Zeitung Heute : Ab März läuft die Real-Life-Soap auch in Deutschland - härter als das holländische Original

Anna Fuchs

Die Unterkunft hat nicht einmal den Charme einer alten Jugendherberge. Für zehn Personen gibt es 153 Quadratmeter kärglich möblierte Wohnfläche in Leichtbauweise mit Etagenbetten und eitergrünem Bad. Dennoch gibt es 16 000 Menschen, die unbedingt dort einziehen wollen - und das auch nur nach strengster Eingangskontrolle: Sie müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und ihr Vorleben überprüfen lassen. Sie unterziehen sich einer intensiven medizinischen Untersuchung inklusive Belastungs-EKG. Sie lassen sich psychisch ausleuchten, ob sie "ein guter Typ" und seelisch stabil sind, dabei zugleich durchsetzungs- und gruppenfähig.

Wenn jemand für all diese Kriterien ein Häkchen bekommen hat und auch noch im passenden jugendlichen Alter für den Privatsender ist, dann darf er möglicherweise für 100 Tage Abschied nehmen von Frau und Kind, Freunden und Heim. Wenn er nämlich einer der zehn Kandidaten für "Big Brother" ist und am 1. März in den von der Außenwelt abgeschotteten Container im Kölner Vorort Hürth einzieht.

16 000 Bewerbungen hat RTL 2 für die deutsche Version der holländischen Show bekommen, die im Nachbarland zunächst sehr umstritten war und dann zum Medienereignis des Jahres wurde. 500 Bewerber blieben nach Auswertung der Fragebögen übrig, die letzten 50 sind in diesen Tagen beim Psychotest, am 20. Februar stehen endgültig fünf Männer und fünf Frauen als Teilnehmer fest. Sie werden keine Zeitung, kein Fernsehen, kein Telefon, keine Uhr haben, müssen sich im Gegenzug aber Tag und Nacht von 28 Kameras und vier Infrarot-Kameras beäugen, von 60 Mikrofonen und seinen eigenen Körpermikro belauschen lassen.

RTL 2 zeigt das Gruppenleben montags bis freitags jeweils in einer Zusammenfassung zwischen 20.15 und 21.05 Uhr. Sonntags gibt es um 20.15 Uhr zwei Stunden lang einen Rückblick und einen Talk dazu, alle zwei Wochen stimmen die Zuschauer darüber ab, wer gehen muss. Da der große Senderbruder RTL die Rechte an der Show mitgekauft hat, ist es in der Branche mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass im Falle eines Riesenerfolges diese Zusammenfassung den Sender wechselt.

Der Kandidat, der zwischen Gruppendynamik und Eigennutz geschickt jongliert, übersteht womöglich die Ausweisungen der Fernsehzuschauer alle zwei Wochen und bekommt als letzter Container-Bewohner am 9. Juni 250 000 Mark - die anderen sind um eine Erfahrung reicher, so Produzent Rainer Laux.

Diese Form von Käfig-TV ist neu in Deutschland. Nachdem Laux zuletzt reißerisch angekündigt hatte, dass die Kandidaten bei RTL 2 härter angefasst werden als beim holländischen Original, war Senderchef Josef Andorfer bei der Pressekonferenz gestern in Köln ganz um Harmonie bemüht: "Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die wir bei aller gewünschten Dynamik für das Wohlergehen der Kandidaten haben. Wir werden es an einer umfassenden Fürsorge nicht fehlen lassen."

Bei Konflikten gebe es die Möglichkeit, im sogenannten Sprechzimmer mit einem Psychologen zu reden - ausnahmsweise ohne Kamera. Falls aber einer den Lagerkoller kriegt und entnervt zum Küchenmesser greift, dürften wohl erst die Kameras rotieren, bevor die Techniker ein mobiles Einsatzkommando auf die Beine gestellt haben. Der Internet-Auftritt steht immerhin schon. 20 Kameras übertragen ständig Live-Bilder ins Internet.

Verdrahtet, versendet, verkauft - ein Trost bleibt den Kandidaten dennoch. Der Garten (284 Quadratmeter, umzäunt und sichtverblendet) dient zwar vornehmlich zum Holzhacken und zur Gemüsezucht ist aber auch - wie RTL 2 ausdrücklich vermerkt - "nach oben offen".

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