Zeitung Heute : Ab in die Küche Kleine Philosophie über das Heim des Herds

Susanne Kippenberger

Der Bauer wohnt in der Küche. Ein ganzes hübsches Holzhaus hat Isak für sich alleine, aber leben tut er nur hier: Vor der Spüle hängt der Junggeselle seine Wäsche auf und schneidet seinem Freund die Haare, mit Käse füllt er die Mausefallen am Küchentisch, an dem er seine Pfeife raucht, in der Küche badet er, trinkt Kaffee und grübelt vor sich hin. Nur zum Kochen und Essen zieht der Bauer sich ins Schlafzimmer zurück. Bei so was Intimem will er sich wohl wirklich nicht beobachten lassen. Und beobachtet wird der Eigenbrötler ganz genau, von Folke, der auf einem Hochsitz in Isaks Küchenecke sitzt und jeden Handgriff, jeden Schritt, den der knorrige Bauer macht, genau notiert.

„Kitchen Stories“ heißt der wunderbare norwegische Film, der, seit dieser Woche im Kino, die Geschichte von Isak und Folke und der modernen Küche erzählt. Denn auch wenn der Plot erfunden ist, die Geschichte ist wahr: Das schwedische Institut für Heim und Haushalt wollte der Hausfrau die Arbeit erleichtern, die Wege zwischen Spüle, Topf und Herd verkürzen. Also schickte man Feldforscher wie Folke aus, damit die Hausfrau bei der Arbeit nicht mehr die Strecke von Stockholm bis Afrika absolvieren, sondern nur noch bis Norditalien wandern musste.

Maschine Mensch

Die durchrationalisierte „Schwedenküche“ von der Stange machte auch in Deutschland Furore, vollendete die Revolution, die in den 20er Jahren hier begonnen hatte. Für den sozialen Wohnungsbau hatte Margarete Schütte-Lihotzky nämlich die berühmte „Frankfurter Küche“ entworfen, die auf kleinstem Raum alles in Schubladen und Schränken verstaute. Ein Muster an perfekter Organisation, entworfen von einer Frau, die das Kochen hasste – das Urmodell der modernen Einbauküche.

An alles haben deren Architekten gedacht, an den Müll, ans Besteck, an die Töpfe. Nur an den Menschen nicht. Der ist nun mal nicht gern allein. Dazu aber wurde die Hausfrau nun gezwungen, in eine Zelle wurde sie eingesperrt, musste die Arbeit wie eine Strafarbeit erledigen, immer mit dem Gesicht zur Wand. Die Küche war wie eine Fabrik rationalisiert, der Mensch nur noch Maschine. Der Tisch, bis dahin immer im Zentrum, wurde verbannt: Er stand der Doktrin der kurzen Wege im Wege.

Die Idee war gut, die Folgen fatal. Denn wenn die Küche so klein sein und trotzdem funktionieren konnte, dann sollte sie fortan auch immer so klein bleiben. Die Wohnzimmer gerieten immer üppiger, die Küche schrumpfte zur Einzelhaft. Der Hausfrau war die Arbeit erleichtert worden – aber zur Strafe ließ man sie allein damit. Für helfende Hände fehlte der Platz, Kinder und Männer blieben draußen. Statt langer Wege zwischen Spüle und Herd musste die Hausfrau nun noch längere zwischen Spüle und Kinderzimmer, Herd und Esszimmer zurücklegen.

Sozialisten wollten die Küche am liebsten gleich ganz abschaffen. In den fortschrittsbeseelten 20er Jahren wurden „Einküchenhäuser“ entworfen, deren Bewohner, vom Kochen ganz befreit, in hauseigenen Restaurants essen sollten. Aber Geschmack ist nun mal Geschmackssache: Schnell fingen die Bewohner an, in ihren Bädern zu brutzeln. Die Idee der Sozialisten war asozial, sie übersahen, dass Kochen (und anschließende Essen) nicht nur Last, sondern Lust sein kann. Sie ignorierten, was jeder Partygänger weiß: dass die Küche das Herz einer Wohnung ist, nahrhaft und warm, lässiger, entspannter als das steife Wohnzimmer.

Die Einbauküche im DIN-Format hat sich hartnäckig gehalten. Fatalerweise wurde sie in der Regel von eben jenen Männern, die selber nie spülten und kochten, entworfen: Küchen, die bestenfalls schick anzusehen, schlimmstenfalls nicht zu gebrauchen waren. Und die wie Krankenhäuser aussahen – klinisch weiß, steril und kalt.

„Mit dem Tisch verschwand die Muße, der Leerlauf, die Küchenarbeit wurde zur Fertigung“, klagte der Designer Otl Aicher 1982 und ging in die Offensive. „Die Küche zum Kochen“ forderte der Grafiker, der ZDF, Lufthansa und den Olympischen Spielen in München das Corporate Design verpasste, in einem Buch – und damit: „Das Ende einer Architekturdoktrin“. Die Firma Bulthaup, der Mercedes unter den Küchenherstellern, hatte den Gründer der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm gebeten, die Küche mal gründlich zu untersuchen. Nicht mit dem Zentimetermaß, wie Folke in „Kitchen Stories“, sondern mit Augenmaß. So zog der leidenschaftliche Koch und Familienmensch, Bauernhofbewohner und eigenwilliger Individualist wie Isak, los – aber nicht zu den Hausfrauen, sondern zu den Profis. Und stellte verblüfft fest, dass es bei denen so aussah wie bei ihm zu Hause. In den Küchen der Restaurants, wo unter Hochdruck extrem effizient gekocht werden muss, standen die Töpfe nicht im Schrank versteckt, sondern im offenen Regal, in der Nähe des Herds. Nach Messern musste der Koch nicht lange in der Schublade kramen, die hingen griffbereit am Magnetband. Messbecher, Schöpflöffel, alles stand und hing da, wo der Koch es wirklich braucht.

Eine Küche ist nun mal weder Fabrik noch Laboratorium, schrieb Otl Aicher seinen Kollegen hinter die Ohren, sie ist Werkstatt und Wohnzimmer. Otl Aicher machte auf den fatalen Denkfehler aufmerksam, dass die frühen Reformer das Kochen allein als Fron betrachteten, vor der es die Frau zu befreien galt, das Essen als Notwendigkeit und nicht als etwas, was für Mann und Frau Vergnügen sein könnte. Genau das aber entdeckten die 68er-Rebellen, die die Wohnküche wieder hoffähig machten. Sie kochten zusammen, erklärten den Esstisch wieder zum Lebensmittelpunkt. Die Einrichtung kauften sie nicht im Küchenstudio, die stückelten sie zusammen: vom Sperrmüll und Trödel, von den Eltern und im Laden.

Der Koch als Maß aller Dinge

Eine Küche, die nicht wie eine Küche aussieht: Wer vor zehn, zwölf Jahren mit diesem Wunsch in den Fachhandel kam, wurde angestarrt, als hätte er beim BMW-Händler einen Teller Spaghetti verlangt. Dabei konnte jeder, der Fernsehen guckte, entdecken, dass es auch anders ging: In amerikanischen Filmen sahen die Küchen schon immer so aus wie heute bei uns – wohnlich, offen, warm und bunt.

Heute sehen die modernen Küchen im Grunde aus wie die von Isak im Film. Nur luxuriöser natürlich. Die Behaglichkeit des 20. Jahrhunderts paart sich mit der Technik des 21., dem guten Dunstabzug zum Beispiel, Einbauelemente werden mit wohnlichen Stücken individuell kombiniert. In geschlossenen Schränken können Vorräte verschwinden und Geräte, die man selten braucht; offen wird das präsentiert, was schnell zur Hand sein soll. Anstelle der Küche von der Stange, aus einem Guss, stellt man sich selbst wie aus Legoteilen alles zusammen: Tische vom Trödel, Regale von Ikea und Module vom Küchenhersteller. Die gibt’s inzwischen auch in „paprika“, „safran“ und „olive“. Musste der Mensch sich früher dem Standardmaß anpassen, ist für Bulthaup heute „der Kunde das Maß aller Dinge“. Der kauft, was er will – und was er sich leisten kann. Denn eine Küche kann heute so viel kosten wie ein ganzes Haus, avancierte zum Prestigeobjekt, oft großartiger als die Künste des Kochs.

Neben dem Esstisch hat die luxuriöse Wohnküche noch einen zweiten Mittelpunkt zurückbekommen: die Insel zum Arbeiten, wie sie in allen Profiküchen steht, ein freistehender, oft mobiler Arbeitsblock, mit Schubladen, Herdplatten, Arbeitsplatten. Schluss mit dem einsamen Schnibbeln, das Gesicht zur Wand – an der Insel wird das Kochen zum geselligen Akt.

Im Grunde ist die Insel die Ur-Küchenform. Am Anfang war ja das Feuer, der offene Herd, drumherum hat sich alles andere – Kochen, Essen, Zusammensein – entwickelt. Erst die Reichen konnten es sich leisten, Wohnen, Essen und Kochen zu separieren; in die Küche schickten sie nur noch Dienstboten.

Früher lebten Arbeiter und Bauern in der Wohnküche, heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Im sozialen Wohnungsbau werden die Menschen in kleine Küchenzellen gesteckt, wer es sich leisten kann, richtet sich eine üppige Wohnküche ein.

„Living kitchen“, so nennt man das heute. Eine Küche, die lebt, die sich wandelt und wächst. So eine hat Otl Aicher gehabt, auf die war er stolz. Wenn ihn jemand fragte, was das Beste sei, was er entwickelt hat, sagte der Designer gerne: „ein Loch“. Ein Loch, das er in die Arbeitsplatte seiner Kochinsel bohrte, um Kartoffelschalen und Apfelkern gleich vom Schneidebrett in den organischen Abfalleimer zu schieben. „Das ist der Clou unserer Küche.“ Wie schreibt die Schriftstellerin Birgit Vanderbeke in einem autobiographischen Essay zum Thema: „Meine Küche bin ich.“

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