Zeitung Heute : ABC Hypochonder Das

Sie fürchten Katzen, Handys, Toiletten – und haben wie Andy Warhol immer ein paar Pillen dabei: Alles über die eingebildeten Kranken.

Jessica Braun

ALARMBEREITSCHAFT

Der Zustand, in dem sich ein Hypochonder ständig befindet: Hinter jedem Niesen, Jucken oder Brennen könnte sich ja eine tödliche Krankheit verbergen.

BAKTERIEN

Leben in billionenfacher Zahl im und auf dem menschlichen Körper und unterstützen lebenswichtige Funktionen. Für den Hypochonder sind sie trotzdem eine ständige Bedrohung, da manche Bakterien auch Infektionen oder Sepsen (wie zum Beispiel Blutvergiftung, Blasen- oder Lungenentzündung) auslösen können.

CYBERCHONDRIE

Die moderne Form der Hypochondrie. Betroffene verbringen täglich mehrere Stunden damit, ihre Symptome bei Google einzugeben, um sich selbst zu diagnostizieren (=> Internet). „Rund 90 Prozent der Hypochonder mit Internetanschluss bekommen früher oder später Cyberchondrie“, behauptet der US-Psychiater Brian Fallon von der Columbia Universität in Ohio.

DONALD DUCK

Kopfschmerzgeplagte Hauptfigur in „Walt Disneys Lesespaß Nr. 5: Oma Duck und der eingebildete Kranke“ von 1990. Der Comic ist eine Adaption des Theaterstücks „Der eingebildete Kranke“ (=> Jean-Baptiste Poquelin).

ELEKTROSMOG

Wird auch als Pest des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Gepulste oder ungepulste elektromagnetische Bestrahlung durch Stromleitungen, Handys oder Computer soll für Schwindel, Kopfschmerz und erhöhtes Krebsrisiko verantwortlich sein. Wissenschaftlich nicht nachgewiesen, deswegen ideal für Hypochonder: „Mir wird schwindelig, wenn ich im Großraumbüro sitzen muss.“

FELINOSE

Auch als „Katzenkrankheit“ bekannte Infektion, die durch Kontakt mit Hauskatzen übertragen werden kann. Während das Bakterium der Katze selbst nicht schadet, kann es beim Menschen zu Lymphknotenentzündung, Fieber und masernähnlichem Ausschlag führen. Sieht man einen Menschen auf einem Baum sitzen und eine Katze anfauchen, die sich darunter putzt, ist es wahrscheinlich ein Hypochonder mit Angst vor Felinose.

GEORGE KIMBALL

Unter Hypochondrie leidende Hauptfigur in der romantischen Komödie „Schick mir keine Blumen“ von 1964. Kimball (Rock Hudson) belauscht ein Telefongespräch seines Arztes, in dem dieser einen todkranken Patienten erwähnt. Kimball hält sich irrtümlich für besagten Patienten und beschließt für seine Ehefrau (Doris Day) einen neuen Ehemann zu suchen, damit sie nach seinem Tod nicht alleine bleiben muss.

HOCHSTAPLER

Gegen einen 59-jährigen Frührentner aus Österreich wurde Anfang 2008 wegen Betrugs ermittelt. Der Mann hatte in drei Jahren 93 Krankenhäuser aufgesucht und eine Verletzung vorgetäuscht. Gestützt auf schwer nachzuweisende Symptome erschlich er sich auf diesem Weg Essen und Übernachtungen. Geschätzter Schaden: 100 000 Euro.

INTERNET

Ideales Medium, um sich über bekannte, neue und seltene Krankheiten zu informieren oder selbstdiagnostizierte Symptome zu googlen. Webseiten wie DocCheck Flexikon (das Wikipedia für Hypochonder), Netdoktor oder Onmeda sind beliebte Tummelplätze für eingebildete Kranke.

JEAN-BAPTISTE POQUELIN („MOLIÈRE“)

Französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker. Schrieb 1673 das Stück „Le Malade imaginaire“ („Der eingebildete Kranke“). Bei der vierten Aufführung, in der er selbst die Rolle der Hauptfigur Argan übernahm, erlitt Molière einen Schwächeanfall. Er starb kurz darauf im Alter von 51 Jahren.

KOGNITIVE VERHALTENSTHERAPIE

Gilt als die beste Heilmethode für Hypochonder. Wird zum Teil in Kombination mit Antidepressiva angewendet. Laut eines Studienprojektes an der Universität Mainz liegt die Erfolgsquote der dreimonatigen Therapie bei 80 Prozent.

LEIDENSGENOSSEN

Der deutscher TV-Satiriker Harald Schmidt („Ich gehe gern in Ärztehäuser mit vielen Fachärzten. Um acht Uhr morgens anfangen und dann von oben nach unten durch die Etagen.“) befindet sich in guter Gesellschaft: Berühmte Hypochonder sind zum Beispiel Woody Allen (=> Nebenrolle), Charlie Chaplin, Winston Churchill, Friedrich der Große, Jürgen von der Lippe und Thomas Mann. Auch der Künstler Andy Warhol soll immer ein Päckchen Tabletten dabei gehabt und sich panisch vor Krebs gefürchtet haben. Zuletzt bekannte sich die Komikerin Cordula Stratmann zur Hypochondrie. Ihr kürzlich erschienener Ratgeber heißt: „Ist dieses Buch ansteckend?“

MUSKELSPASMEN

Unkontrollierte, starke Muskelanspannung (Krampf), die sehr schmerzhaft sein kann. Bei Sportlern oft ausgelöst durch Magnesiummangel, bei Nichtsportlern auch auf zu wenig Kalzium im Blut zurückzuführen. Da Krämpfe aber auch Symptome von schwerwiegenden Krankheiten wie Creutzfeld-Jakob oder Tollwut sein können, sind sie für Hypochonder Indiz für ihr baldiges Ableben.

NEBENROLLE

Von Regisseur Woody Allen in dem Film „Hannah und ihre Schwestern“ übernommener Part. Hypochonder Allen spielt Mickey, einen Mann, der davon überzeugt ist, dass seine Hörprobleme von einem Hirntumor ausgelöst werden.

ÖFFENTLICHE TOILETTEN

Ein Thema, das man nicht in Gegenwart von Hypochondern anschneiden sollte. Wird sonst gefolgt von einem Monolog über Hygiene und alle Krankheiten die auf WCs übertragen werden können – Darminfektionen, Typhus, Cholera, Salmonellen, in seltenen Fällen auch Hepatitis A, Wurmerkrankungen, Chlamydien und Geschlechtskrankheiten.

PLACEBO

Meist in Tablettenform gereichtes Ersatzpräparat ohne Wirkstoff. Die Vorstellung, ein Arzt könnte ihnen Pfefferminzdragees statt echter Medikamente verabreichen, belastet Hypochonder extrem. Noch verheerender ist nur der „Noceboeffekt“: Durch entsprechende Erwartungen des Patienten können wirkungslose Placebos nämlich echte Nebenwirkungen wie Migräne und Krämpfe auslösen.

QUOTE

Ist nicht eindeutig zu bestimmen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind fünf Prozent der Menschen in einer Arztpraxis Hypochonder. Bei einer Studie der Universität Marburg litten dagegen nur drei Prozent der Befragten unter ausgeprägten Krankheitsbefürchtungen.

RÄUSPERN

Geräusch, das bei Hypochondern zu einer sofortigen Stressreaktion führt. Eigenes Räuspern wird als Indiz für Kehlkopfkrebs interpretiert. Fremdes Räuspern führt wegen möglicher Ansteckungsgefahr zur Flucht.

SIGMUND FREUD

Der Psychoanalytiker definierte Hypochondrie als neurotische Leibbezogenheit. Hypochonder zögen, so Freud, jegliches Interesse (auch das sexuelle) von der Außenwelt ab und richteten es auf den eigenen Körper, beziehungsweise auf ein bestimmtes Organ. Da sie sich selbst mehr Aufmerksamkeit schenken als ihrer Umwelt, darf man Hypochonder getrost als selbstverliebt bezeichnen.

TRÖPFCHENINFEKTION

Übertragung von Krankheitserregern durch körpereigene Sekrete, beispielsweise beim Sprechen, Niesen oder Husten. Die Angst vor Tröpfcheninfektionen kann bei Hypochondern schlimmstenfalls zum Tragen eines Mundschutzes führen. Anschauliches Beispiel: Popstar Michael Jackson.

UNTERER RIPPENBOGEN

Von Hippokrates als „Hypochondrien“ bezeichnet. In der Antike betrachtete man sie unter anderem als Entstehungsort der Melancholie. Das Wort „Hypochonder“ wurde später davon abgeleitet.

VIREN

Krankheitserreger. Werden von der Spielwarenfirma Tobias Dietrich als Plüschtiere angeboten – die zehn bis zwanzig Zentimeter großen Modelle gibt es etwa in den Varianten „Grippe“ oder „Pfeiffersches Drüsenfieber“. Ideales Geschenk für Hypochonder.

WHO-KLASSIFIKATION

Hypochondrie findet sich im Leitfaden der Weltgesundheitsorganisation unter dem Kürzel F45.2 im Kapitel „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“. Laut Definition werden normale oder allgemeine Körperwahrnehmungen und Symptome von dem betreffenden Patienten oft als abnorm und belastend interpretiert und die Aufmerksamkeit meist auf nur ein oder zwei Organe oder Organsysteme des Körpers fokussiert (=> Sigmund Freud).

X-CHROMOSOM

Auch zwei davon schützen nicht vor Hypochondrie. Zwar wird die Störung meist Männern zugeschrieben, sie betrifft aber gleichermaßen auch Frauen.

YERSINIOSE

Durch Yersinia-Bakterien verursachte Durchfallerkrankung, die durch rohes Fleisch, Trinkwasser oder Haustiere übertragen werden kann. Wird von Hypochondern als Grund vorgeschoben, warum sie nicht in ein exotisches Urlaubsland fahren/zum Fleischer einkaufen gehen/auf den Hund des Nachbarn aufpassen können.

ZIVILISATOSE

Durch modernes Leben hervorgerufene Krankheit (=> Elektrosmog). Die Entdecker Peter Jentschura und Josef Lohkämper wollen herausgefunden haben, dass nahezu überall Säuren lauern, die – wenn sie nicht mit Entschlackung bekämpft werden – die Organe verätzen.

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