertenAls Bach dem Markgrafen von Brandenburg die sechs seither ihm zubenannten Konzerte widmete, war der Komponist Mitte Dreißig.Solch einen jugendlich impulsiven Bach, keine geläuterte Kantorenmusik musizierte die Akademie für Alte Musik auf historischen Instrumenten im Kleinen Saal des Schauspielhauses: körnig im Klang, affektgeladen, sprunghaft, mit abrupten Pausen, energischen Umschwüngen der Gangart mitten im Satz, heftigen dynamischen Akzenten, straffen Tempi und einem zupaêkend frischen Bogenansatz.Soeben von einer erfolgreichen Tournee zurückgekehrt, spielt das Ensemble seine Lesart der unverwüstlichen Bach-Konzerte in diesen Tagen in Berlin für eine CD ein.Aus dem Gesamtzyklus waren aus diesem Anlaß in hochkarätiger Solistenbesetzung jene vier Werke zu hören, die außer Streichern auch Stimmen für Holz- und Blechbläser in verschiedenen Kombinationen enthalten. Daß es mit Bachs hochvirtuosen Horn- und Trompeten-Partien in Live-Aufführungen immer hapert, zählte im späten 19.Jahrhundert zu den Gründen, die Werke für unspielbar zu erklären oder umzuinstrumentieren.Ein Jahrhundert später bleiben Fragen im Raum, wie rein denn das erste Konzert mit den beiden obligaten Jagdhörnern, das zweite mit dem Trompeten-Show-Off zu Bachs Kapellmeister-Zeiten geklungen haben mögen und ob die Spieltechnik hier noch Fortschritte erzielen wird. Wie sehr Bach mit den charakteristischen Farben und Spielweisen der Instrumente seiner Zeit gerechnet hat, wurde aber auch in den perfekt geblasenen Trios deutlich, die im Schlußsatz des 1.Konzerts effektvoll mit der federnd gestrichenen Streicher-Polacca abwechselten. Begeisterten Beifall erhielten die drei Stars des Abends: Marion Verbruggen, die derzeit wohl weltbeste Blockflöten-Spezialistin, blies die Flötenstimme im 2.Konzert nicht steif im Metrum, sondern à la française, mit eleganten rhythmischen Verzögerungen und wundervoll verspielten Verzierungen.Christine Busch verband auf ihrer Piccolo-Violine eine energisch-virtuose Artikulation mit einem persönlichen, warmen Ton, von dem sich die phänomenale Midori Seiler im 4.Konzert mit feuriger, auch schroffer Attacke abhob, um dann wieder die schmelzendsten Ton-Girlanden zu winden.Die Art, wie hier, bei makelloser Beherrschung des Technischen, jede kleinste Note im Sinne klangsprachlicher Artikulation ihre individuelle Bedeutung trug, ohne daß der geschmeidige Spielfluß oder der formale Zusammenhang darunter gelitten hätten, war eine der aufregendsten Konzert-Erfahrungen der letzten Zeit.BORIS KEHRMANN

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben